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16. April 2009

Moos: Heilsame Rasenkiller

 Von WALTER SCHMIDT
Hochwasserschutz und Nährstoffspeicher im Wald: Moose können mehr als bloß dem müden Wanderer als weiche Unterlage zu dienen. Foto: ddp

Wer von englischem Grün träumt, hasst die weichen Polster - doch die sind recht nützlich. Im Krieg nutzten Lazarettärzte häufig antibakterielle Wundkompressen aus Torfmoosen.

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Dem Blasenmützenmoos Physcomitrella patens sieht man nicht sofort an, dass es eng mit den Säugetieren - und damit auch dem Menschen - verwandt ist. Auf der einen Seite die weichen, einfachen Pflanzen, dort die agilen Säugetiere mit der festen Wirbelsäule - ein größerer Unterschied scheint kaum denkbar. Als aber die Biologen Ralf Reski von der Universität Freiburg und Martin Fussenegger von der Eidgenössisch-Technischen Hochschule in Zürich Schlüsselelemente des Erbgutes von Säugetieren in die Zellen des Mooses brachten, funktionierten die tierischen "Maschinerien" auch in den primitiven Moosen (Plant Biotechnology Journal, Band 7). "Damit sind Mensch und Moos in ihrem genetischen Gehalt verblüffend ähnlich, da sie völlig unkompliziert die selben molekularen Bausteine nutzen können", sagt Reski.

Die Molekularbiologen haben damit einen Riesenschritt zum endgültigen Beweis der Evolutionstheorie gemacht, und damit der Überlegung, dass alles Leben sich aus einem einzigen Vorfahren entwickelt hat.

Für den Test im Moos nutzten die Forscher Moleküle, die in den Zellen von Säugetieren dafür sorgen, dass Abschriften vom Erbgut gemacht werden, und dass andere zentrale Funktionen laufen. Im Moos lösten fast alle dieser Schaltelemente die gleichen Reaktionen wie in den höheren Tieren aus.

Damit ist praktisch bewiesen, dass die zentralen Funktionen des Erbguts seit mehr als 400 Millionen Jahren unverändert geblieben sind. Vor 400 bis 450 Millionen Jahren entwickelten sich aus Grünalgen die ersten Moose - vermutlich die ersten Organismen, die das Land dauerhaft besiedelten. RK

Laut Roter Liste sind in Deutschland von 1121 untersuchten Moosarten 54 ausgestorben, 28 vom Aussterben bedroht, 104 stark gefährdet und 210 im Bestand gefährdet. Weitere 72 gelten als "extrem selten", bei 54 ist eine "Gefährdung anzunehmen".

In Deutschland gibt es 1159 Moosarten. Sie alle werden im Moosatlas der Regensburgischen Botanischen Gesellschaft aufgeführt. In keinem Bundesland kommen so viele unterschiedliche Moose vor wie in Bayern - nämlich 965 Arten und damit rund 83 Prozent der in Deutschland bisher gefundenen.

Wenn Bauern in früheren Jahrhunderten ihrem Stallvieh in Notzeiten nicht einmal mehr Stroh unterlegen konnten, begannen sie, Moos zu sammeln. In der Eifel nannte man die Bewohner von Dedenbach sowie Ober- und Niederdürenbach deshalb spöttisch "Meeskrätzer" (Mooskratzer) oder "Moosbeutel", berichtet der rheinische Heimatforscher Josef Ruland.

Ludwig Meinunger / Wiebke Schröder: "Verbreitungsatlas der Moose Deutschlands" in drei Bänden, 120 Euro. Kontakt: juergen.klotz@ biologie.uni-regensburg.de

Jan-Peter Frahm: "Moose - Eine Einführung", 237 Seiten, 266 Abbildungen. 17,95 Euro, Weissdorn-Verlag, Jena 2006

Mit Stachelwalzen und Mooskratzern oder mit selbstgebastelten Nagelbrettern versuchen Hobby-Gärtner im Frühjahr, ihren verfilzten Rasen von Moosen zu befreien und dem Ideal des englischen Rasens anzunähern. Oder sie jäten die Moospflänzchen sogar mit Hilfe von Maschinen wie dem Moosrupfer AMR 32F. "Dank seiner Rotationswalze mit 48 elastischen Powerflex-Krallen wird der Rasenfilz gezielt herausgekämmt", verspricht der deutsche Hersteller des Geräts.

Nach der "Ernte" ist das tückische Erntegut rasch unschädlich zu machen. Dazu rät im Internetforum "Mein schöner Garten" ein gewisser Günther: "Das ausgekratzte Moos muss man vor weiterer Verwendung möglichst tottrocknen, dann kann man's kompostieren oder als Torfersatz verwenden." Nur totgetrocknete Moose sind gute Moose?

Von wegen. Die weltweit rund 16 000 Arten haben viele ökologisch wertvolle Eigenschaften. So dienen moorbildende Torfmoose, darunter das Haintorfmoos und das Warzige Torfmoos, als "ganz wichtige Kohlendioxid-Senke, wenn man sie denn wachsen lässt", sagt der Botaniker Gerhard Ludwig vom Bundesamt für Naturschutz (BfN). Wer weiter Moore rupft, heizt den Klimawandel an.

Pioniermoose, die - oft zusammen mit Flechten - Sanddünen oder Felsen besiedeln, wirken für die herangewehten Samen nachfolgender Pflanzen oft als gutes Keimbett und fördern deren Wachstum, berichtet Ludwig. Waldmoose hingegen behinderten das Auskeimen konkurrierender Pflanzensamen eher, um ihren Platz zu behaupten.

Trotzdem wirken die grünen Polster im Wald segensreich. Sie filtern Nährstoffe aus Niederschlägen, fangen Nebeltröpfchen ein und sorgen so dafür, dass diese auch anderen Lebewesen am Erdboden zur Verfügung stehen. Sie können Niederschlag speichern und so dazu beitragen, dass Waldböden bei Regen oder Tauwetter wie Schwämme wirken und das Wasser nur allmählich an Bäche und Flüsse abgeben. Hochwasserspitzen werden so gemildert. All diese Wirkungen sind in der Menge umso ausgeprägter dort, wo es viele Moospflanzen gibt - also in und oberhalb von Bergwäldern sowie in Mooren.

Die wurzellosen Moose können Schadstoffe, darunter Schwermetalle, und sogar radioaktive Substanzen ungefiltert aus der Luft aufnehmen - eine Eigenschaft, die sich das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) schon seit 1981 zunutze macht. An mehr als 300 Stellen setzt das LfU das Schlafmoos als Zeigerpflanze für Umweltveränderungen ein - mit einem erfreulichen Ergebnis: Der Schwermetallgehalt der Luft, darunter Cadmium, Blei und Kupfer, ist im Freistaat stark rückläufig. In Nordbayern ist zudem die hohe Arsenbelastung auf ein Fünftel des früheren Wertes gesunken.

Mittlerweile dienen Moose in der gesamten Europäischen Union zum Überwachen (Monitoring) von Schadstoffen in Luft und Gewässern. "Dabei ist von Vorteil, dass gewisse Moosarten über ganz Europa verbreitet sind, man also überall dieselben Arten nehmen kann", sagt der Moos-Experte Jan-Peter Frahm, Botanik-Professor an der Universität Bonn.

Natur-Windel

Als besonders zarte Pflänzchen ohne mechanischen Fraßschutz müssen Moose sich gegen hungrige Fressfeinde mit chemischen Abwehrstoffen wehren. Mit Substanzen, die antimikrobiell wirken, also Erreger abtöten, halten sie sich bestimmte Pilze, Bakterien, Schnecken und Schadinsekten vom Leib.

Auf dieser Eigenschaft gründet nicht nur ein im Gartenfachhandel erhältlicher, alkoholischer Moosextrakt namens "Lebermooser". Dieser wurde auch von Naturvölkern genutzt: Inuit- und Indianervölker fertigten Babywindeln und Salben aus Moosen an, und im Krieg nutzten Lazarettärzte immer wieder antibakterielle Wundkompressen aus Torfmoosen. "Verwundete überlebten eher, wenn sie mit Moosen verbunden worden waren", hat Botaniker Gerhard Ludwig über den Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts ermittelt.

Doch damit nicht genug: Auch den Befall mit Hautpilzen könnten manche Moose lindern, "da sie an feuchten Standorten Pilze ständig bekämpfen müssen", fügt der BfN-Experte hinzu. Neuerdings gewinnt eine Heilbronner Biotech-Firma aus dem Kleinen Blasenmützenmoos sogar Eiweiß-Antikörper zur Unterstützung einer Chemotherapie gegen Krebs - einfacher und billiger als aus Tierzellen.

Bastler und Planer schätzen besonders das Weißmoos zum Begrünen von Modellbahnanlagen beziehungsweise anderen Landschaftsmodellen. Doch die mit Abstand größte - und für Moos-Vorkommen verheerendste - menschliche Nutzung war das Abtorfen und Trockenlegen großer Moore, um Brennstoff und Land zu gewinnen.

Bis heute geht die größte Gefahr für Moose vom Menschen aus, der ihre Lebensräume vernichtet oder diese durch Luftschadstoffe verändert - in den ersten Nachkriegs-Jahrzehnten vor allem durch Schwefeldioxide, seit gut zwei Jahrzehnten durch zu viele Nährstoffe, wobei Ammoniak und Ammoniumnitrat vor allem aus intensiv betriebener Landwirtschaft stammen.

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