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27. Februar 2013

Medien: Facebook auf dem Stundenplan

 Von Katja Irle
Nichts geht ohne: Digitale Medien und soziale Netzwerke gehören für Kinder und Jugendliche längst zum Alltag  Foto: dpa

Medienkompetenz ist neben Lesen, Schreiben und Rechnen die vierte Kulturtechnik, sagt der Schweizer Professor Beat Döbeli Honegger. Deshalb plädiert er für ein Schulfach Medienbildung.

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Soll Medienbildung, also der Umgang mit Facebook und Co, ein eigenes Fach werden oder nicht? Der Informatiker und Mediendidaktiker Professor Beat Döbeli Honegger arbeitet am Schweizer Lehrplan mit und kennt auch die deutsche Debatte pro und kontra eigenes Schulfach.

Herr Döbeli Honegger, ist Medienbildung genauso wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen?

Ja. Medienkompetenz ist die vierte Kulturtechnik, die alle Schülerinnen und Schüler beherrschen sollten.

Sollten Schulen deshalb ein eigenes Fach dafür einrichten?

Ja, weil das Thema Raum und Verbindlichkeit braucht. Digitale Medien und der Umgang mit ihnen sollen aber auch in anderen Fächern fest verankert werden.

Zur Person
privat

Beat Döbeli Honegger ist Professor für Medienbildung und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz. Er arbeitet mit am Lehrplan 21, mit dem die deutsch-schweizer Kantone unter anderem die Medienbildung gemeinsam verbindlich festschreiben wollen. Der Informatiker plädiert für ein eigenes Fach „Medienkompetenz“. Auch in Deutschland wird seit Jahren darüber diskutiert, bislang ohne konkretes Ergebnis.

Wäre das verglichen mit der Unterrichtszeit für Mathe, Deutsch oder Geografie nicht unverhältnismäßig?

Nein. Nehmen wir das Beispiel Deutsch: Die Sprache spielt in allen anderen Fächern eine große Rolle – aber trotzdem ist Deutsch ein eigenes Fach und niemand käme auf die Idee, es abzuschaffen. Auch bei der Medienbildung müssen wir zweigleisig vorgehen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass wir ein Extra-Fach nur für eine gewisse Übergangszeit brauchen.

Warum?

In 30 Jahren ist die Medienkompetenz bei Schülern und Lehrern hoffentlich so weit entwickelt, dass sie Teil des Systems Schule geworden ist. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Nur ein eigenes Fach kann dafür sorgen, dass Medienkompetenz verbindlich und auf einem akzeptablen Niveau in allen Schulen implementiert wird. Bislang hängt es meistens vom Engagement des Lehrers ab, ob und wie sehr Medienbildung thematisiert wird. Das reicht nicht.

Ein zusätzliches Fach würde bedeuten, dass anderswo eingespart wird. Wo würden Sie denn kürzen? Facebook-Verstehen statt Sport?

Das ist die böse Frage, die allen neuen Themen in der Schule gestellt wird. Man kann sie nicht pauschal beantworten. In der Schweiz hat zum Beispiel der Kanton Solothurn bislang als einziger die Medienbildung zum eigenen Fach erklärt und den Kindern eine Zusatzstunde verordnet – allerdings hatte Solothurn verglichen mit anderen Kantonen auch weniger Wochenlektionen.

In Deutschland hat die Kultusministerkonferenz (KMK) 2012 beschlossen, Medienbildung als „Pflichtaufgabe schulischer Bildung“ zu verankern. Das wird aber in den Bundesländern sehr unterschiedlich umgesetzt. Was raten Sie?

Deutschland und die Schweiz haben da ein ähnliches Problem: Wir sind zwar kleiner, aber bei der Bildung genauso föderativ. Jeder Kanton hat seinen eigenen Lehrplan. Mit dem jetzt erarbeiteten Lehrplan 21 versucht die Erziehungsdirektorenkonferenz, also die Versammlung der Bildungsverantwortlichen, nun erstmals, für alle deutschsprachigen Kantone einen gemeinsamen Lehrplan zu gestalten – inklusive Medienbildung.

Was sollten Schüler Ihrer Ansicht nach in diesem Fach konkret lernen?

Eine Mischung aus drei Komponenten: Erstens müssen sie die digitalen Medien kompetent anwenden können. Zweitens sollten sie die Potenziale und Gefährdungen der neuen Medien kritisch hinterfragen. Und drittens sollten Schüler einen altersgerechten Informatikunterricht erhalten.

Unterricht ab der Grundschule

Soll dieser Drei-Komponenten-Plan schon ab der Grundschule greifen?

Ja. Spätestens in der fünften oder sechsten Klasse haben mehr als 95 Prozent der Schüler ein eigenes Handy. Die meisten Kinder kommen sogar schon vor dem Kindergartenalter mit digitalen Medien in Kontakt. Da können wir nicht so tun, als würden wir in der Kita oder der Grundschule erst damit anfangen, sie langsam an diese Dinge heranzuführen. Die Kinder werden künftig ein Tablet unterm Arm haben und ihre Erzieherinnen oder Lehrerinnen fragen: „Ich habe hier ein Spiel – können wir das zusammen machen?“

Für Kritiker der digitalen Medien ist das eine Horror-Vorstellung. Wenn kleine Kinder in ihren Familien ohnehin viel Medien-Kontakt haben, warum sollten staatliche Institutionen diesen Konsum noch steigern?

Gerade weil es in der Schule nicht um Konsum geht! Die Schule kann zeigen, dass sich digitale Geräte nicht nur zum Spielen nutzen lassen. Zudem kann auch die Frage des richtigen Maßes mit den Schülerinnen und Schülern beobachtet und diskutiert werden – was eben nicht in allen Familien geschieht.

Schüler brauchen Begleitung

Fehlt Kindern die Zeit, die sie mit digitalen Dingen verbringen, nicht für andere Aktivitäten?

Nicht zwangsläufig. Bei einem unserer Forschungsprojekte in der Schweiz haben Schüler der fünften und sechsten Klasse eigene Smartphones für den Unterricht bekommen. Das haben sowohl die Schüler als auch die Lehrer als Bereicherung empfunden, es hat aber weder Ausflüge in die Natur noch Sport oder andere Unterrichtsmedien ersetzt. Unsere Analyse ergab, dass die Smartphones nur für 10 bis 15 Prozent des Unterrichts genutzt wurden. Die Vorstellung, dass Schüler nur noch mit digitalen Medien arbeiten wollen, kann ich aus meinen Beobachtungen heraus überhaupt nicht bestätigen.

Viele Schüler sind ihren Lehrern bei der Nutzung der digitalen Medien weit voraus. Was bringt ihnen ein Schulfach „Medienbildung“ dann noch?

Das Bild der Digital Natives, die alles besser können, stimmt so nicht. Die Schüler mögen zum Teil technisch besser informiert sein, aber es fehlt ihnen an Lebenserfahrung. Sie wissen nicht, was sie von sich in sozialen Netzwerken preisgeben sollten und was nicht. Sie brauchen die Begleitung der Erwachsenen.

Das Gespräch führte Katja Irle.

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