Moderne Roboter – das Wort kommt vom slawischen „robota“ und bedeutet „Arbeit“ – rücken der Vision recht nahe. Die Automaten sind mittlerweile überall, auch wenn wir sie nicht immer erkennen, sagt der britische Mathematiker Sir Michael Brady.
Herr Professor Brady, Sie werden am morgigen Mittwoch die Queen’s Lecture an der Technischen Universität Berlin halten. Ihre Vorgänger sprachen über Klimaforschung, Zukunftsenergien, Stammzellen und andere Themen, die die Menschheit bewegen. Sie reden über Roboter. Sind sie wirklich schon so wichtig?
Sir Michael Brady (66) forscht als emeritierter Professor für Informatik und Onkologie an der Oxford University. Der studierte Mathematiker baute vor rund dreißig Jahren das berühmte Labor für Künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology mit auf. Zurück in England gründete er an der Universität Oxford ein Robotik-Laboratorium und ein Medical Vision Laboratory mit Schwerpunkt in der Krebsdiagnostik und mehrere Unternehmen. Für seine Verdienste wurde Sir Michael im Jahr 2003 von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.
Die Queen’s Lecture ist ein Geschenk der englischen Königin an die Stadt Berlin. Von 1966 bis 1975 hielt einmal im Jahr ein renommierter britischer Wissenschaftler einen Vortrag. Wieder aufgenommen wurde die Tradition im Jahr 1997 von der Technischen Universität Berlin in Zusammenarbeit mit der Britischen Botschaft und der internationalen Kulturorganisation British Council.
Wichtig sind sie seit Langem, vor allem in der Automobil- und Fertigungsindustrie. Dort werden sie als schnelle, exakte und belastbare Arbeitssklaven geschätzt. Aber für die Öffentlichkeit ist das zu weit weg und deshalb waren Roboter lange kein Thema. Das ändert sich gerade
Warum sind Roboter jetzt der Rede wert?
Sie rücken näher an uns heran. Durch die Wohnzimmer fegen die ersten Putzroboter, in den Kliniken assistieren Roboter bei der Operation und auch in Alten- und Pflegeheimen werden die automatischen Helfer getestet: beim Servieren von Getränken, zur Überwachung, aber auch in Plüschtierform zum Schmusen. Es gibt noch viele weitere Beispiele.
Warum können Roboter heute so viel mehr als früher?
Weil sie nicht mehr blind, taub und gefühllos wie am Anfang sind. Ausgestattet mit winzigen Sensoren und Aktoren können sie ihre Umwelt wahrnehmen und darauf reagieren. Besonders deutlich wird das bei den sogenannten Exoskeletten. Das sind Roboter zum Überziehen. Mit ihrer Hilfe können Querschnittsgelähmte wieder stehen und gehen.
Welche technischen Durchbrüche haben das ermöglicht?
Ich bin gut dreißig Jahre auf dem Gebiet tätig und glaube sagen zu dürfen: Den Ausschlag haben nicht einzelne Durchbrüche gegeben, sondern viele kleine Fortschritte. Die Kosten für die Komponenten sind gesunken und die Elektronik ist immer kleiner geworden – das sind zwei ganz wichtige Aspekte. Noch sind Roboter dem Menschen in vielerlei Hinsicht unterlegen. Wird sich das ändern?
Jedes Schaf kann mehr als ein Roboter. Das Tier streift mühelos durch die Natur, frisst Gras, wächst, kommuniziert und vermehrt sich – daran scheitert bisher jeder Automat. Wird sich das in Zukunft ändern?
Ich weiß es nicht. Ich konzentriere mich lieber auf Anwendungen, die heute schon in Sichtweite sind.
Zum Beispiel?
Dass in Afghanistan immer noch Soldaten Minen wegräumen, und in Fukushima am Ende doch Arbeiter in das verstrahlte Atomkraftwerk geschickt wurden, ist verrückt. Das sollten typische Jobs für Roboter sein. Auch im Bergbau gibt es bisher kaum Roboter, ebenso wenig in der Landwirtschaft. Viele gefährliche, monotone oder kraftzehrende Tätigkeiten könnten heute automatisiert werden.
Was zu höherer Arbeitslosigkeit führen würde.
Ja, das ist anfangs wohl kaum zu vermeiden. Die Erfahrung zeigt aber, dass später oft neue Industrien entstehen mit anderen Arbeitsplätzen, für die höhere Qualifikationen erforderlich sind. Dabei verändert sich die Gesellschaft. Insgesamt fällt die Kosten-Nutzen-Bilanz für die Robotik positiv aus.
Was hat Sie zur Robotik gebracht
Nach meinem Mathematikstudium wollte ich möglichst praxisnah arbeiten. So bin ich zur medizinischen Bildgebung gekommen. Das Interesse daran verstärkte sich, als meine Schwiegermutter an Brustkrebs starb. Ich wollte unbedingt zur Früherkennung von Tumoren beitragen, damit möglichst viele Frauen von den dann noch guten Heilungschancen profitieren können. Wir haben Roboter gebaut, die pathologische Muster in Brustgewebe erkennen können. Und Roboter für die Therapie entwickelt, etwa für schonende, präzise Operationen und Strahlenbehandlungen.
Sie sind nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Unternehmer. Was produzieren Ihre Firmen und wie laufen die Geschäfte?
Es sind insgesamt fünf Firmen, von denen drei Software für die medizinische Bildanalyse herstellen. Allen Firmen geht es gut. Besonders profitabel ist die Guidance Ltd., ein Unternehmen, das Navigationsgeräte für mobile Roboter produziert. Ich fördere auch Ausgründungen meiner Mitarbeiter. Sehr erfolgreich ist zum Beispiel die Firma 2D3, in der die Spezialeffekte der Harry-Potter-Filme entstanden sind.
Wo rangiert das Robotik-Land Großbritannien im weltweiten Vergleich?
Wir sind in zwei Bereichen führend, nämlich bei den autonom agierenden Roboterfahrzeugen und in der elektronischen Bildanalyse. Insgesamt betrachtet liegen die USA auf Platz eins, danach kommen mit einigem Abstand Deutschland und Japan.
Was ein Roboter ist, wird sehr unterschiedlich definiert. Welche Beschreibung gefällt Ihnen besonders gut?
Ein Roboter ist eine verblüffend beseelte Maschine. Dieser Satz ist dreißig Jahre alt und immer noch hübsch.
Das Gespräch führte Lilo Berg.
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