Sie geben sich smart und cool, sie legen Wert auf ihr Äußeres, sie sind Jungs, sie sind jung, und in ihrer Clique pflegen sie ein diffuses "Gangsta"-Image. Sie oder ihre Eltern stammen aus Ex-Jugoslawien, der Türkei, dem arabischen Raum, oder sie sind Russlanddeutsche. Drogen? "Ey, ich doch nicht, Alter! Mit Drogen hab' ich nix zu tun", sagen sie nachdem sie Sekunden zuvor dem Streetworker von ihrer großen Not berichtet haben: Sie brauchen Tilidin.
Und sie brauchen es ebenso nötig wie ein Junkie sein Heroin. Wenn sie das Opioid, das als Schmerzmittel vielen Rheuma- oder Krebskranken in Deutschland verschrieben wird, nicht bekommen, tut es weh: Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Kreislaufprobleme, Gliederschmerzen, Schwäche- und Krampfanfälle. Der Entzug ist ähnlich wie bei Heroin, sagt Streetworker Jürgen Schaffranek vom Berliner Verein Gangway. Nur, dass er noch drei, vier Tage länger dauern könne.
Dass Migranten-Jugendliche Tilidin wieder entdeckt haben, wissen die Streetworker von Gangway schon seit einigen Jahren. Das Medikament, bekannt als "Valoron", wurde in den 70er Jahren häufig als Heroinersatz gespritzt.
Doch damit war es vorbei, als die Pharmaunternehmen den Opioid-Antagonisten Naloxon beifügten, der bei intravenöser Einnahme die Wirkung des Schmerzmittels aufhebt. Bei Abhängigen verursacht es schwere Entzugssymptome. "Wer das einmal durchmacht, nimmt es nie mehr", sagt Schaffranek. Und jetzt erlebt das Mittel eine Renaissance als Stoff der "kickt": "Tilidin euphorisiert, verlängert das sexuelle Lustempfinden, dämpft den Schmerz und wirkt anfangs alltagserleichternd", berichtet Schaffranek aus Gesprächen mit Jugendlichen.
Über Berliner "Gangsta"-Cliquen, die sich unter Tilidin-Einfluss Kloppereien liefern, wurde schon Einiges publiziert, mal mehr, mal weniger seriös: Von der neuen "Modedroge", der "Amokdroge" war gar die Rede. Vom Mittel, das aggressiv macht. Mit dem sich Jugendliche kampfbereit und quasi unbesiegbar machten, weil ihnen (fast) nichts mehr weh tut. Fakt ist laut Schaffranek, dass Tilidin vor allem bei Jugendlichen in Berlin - in den Stadtteilen Neukölln, Reinickendorf, Schöneberg, Wedding, Kreuzberg und Friedrichshain - hoch im Kurs steht.
Inzwischen meldeten jedoch auch Streetworker in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg Tilidin-User. "Ich gehe davon aus, dass es das Problem überall da gibt, wo es ähnliche soziale Strukturen gibt", sagt Ariane Schwarz, zuständige Kommissariatsleiterin im Landeskriminalamt (LKA) Berlin. "Nur haben wir aus den anderen Bundesländern leider keine Statistik dazu." Auch informell habe sie kaum Informationen. "Das ist einer der Gründe, warum der Gesetzgeber zögert, Tilidin unter das Betäubungsmittelgesetz zu stellen: Zuvor müsste erwiesen sein, dass es ein bundesweites Problem ist."
95 Prozent der User sind Schaffranek zufolge Migranten. "Wir wissen, dass drei Viertel von ihnen delinquent sind: Raub, Diebstahl, Körperverletzung." Aktenkundig seien allein in Neukölln rund 300 Fälle, "aber die Dunkelziffer ist wie immer weit höher".
Macht Tilidin aggressiv? "Das würde ich so nicht sagen. Man muss wissen, dass die Gruppe, die Tilidin nimmt, ohnehin schon in hohem Maße gewaltbereit ist. Anfangs berichten sie sogar, dass die Aggression im Euphoriegefühl verschwindet." Doch das gelte nur, solange der Wirkstoff nicht zum Suchtmittel geworden ist. "Wenn die Euphorie ausbleibt, und es nur noch darum geht, den Opiathunger zu stillen, werden sie sehr gereizt. Einige Jugendliche berichten von Aggressionsschüben, die sie vorher so nicht kannten", sagt Schaffranek. Aggressiv mache Tilidin nicht, versichert Jakob Hein, Oberarzt in der Suchtberatung der Berliner Charité, "wenn überhaupt, dann vermindern Opioide Aggressionen. Man weiß allerdings, dass Tilidin benutzt wird, um Aggressionen auszuleben und die Schläge weniger zu spüren."
Tilidin sei bei den überwiegend muslimischen Jugendlichen auch deshalb die Droge der Wahl, weil sie sich einreden könnten, dass es "ein Medikament, keine Droge" sei, berichten Schwarz und Schaffranek übereinstimmend.
Auch dass Tilidin sehr leicht zu beschaffen ist, macht es für viele attraktiv. Allein in Berlin flogen 2007 rund 2400 Rezeptfälschungen wegen Tilidin auf, so Schwarz. Schaffranek berichtet außerdem von illegalen Importen aus Polen und den Niederlanden. "Kanisterweise" werde das Mittel nach Deutschland eingeführt. Schwarz ist da skeptisch: "Gesicherte Erkenntnisse gibt es dazu nicht."
Praktisch sei an Tilidin auch, dass es so unscheinbar ist, sagt Schaffranek: "Wir haben viele Klienten, deren engste Angehörige monatelang völlig ahnungslos sind, und nichts von der Sucht mitbekommen haben." Denn die Tropfen lassen sich völlig unauffällig in Colaflaschen gefüllt sogar auf dem Schulhof konsumieren.
Eine Untersuchung in der Jugendhaftanstalt Plötzensee habe kürzlich ergeben, dass 30 Prozent der Insassen Tilidin im Blut hatte, berichtet Schaffranek. Prompt verkündete Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD), sie wolle sich dafür einsetzen, dass Tilidin künftig unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.
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