Es waren harte Zeiten. Damals, vor etwa 40.000 Jahren. Weite Teile Europas lagen unter Eis und Schnee. Die Steinzeitmenschen jagten Wisente und Hirsche, wenn sie nicht gerade in ihren Höhlen hockten und Waffen und Werkzeuge herstellten. Oder Kunst schufen. Von Schmuck über Zierrat an Gebrauchsgegenständen bis hin zu Felsgemälden und Figuren aus Elfenbein - im Jungpaläolithikum packte den Homo sapiens eine wahre Schöpfungswut.
"Der gängigen Lehrmeinung zufolge war der Mensch am Anfang ein naturbestimmtes Wesen", sagt die Paläoanthropologin Miriam Haidle. Er habe sich nach Umweltbedingungen gerichtet, nach dem Klima und der Verfügbarkeit von Nahrung. "Bis er dann irgendwann mehr und mehr zum Kulturwesen wurde." Diesem Prozess ist die Professorin auf der Spur. Seit einigen Wochen arbeitet sie am Frankfurter Senckenberg-Institut als Koordinatorin der neuen Forschungsstelle "The Role of Culture in Early Expansions of Humans" (Die Rolle der Kultur in der frühen Ausbreitung der Menschen).
"Uns geht es um die Frage: Wann hat welche kulturelle Leistung den Menschen wohin gebracht?" Schon der Neandertaler sammelte Farbpigmente oder versah Faustkeile mit Kerben ohne funktionalen Nutzen, schildert Haidle den Forschungstand. "Das weist zwar auf ein ästhetisches Empfinden hin, war aber noch keine Kunst." Die gab es erst später beim modernen Menschen.
Zum Beispiel in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich, deren Wände unbekannte Maler vor mehr als 30 000 Jahren üppig mit Tierbildern dekorierten. Oder am österreichischen Fundort der "Venus von Willendorf", einer drallen, vor 25 000 Jahren aus Kalkstein gemeißelten Matrone mit riesigem Busen und strammen Schenkeln.
Als eines der ältesten Kunstwerke der Welt gilt ein 35 000 Jahre altes Mammut, das aus einem Stück Stoßzahn geraspelt wurde. Der Tübinger Archäologe Nicholas Conard und sein Team haben das vier Zentimeter große Rüsseltierchen in der Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb ausgebuddelt; dort, wo schon etliche andere Kulturzeugnisse zutage befördert wurden, darunter elfenbeinerne Figuren von Pferden, Vögeln und Raubtieren sowie die 32 000 Jahre alte Statur eines Löwenmenschen.
Doch damit nicht genug: Der Steinzeitschwabe war nicht nur Künstler, er war auch Musiker. So stammen die ältesten bisher gefundenen Instrumente ebenso aus dem Ländle: Bei Ausgrabungen in der Geißenklösterle-Höhle in der Nähe von Blaubeuren fanden die Tübinger Forscher zwei Flöten aus Schwanenknochen sowie eine aus Mammutelfenbein. Letztere sei "ein ganz fantastisches Instrument", schwärmt Conard, "und mit einer unglaublich komplexen Herstellungstechnik gefertigt".
Wie aber kam es zu diesem folgenreichen Musenkuss? Warum ausgerechnet in den mitteleuropäischen Kältesteppen und ausgerechnet in der Epoche des Aurignaciens in der jüngeren Altsteinzeit? Zum einen könnte Kunst eine "Reaktion auf Umweltstress" gewesen sein, sagt Conard. Die Klimaveränderungen mit teils gravierenden Temperaturstürzen während der Eiszeit hätten neue Techniken und Waffen zur Nahrungsbeschaffung notwendig gemacht. Neue und bessere Werkzeuge mussten her - und diese wurden dann wohl nicht nur genutzt, um den Speer anzuspitzen, sondern auch, um ihn zu verschnörkeln. "Die Kunst könnte sozusagen als Mitprodukt zu diesen technischen Innovationen entstanden sein."
Der zentrale Faktor sei aber vermutlich "die Begegnung von modernen und agrarischen Menschen" gewesen. So stieß der Homo sapiens, als er vor 100 000 Jahren aus dem Nahen Osten gen Norden wanderte, in Europa auf den Neandertaler. "In dieser Konkurrenzsituation begannen die modernen Menschen, sich mit Symbolen und symbolischer Kommunikation abzugrenzen." Doch auch der Neandertaler tobte nicht bloß Keule schwingend durch die Tundra; Forscher gehen davon aus, dass er seinem fortschrittlichen Vetter nacheiferte und ebenfalls künstlerische Produkte anfertigte. Es half ihm nichts, er starb trotzdem aus.
Der Schöngeist aber setzte sich durch und flötete, schnitzte und malte gegen den rauen Alltag an. Conard vermutet, dass "die sich damals entwickelnde Gesellschaft nur möglich war über symbolische Artefakte und Kommunikation". Kunst habe Informationen sowie "Individualität und Gruppenidentität" vermittelt. "Sie ist der Klebstoff, der komplexe Gesellschaften zusammenhält."
Im Prinzip unterscheiden wir uns da heute kaum von unseren eiszeitlichen Vorfahren. "Über Kunst identifizieren wir uns mit der Gesellschaft und der Kultur, in der wir leben", sagt der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel. Mit dieser "sozialen Komponente" allein lasse sich Kreativität allerdings nicht erklären. Dass und vor allem wie wir Bilder malen, Statuen aus Marmor meißeln, Symphonien komponieren oder Gedichte reimen, liegt laut Pöppel in unserer Natur, in den Kurven unseres Gehirns. Das Schöne, Wahre, Gute?
Alles Biologie, alles folgt bestimmten Mustern, "anthropologischen Universalien", wie Pöppel sie nennt. Dazu zählen die Hemisphären-Asymmetrie des Gehirns, das Farben- und Formensehen oder das "Drei-Sekunden-Zeitfenster", demzufolge das Hirn "gar nicht anders kann, als sich alle paar Sekunden etwas Neuem zuzuwenden". Dass Verszeilen oder Motive in Musikstücken oft in dieses Fenster passten, wertet Pöppel als ein Indiz dafür, dass Kunst weniger frei, sondern zu gutem Teil neuronal gesteuert ist. "Nur, wenn das Tempo stimmt, jauchzt das Gehirn auf." Ästhetik habe viel damit zu tun, was unsere grauen Zellen als "wahr und richtig" erkennen, sagt der Professor, der zu den Gründungmitgliedern der "Assoziation für Neuro-Ästhetik" gehört, die sich 2007 formierte mit dem Anliegen, Kunst und Naturwissenschaften zusammenzubringen.
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