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Migration: "Ein Gefühl wie im Zoo"

Junge Migrationsforscher reisen auf den Spuren der Zuwanderer an der Grenze zwischen Afrika und Europa.

Doppelt hält besser: Grenzzaun in der spanischen Exklave Melilla.
Doppelt hält besser: Grenzzaun in der spanischen Exklave Melilla.
Foto: ap

Es ist eng. Aber sie können sich nicht draußen treffen, die Einwanderer und die Forscher, das wäre zu gefährlich. Also besuchen die Wissenschaftler die sieben Kongolesen zu Hause, in ihrem Acht-Quadratmeter-Zimmer in einem Randbezirk von Tanger, im Norden Marokkos. Sie setzen sich auf blaue Plastikhocker oder einen Koffer in der Ecke. Die Gastgeber bleiben in dem alten Doppelbett aus Holz, es füllt das Zimmer fast aus. Sie schließen das kleine Fenster, damit die Nachbarn nichts hören. Und dann reden sie.

Die Forscher sind mit einem Stipendium nach Marokko gekommen: Die Hamburger Zeit-Stiftung hat 14 junge Migrationswissenschaftler aus Europa, Asien und Nordamerika für das mehrjährige Promotionsstipendium "Settling into Motion" ausgewählt. Nun treffen sich die Stipendiaten erstmals - in Marokko, wo an der Grenze zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla ein hochgesicherter Zaun Zuwanderer vom reichen Europa trennt.

Seit drei Jahren versuchen die Kongolesen, auf die andere Seite des Zauns zu gelangen. "Ich kann nicht mehr zurück. Wenn ich auf einen Hügel steige, kann ich Spanien auf der anderen Seite des Meeres doch schon sehen", sagt einer. Er entfaltet eine Plastikhülle, darin steckt ein Flüchtlingsdokument der Vereinten Nationen. "Es ist nichts wert in Tanger: Wenn die Polizei uns findet, schicken sie uns in die Wüste oder nach Algerien." Sein Mitbewohner ist krank, er versteckt sich unter der Bettdecke. Sie wissen nicht, ob es etwas Ernstes ist. Illegale Einwanderer können in Tanger nicht zum Arzt gehen. Die Männer sind vor fünf Jahren aus dem Kongo geflüchtet, erzählen sie, weg von "Krieg und Armut". Nun wollen sie Arbeit suchen in Europa, um Geld an ihre Familien zu schicken. Sie haben sich nicht bei ihnen gemeldet, seit sie ihre Heimat verlassen haben: "Wir haben doch nichts erreicht."

Auf der Fahrt zurück im Taxi durch Tanger sprechen die jungen Wissenschaftler nicht viel. Er habe schon viel über die Flüchtlinge aus den Ländern südlich der Sahara gelesen, sagt Fethi Keles, einer der Stipendiaten, später. "Aber diesen Raum zu betreten und mit den Menschen zu sprechen, war etwas völlig anderes." Verändert diese Reise etwas? Anne Hartung hatte vor ein paar Stunden noch gesagt: "Dafür bin ich vielleicht zu abgeklärt." Später am Abend klingt das anders. "Das muss ich erst mal verdauen", sagt sie.

Was lässt sich auf einer solchen Reise lernen über Migration? Die Zeit-Stiftung schickt die Doktoranden auf einen Trip von Tanger in die spanische Grenzstadt Ceuta, von dort nach Malaga und Granada: Ein Woche auf dem Weg der Zuwanderer, auf jenem letzten Teilstück einer oft tausende Kilometer weiten Reise nach Europa.

Kaum einer der Stipendiaten beschäftigt sich sonst mit Marokko: Hartung aus Deutschland etwa schreibt in Belgien ihre Doktorarbeit über die Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt, Keles aus der Türkei vergleicht in New York die Integration bosnischer Flüchtlinge. Basak Bilecen aus der Türkei forscht in Bielefeld zur Perspektive internationaler Studenten. Warum also eine Reise zu den Toren Europas?

Blick auf die Realität

"Es geht um eine Konfrontation", sagt Michael Werz von der Georgetown University in Washington D.C. Er hat gemeinsam mit zehn weiteren internationalen Migrations- und Sozialwissenschaftlern für die Zeit-Stiftung die Stipendiaten ausgewählt. Man wolle den internationalen Austausch unter jungen Migrationsforschern stärken - aber auch den Blick für die Brennpunkte schärfen. "Hier, an der Grenze zu Afrika, entscheidet sich, wie es mit Europa in den nächsten 20 Jahren weitergeht", glaubt Werz.

In Tanger sitzt Hartung auf der Dachterrasse eines kleinen Hotels. "An der Universität verliert man manchmal den Blick für die Realität draußen", sagt sie. Was aber hat ihre Forschung in Belgien mit Flüchtlingen in Marokko zu tun? Hartung: "Was ich hier erlebe, wird mir nicht konkret für meine Arbeit helfen. Aber die Arbeitsmarktperspektive ist auch ziemlich einseitig. Diese Reise verändert vielleicht meine Sichtweise." Man könne schließlich viel über andere Bereiche der Migration lesen, "aber man macht doch Forschung, um zur Quelle zu gehen".

Die meiste Zeit verbringen die Jungforscher allerdings im Konferenzsaal: Methoden und Theorien, Erfahrungen und Tipps - sie tauschen sich aus über die eigene Arbeit oder diskutieren mit marokkanischen Wissenschaftlern und Hilfsorganisationen. "Das ist es, was Akademiker tun", sagt Keles, "wir sprechen miteinander."

Nicht immer gelingt es, auch mit anderen zu sprechen, etwa im Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes (Ceti), einem Auffanglager für Asylbewerber in Ceuta. Die vierzehn Migrationswissenschaftler hören zwischen kleinen sandfarbenen Häusern mit flachen Dächern vom Ceti-Leiter etwas über Krankenversorgung und Sprachkurse. Die Bewohner stehen einige Meter entfernt und sehen den Gästen zu, nicht abweisend, aber auch nicht herzlich.

Ihnen ist gelungen, wovon die Kongolesen aus Tanger träumen: Sie haben es nach Europa geschafft: manche mit Leitern über den Zaun, manche versteckt in Autos am Grenzübergang. Nun aber sind die meisten von ihnen illegal in Europa, es ist nicht das erhoffte Paradies. Aber für ihre Geschichten ist heute keine Zeit: Es ist kein Besuch, es ist eine Besichtigung.

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Autor:  SIMON KERBUSK
Datum:  4 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
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