In den 70er Jahren waren Frauen an der Technischen Universität Darmstadt eine Rarität. Dennoch schaffte es die Minderheit in das Mitteilungsblatt der Hochschule – allerdings nur als Problemgruppe: „Die Ächtung der Studentinnen in den technischen Fächern durch Dozenten und Kommilitonen kann deren Selbstverständnis erschweren und deformieren“, klagte in der Ausgabe vom November 1972 die Psychologin der psychotherapeutischen Uni-Beratungsstelle. „Trotz der geläufigen Klagen über die zu geringe Anzahl von Studentinnen scheinen diese (...) eher zu einer deplatzierten Randgruppe als zu einer verwöhnten Minorität im Hochschulbereich zu gehören.“
Mit den Studienbedingungen im Jahr 2011 scheint dieses Szenario auf den ersten Blick nichts mehr gemein zu haben. Denn nicht nur die Universitäten und Fachhochschulen päppeln den weiblichen Nachwuchs im Maschinenbau oder der Elektrotechnik. Auch die Bundesländer tun es mit eigenen Programmen; ebenso die Bundesregierung, die den Frauen in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) einen roten Teppich ausrollt. „Kommt in Scharen“, lautet die Botschaft: „Euch steht eine goldene berufliche Zukunft bevor.“
Quote steigt nur langsam
Doch gemessen an Anzahl und Reichweite der Imagekampagnen für Frauen in technischen Studiengängen und Berufen ist die Quote der Studentinnen in den vergangenen Jahren nur leicht gestiegen, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Zwar hat sich der Anteil der weiblichen Erstsemester etwa im Fach Elektrotechnik seit 1994 fast verdoppelt. Dennoch lag ihr Anteil im Jahr 2010 nur bei gut zehn Prozent – und reduziert sich im Laufe des Studiums in der Regel noch weiter.
Für die Studienanfänger in Informatik weist das Statistische Bundesamt einen Frauenanteil von unter 20 Prozent aus, bei den Bauingenieuren sind es immerhin rund 26 Prozent. Doch bis in den Beruf schaffen es deutlich weniger: Dem Verband Deutscher Ingenieure zufolge sind nur rund zehn Prozent der Ingenieure in Deutschland weiblich. Dieses „Schicksal“ teilen sie − betrachtet man die Quoten – mit Männern in einer Frauendomäne: Nur knapp zehn Prozent des pädagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen sind Männer.
Susanne Staude gehört zur Minderheit in einer Männerdomäne. „Ich und die Sekretärin – wir waren immer die einzigen Frauen“, sagt die Umweltingenieurin. Ihr Werdegang belegt zwar einerseits exemplarisch, dass Frauen auch in Männerdomänen voran kommen. Aber er zeigt andererseits, dass der Weg zum Ziel sich von dem vieler männlicher Kollegen unterscheidet.
Weibliche Vorbilder sind die Ausnahme
Nach dem Abitur ging Susanne Staude nach England, lernte „Deutsch als Fremdsprache“. Danach wollte sie Psychologie studieren, entschied sich aber für einen Ingenieursstudiengang mit Schwerpunkt Umwelttechnik. Den Ausschlag gab eine Freundin, die ihr dazu riet.
Die 25 einflussreichsten Ingenieurinnen sucht derzeit der Deutsche Ingenieurinnen Bund (dib) – und will damit innerhalb der Männerdomäne den Blick auf erfolgreiche Frauen lenken. Zwar hat es nach Ansicht des vor 25 Jahren gegründeten Vereins viele Fortschritte gegeben, dennoch wollten immer noch relativ wenige junge Frauen Ingenieurin werden.
Bis zum 30. April können Unternehmen, Hochschulen, Forschungsinstitute und Verbände Ingenieurinnen nominieren. „Wir möchten damit nicht nur Vorbilder mit exemplarischen Lebensläufen zeigen“, sagt die Darmstädter Diplomingenieurin Karin Diegelmann, die von Anbeginn beim dib aktiv ist. Es gehe auch darum, Unternehmen, Vorständen, Aufsichtsräten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen Mut zu machen für einen Bewusstseinswandel, der nicht nur auf dem Papier stehe.
Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung sei das Ziel. „Dafür brauchen wir keine einzelnen Pilotprojekte oder Modellvorhaben, sondern ein Gesamtkonzept“, sagt Diegelmann. Um alte Rollenbilder zu überwinden, müsse man bereits im Kindergarten beginnen, wo die frühe Prägung einsetze. Auch über die in den Schulen vermittelten Rollenbilder müsse neu nachgedacht werden.
Eine unabhängige Jury wird im Sommer die eingegangenen Nominierungen bewerten und die 25 einflussreichsten Ingenieurinnen Deutschlands auswählen. Berücksichtigt werden Frauen mit einem Studienabschluss oder einer Promotion in den Ingenieurwissenschaften mit deutscher Staatsbürgerschaft beziehungsweise mit einem Arbeitsort in Deutschland.
Die Liste der TOP 25 wird der dib im Herbst 2011 bekanntgegeben. Nominierungen nimmt der Ingenieurinnenbund über einen Online-Fragebogen auf der Homepage (www.dibev.de/top25) entgegen, sie können aber auch formlos per E-Mail geschickt werden: top25@dibev.de
Der Deutsche Ingenieurinnenbund setzt sich seit 25 Jahren für Frauen in technischen Berufen ein. Der dib ist im Deutschen Frauenrat und verschiedenen Ingenieurkammern der Länder sowie im International Network of Woman Engineers and Scientists INWES vertreten. (ki)
Später fand sie einen Job in der Autobranche, bekam Kinder – und damit auch die ersten Schwierigkeiten in der Karriere. Beim Einstieg bezahlte sie das Unternehmen deutlich schlechter als ihre männlichen Kollegen. Auch in puncto Vereinbarkeit von Beruf und Familie kam man ihr nicht entgegen: „Die wollten keine Teilzeit“, sagt die 40-Jährige, die mittlerweile drei Kinder hat. Deshalb wechselte sie an die Hochschule – und fand dort „viel bessere Arbeitsbedingungen“. Am 1. März tritt sie an der Hochschule Ruhr West ihre erste Professorenstelle an.
Die Umweltingenieurin ist das Vorzeigebeispiel, das man für alle technischen Fächer und Berufe findet, wenn man danach sucht. Doch sogenannte Role Models, die Vorbild für andere Frauen sein sollen, bleiben bislang die Ausnahme.
Die Hobbys sind schuld
Warum der Funke trotz massiver Werbekampagnen nicht überspringt, versucht unter anderem die Technische Universität München zu ergründen, die zum Zirkel der TU9, den führenden Technischen Hochschulen in Deutschland gehört. Zwar hätten die Förderprogramme der vergangenen zehn Jahre den Frauenanteil gesteigert, konstatiert Susanne Ihsen, Professorin für Gender Studies in Ingenieurswissenschaften, in einer aktuellen Studie. Doch gerade an den technischen Elite-Hochschulen spiegelt sich diese vorsichtige Tendenz kaum wider: in den Fächern Informatik und Maschinenbau liegt laut TU-Studie der Frauenanteil noch unter dem Bundesdurchschnitt.
Ihsen fand heraus, dass schon die Wege zum Studium bei Männern und Frauen unterschiedlich sind. Während junge Männer sich bei der Auswahl eher durch Hobbys und praktische Erfahrungen leiten ließen, spiele bei den Frauen der Rat von Lehrern und Verwandten eine große Rolle – offenbar zuungunsten der Technik.
Aber auch nach der Entscheidung für ein technisches Fach bemerkte die Forscherin Unterschiede: Anders als ihre männlichen Kommilitonen gaben Frauen an, sich gegenüber ihrem Umfeld immer wieder für die Studien- oder Berufswahl rechtfertigen zu müssen.
Das ist eine Erfahrung, die die Aachener Maschinenbau-Studentin Clara Erner noch nie gemacht hat. In ihrem Fach liegt der Frauenanteil bei zehn Prozent. Benachteiligungen habe sie dennoch nicht erlebt, auch keine abfälligen Bemerkungen, sagt die 23-Jährige: „Im Gegenteil: Die Leute gucken zwar erstaunt, aber rechtfertigen musste ich mich noch nie.“
Über Umwege zur Technik
Auch Clara Erner kam nicht gleich nach dem Abitur zum Technik-Studium, sondern wurde erst Goldschmiedin – ein Beruf, der sie auf Dauer nicht glücklich und zufrieden gemacht hätte, meint sie.
Mit dem Maschinenbaustudium, Schwerpunkt erneuerbare Energien, sei das anders: „Erneuerbare Energien sind das Zukunftsthema, mit dem man vielen Menschen helfen kann“, sagt die Studentin. Ihrer beruflichen Zukunft sieht Clara Erner gelassen entgegen. Sie rechnet sich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus – auch wenn es kein Einser-Examen werden sollte.
Eine Frauenquote hat Clara Erner, die Studentin, bislang nicht gebraucht – und wäre auch nicht gern „nur eine Quotenfrau“. Doch viele Frauen, die in Männerdomänen arbeiten, sehen das anders, weil sie die gläserne Decke auf dem Weg nach oben schon kennengelernt haben. „Die Frauenquote ist leider nötig. Es geht nicht ohne, weil Qualität allein sich oft nicht durchsetzt“, sagt Susanne Staude, die es selbst ohne Quote geschafft hat.
Denn gerade in der Wissenschaft wird die Luft für die Frauen dünn, je weiter sie nach oben kommen. Vor allem in den technischen und naturwissenschaftlichen Berufen sind Dozentinnen und Professorinnen noch immer eine Rarität.
„Das Problem liegt im deutschen Hochschulsystem, das an männlichen Biografien ausgerichtet ist und eine ständige Verfügbarkeit erwartet“, sagte Beate Rudolf, Jura-Professorin und Direktorin des Instituts für Menschenrechte in Berlin dem Evangelischen Pressedienst kurz vor dem Weltfrauentag – und forderte mehr Frauen für die Berufungskommissionen: „Bislang ist das Ideal immer noch der männliche Professor, dessen Gattin ihm den Rücken freihält.“
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