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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

29. Dezember 2015

Metropolen : Großstädte für glückliche Menschen

 Von Eva Wolfangel
Wald am Hochhaus mitten in Mailand – der Bosco Verticale.  Foto: AFP

Wissenschaftler erforschen, wie sich Metropolen verändern müssen, damit die Psyche auflebt.

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Ein breiter Gehweg, ein Straßencafe, ein Radler, eine Seniorin mit Einkaufstrolley, ein Vater mit Kinderwagen – und schon hat man den schönsten Konflikt. Wem gehört welcher Raum, wie kommen diese Stadtbewohner mit ihren verschiedenen Geschwindigkeiten aneinander vorbei – und wieso sitzen eigentlich diese Schüler mit ihrem Eis mitten im Weg? Auch wenn wir solche Situationen im großstädtischen Alltag manchmal anstrengend finden: Psychologen und Kulturwissenschaftler halten sie für wertvoll für unser Wohlergehen in der Stadt.

Um das zu verstehen, müssen wir ein wenig ausholen. Das Leben in der Stadt ist für vieles gut: Menschen treiben mehr Sport, haben ein größeres kulturelles Angebot und verbrauchen weniger Ressourcen als auf dem Land. Für die Psyche hingegen ist das Stadtleben schlecht: Städter sind häufiger gestresst und psychisch krank. „Wenn Sie in einer Stadt geboren werden, ist das Risiko für Schizophrenie etwa 300-prozentig erhöht“, sagt Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Auch Depressionen erlitten Städter durchschnittlich häufiger. Noch sei völlig unbekannt, woran das liegt.

Die Forscher am Zentralinstitut haben zwar eine Region im Gehirn ausgemacht, in der Stress verarbeitet wird und die sich bei Städtern verändert. Meyer-Lindenberg sieht eine derart veränderte Struktur als Risikofaktor für psychische Krankheiten. Aber was genau löst den Stress aus? „Es gibt keine belastbaren Daten, was eine Stadt gesund macht“, sagt er. Das liegt auch daran, dass Psychologen ein Problem mit dem Kosmos Stadt haben: Er ist zu vielschichtig, verschiedene Effekte überlagern sich, man kann Stadtleben nicht im Labor nachbilden. Gleichzeitig kann man kaum Kausalitäten zwischen Ereignissen und emotionalen Reaktionen feststellen, da vieles miteinander zusammenhängt. Wer mehr Grün um sich herum hat, lebt in der Regel auch in einem gehobeneren Wohnviertel, hat vermutlich mehr Geld, einen sicheren Job, ein entspannteres Umfeld und so weiter: Was davon also macht ihn weniger gestresst?

Man kann als Flaneur vor die Tür treten

Um das herauszufinden, stattet Meyer-Lindenberg derzeit eine Reihe an Versuchspersonen mit Smartphones aus, mittels derer die Forscher den Alltag nachvollziehen können. Dank GPS wissen sie, wann sich die Probanden wo aufhalten. Das vergleichen sie mit speziell dafür angefertigten Karten, in denen Grünflächen markiert sowie Informationen über die sozioökonomische Zusammensetzung der Stadtviertel, über Lärm, Licht und vieles mehr verzeichnet sind. Wenn die Teilnehmer bestimmte Gebiete betreten, bekommen sie automatisch Fragen gestellt: Wie geht es dir gerade? Wie fühlst du dich? Die Forscher messen außerdem am Ende der jeweils einwöchigen Versuchsreihe ein Stresshormon in den Haarwurzeln und untersuchen im Hirnscanner den Zustand der erwähnten stressverarbeitenden Struktur.

Erste Hypothesen gibt es bereits: Mazda Adli, Chefarzt für Psychiatrie an der Berliner Fliedner Klinik vermutet, dass Stadtstress sozialer Stress ist: „Er besteht wahrscheinlich aus den Komponenten der sozialen Dichte und der Isolation.“ Genau das, was viele in einer Stadt angenehm finden, nämlich anonym leben zu können, setzt manchen zu: Sie fühlen sich einsam in der Masse. Aber wie kann man die Städter in Kontakt miteinander bringen? „Eine Stadt ist dann gut, wenn sie dazu führt, dass Menschen miteinander agieren“, sagt Adli. Man muss ihnen einen Anlass geben, vor die Tür zu treten. „Gut ist eine Stadt, die ein mediterranes Leben ermöglicht, das sich draußen abspielt.“ Dazu trügen breite Gehwege bei, belebte Sockelgeschosse durch Cafes und Geschäfte. Wichtig seien außerdem Plätze, die nicht allzu vorherbestimmt sind, sondern sich von Menschen aneignen lassen zum Plaudern, Essen, Erholen, Spielen oder Flirten.

Mit solchen Räumen beschäftigt sich der Kulturwissenschaftler Ludwig Engel. „Wichtig ist eine Funktionsmischung, denn nur so treffen unterschiedliche Vorstellungen von Raumnutzung aufeinander, nur dort wird Raum verhandelt“. Diese Verhandlungen zwischen dem eingangs erwähnten Vater mit seinem Kinderwagen und der Oma mit ihrem Trolley machen eine Stadt aus seiner Sicht lebenswert, sie bringen die Menschen in Kontakt. Funktionstrennung hingegen wie in Fußgängerzonen und Fahrradstraßen findet Engel falsch. „Räume, die frei von Zweck genutzt werden können“ seien wertvoll, denn auch hier kann über die Nutzung verhandelt werden. Die Stadt könne hier etwas, das kein anderer Raum so einfach herstellen kann: „Temporäre Begegnungen bei Wahrung der Integrität und der Anonymität.“ Es sei wichtig für Menschen, Orte zu haben, an denen sie nicht bewertet werden. „Das Tolle an der Stadt ist: Ich kann als Flaneur vor die Tür gehen und keiner fragt mich: Was machen Sie hier?“ In der Anonymität der Stadt dürfen Menschen frei von Funktion sein, das macht die Stadt wertvoll. Man trifft sich beispielsweise von Hundebesitzer zu Hundebesitzer und keiner weiß vom Ehekrach Zuhause oder von den Problemen im Büro.

Deshalb sei es wichtig für die psychische Gesundheit der Städter, eine Stadt als „unfertigen Organismus“ zu begreifen, der den Menschen Entwicklung zugesteht. Gut dafür sei es etwa, Baulücken nicht gleich wieder zu schließen, sondern sich darauf etwas entwickeln zu lassen. Und Flächen in einer Stadt zu schaffen, die allen gehörten, aber deren Nutzung offen sei. Erste Konzepte beispielsweise in Tokio zeigten, dass das durchaus auch mit Städten vereinbar ist, die wenig Platz haben. Dort entstehen Wohnkonzepte, in denen die Einzelnen relativ kleine Privaträume haben, im Gegenzug aber luxuriöse Zwischenräume, eine Art halböffentliche Wohnzimmer, die sie mit Nachbarn teilen. Auch in Berlin gibt es Initiativen von Privatleuten, die ihre Grundstücke nicht abzäunen, sondern in Richtung der Öffentlichkeit öffnen – beispielsweise eine Architektengruppe in Kreuzberg (www.heidevonbeckerath.com) .

Urban Gardening ist vielversprechend

Die Daten der Psychologen um Meyer-Lindenberg sowie ältere Untersuchungen lassen einen weiteren Schluss zu: Grünflächen und Natur wenden Stress von Großstädtern ab. „Das ist allerdings ein Dilemma“ sagt Riklef Rambow, Architekturpsychologe am Karslruher Institut für Psychologie: „Stadt heißt Dichte.“ Je weniger Fläche eine Stadt verbraucht, umso ökologischer ist sie. Wer hingegen grün vor der Tür haben will, zieht oft raus aus der Stadt. „Das führt zu Suburbanisierung und in der Konsequenz zu einer Auflösung der Stadt.“

Der italienische Architekt Stefano Boeri hat das auf eine faszinierende Weise gelöst: Ein „Bosco Vertikale“, ein vertikaler Wald, ragt seit vergangenem Herbst in Mailand in die Höhe, ein Hochhaus mit riesenhaften Balkons, auf denen Tausende von Pflanzen und bis zu neun Meter hohe Bäume wachsen. Das entspricht einem Hektar Wald in der Fläche – mitten in der Stadt. „Das scheint das Ei des Kolumbus zu sein“, sagt Rambow, „aber wer kann sich Quadratmeterpreise von 9000 Euro leisten?“ Zudem sei noch offen, ob das Projekt auf Dauer tragfähig ist. Er erinnert an das Commerzbankhochhaus in Frankfurt, das 1997 mit ähnlichen Plänen angetreten war: hängende Gärten sollten das Gebäude umwuchern. „Von außen ist heute davon nichts wahrnehmbar“, sagt Rambow.

Der Architekturpsychologe findet, es tun auch überschaubarere Dinge wie Schrebergärten, Straßenbegrünung, kleine begrünte Plätze oder Dächer. Auch die Graswurzelbewegung des „Urban Gardening“, in der Städter jede Verkehrsinsel und jedes Baumbeet bepflanzen, könnte vielversprechend sein., Stadtplaner führen zudem das Tempelhofer Feld in Berlin als besonders positives Beispiel dafür an, wie Natur und Weite in die Stadt gebracht wurden: Das Gelände des ehemaligen Flughafens wurde auf einen Bürgerentscheid hin nicht bebaut. Die Menschen gärtnern dort, joggen, grillen oder fahren Inlineskates auf einer Fläche, auf der wohl die Frankfurter Innenstadt Platz hätte – „ein irrer Luxus“, wie Rambow findet. Dennoch müsse man in die Rechnung einbeziehen, dass ein Erhalt derartig riesiger Freiflächen nicht umsonst ist: Im Gegenzug stiegen Mieten und Immobilienpreise angesichts knapper Flächen.

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