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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

05. Januar 2012

Multitasking: Zuviel auf einmal tun macht krank

 Von Margit Mertens
Einfach mal ausspannen. Foto: dapd

Wer ständig mehrere Dinge gleichzeitig macht, setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Multitasking und Dauerstress sind Gift für die Psyche. Mit neuen Therapieformen gehen Psychologen gegen die Leiden der Betroffenen vor.

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Der Chef hat schon dreimal gefragt, ob die Vorlage endlich fertig ist. Während des Telefonats mit einem aufgebrachten Kunden checkt man nebenbei die Mails im Posteingang. Die rechte Hand informiert rasch den Partner per SMS darüber, dass es abends wohl doch wieder später werde. Die linke steckt derweil unbewusst Schokobonbons in den Mund. Dann wird weiter unter Druck an der Vorlage gearbeitet. Als Folgen von Stress und Multitasking können Kopfschmerzen, Verspannung oder Erschöpfung auftreten. Dauerstress macht krank.

Außerdem kann sich unser Gehirn infolge des Stresses verändern, sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer aus Ulm. Er bezieht sich auf die die Ergebnisse verschiedener Studien. Probanden, die als starke oder geringfügige Medien-Multitasker klassifiziert wurden, absolvierten kognitive Tests. Dabei zeigte sich, dass die Nicht-Multitasker die Aufgaben besser lösten, aufmerksamer und schneller waren und besser zwischen Aufgaben wechseln konnten. Spitzer glaubt, Multitasker würden sich durch ihre heftige Mediennutzung Oberflächlichkeit und Ineffektivität geradezu antrainieren.

Nebenbei den Body scannen

„Multitasking ist das Gegenteil von Achtsamkeit“, betont Britta Hölzel, Psychologin am Massachusetts General Hospital. Die junge Deutsche leitet Patienten in Achtsamkeitstherapie an und hat eine Studie durchgeführt, die erstmals zeigt, wie sich dieses Training auf das Gehirn auswirkt.

In jüngster Zeit setzen immer mehr Therapeuten und Forscher die Methode der „achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie“ als Teil der Verhaltenstherapie ein. „Es geht darum, seine Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu richten, seien es das Atmen, ein Gefühl, ein Gedanke oder irgend ein körperliches Empfinden“, erklärt Britta Hölzel. „Der Geist soll zurück ins Hier und Jetzt finden, ohne wie üblich in Gedanken abzuschweifen.“

Nach kurzer Einweisung durch den Therapeuten sollen Übungen wie der „Body Scan“ vom Patienten eigenständig etwa 30 bis 45 Minuten lang täglich praktiziert werden. Beim „Body Scan“ wird die Aufmerksamkeit systematisch durch den ganzen Körper geführt – etwa beginnend bei der Hand auf der Computermaus, den Arm entlang, durch die verkrampften Schultern, den Nacken und schließlich bis zu den Zehen. Während man einen Text auf dem Bildschirm liest, lauscht ein Teil des Bewusstseins vielleicht der inneren Stimme im Kopf, die den Text spricht, und betrachtet diesen Prozess von außen.

Achtsamkeit bleibt letztlich unsichtbar und lässt sich jederzeit praktizieren. Der Psychologe Ulrich Ott von der Universität Gießen praktiziert dies sogar beim Autofahren. Es löse nicht nur Schulterverspannungen sondern führe auch zu einer gelasseneren – und spritsparenderen – Fahrweise, berichtet Ott.

Psychisch stabiler

Achtsamkeitstraining

Ende der 70er-Jahre entwickelte der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabatt-Zinn von der Universitätsklinik Massachusetts das Achtsamkeitstraining zunächst für stressgeplagte Patienten. Es nannte sich Mindfullness Based Stress Reduction.

Das Ziel des Trainings: Wird der Geist sanft und immer wieder in den jeweiligen Moment (zurück-)geführt, die Körperwahrnehmung geschult, eine beobachtende Geisteshaltung angenommen, dann wird der Mensch am Ende auch entspannter und gelassener. Die Stresssymptome nehmen ab.

Viele Störungen werden inzwischen auch mit der Achtsamkeitstherapie behandelt, darunter Depressionen,
Borderline-Störungen, Burn-out, Angst, Posttraumatische Belastungsstörungen oder das Chronische Erschöpfungssyndrom.

In den letzten Jahren hat das Prinzip der Achtsamkeit, allein oder in in Kombination mit anderen Ansätzen, Einzug in die Therapie vieler Krankheitsbilder gehalten – von Stresssymptomen, über Depressionen, Borderline, Aufmerksamkeits- und Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen bis zu Burn-out und Substanzabhängigkeit. Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim spricht gar von der dritten Wende in der Psychotherapie. Aber nicht nur psychische, auch somatische Symptome wie Infektionen, Hauterkrankungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne, Magenprobleme und chronische Schmerzen gehören zu den Indikationen.

Beispiel Schmerzen: Hier soll über die Achtsamkeitstherapie ein anderer Umgang mit dem Schmerz gefunden werden. Man nimmt ihn wahr, aber auch, dass daneben noch anderes in Körper und Geist existiert. Dadurch soll ein gewisser Abstand und ein neues Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Körpers aufgebaut werden. Die Stärke des Schmerzes bleibt zwar unverändert, aber die Bewertung ändert sich. So sollen auch chronische Schmerzen erträglicher werden.

Sogar gegen Übergewicht werden Achtsamkeitstechniken eingesetzt. Das von Achim Peters, Diabetologe aus Lübeck, entwickelte Abnehmkonzept „Train the Brain“ setzt – ohne jegliche Diät – neben Sport auf Gesprächs- und Verhaltenstherapie und auf Achtsamkeit im Umgang mit Stress und Gefühlen.

Vor zwei Jahren kam eine Marburger Diplomarbeit, die etwa 600 Arbeiten zum Thema Achtsamkeit ausgewertet hatte, zu dem Ergebnis, dass Menschen durch dieses Training deutlich psychisch stabiler und gesünder werden. Andere Studien zeigen, dass Achtsamkeitsübungen Feingefühl, Aufmerksamkeit und Offenheit erhöhen und weniger schreckhaft machen. Die Psychologin Britta Hölzel spricht von „self compassion“, Selbstmitgefühl, sowie Empathie gegenüber anderen. Achtsamkeit führe dazu, sich subjektiv wohler zu fühlen, mit sich und anderen liebevoller, geduldiger und freundlicher umzugehen, statt ständig überkritisch nach Fehlern und Unangenehmem zu suchen.

Wandel in der grauen Masse

Warum das so ist, wies Britta Hölzel in ihrer Studie nach: Bei Probanden, die täglich rund eine halbe Stunde Achtsamkeitsübungen praktizierten, hatte sich nach acht Wochen die Dichte der grauen Substanz in bestimmten Hirnregionen gegenüber der Kontrollgruppe messbar verändert. Im Hippocampus beispielsweise nahm sie zu. Diese Region spielt eine wichtige Rolle für das Gedächtnis, beim Lernen, der Verarbeitung von Emotionen wie Selbstgefühl und Empathie. Im Mandelkern hingegen, der negative Gefühle wie Angst und Stress verarbeitet, nahm die graue Masse ab. Das zeigten Kernspin-Aufnahmen, die zu Beginn und nach den achtwöchigen Trainings gemacht wurden. Alle Probanden fühlten sich zuvor stark gestresst und hatten keine Erfahrung mit Achtsamkeitstechniken oder Meditation.

„Wir haben gesehen, dass sich die Gehirnstruktur verändert“, betont Britta Hölzel. „Was genau das bedeutet, wissen wir noch nicht.“ Dies sei ein sehr junges Forschungsfeld und weitere Studien seien nötig. Der Hirnforscher Manfred Spitzer sagt: „Es ist nicht egal, was wir erleben, denn jede geistige Aktivität hinterlässt Spuren im Gehirn, und diese Spuren beeinflussen dessen zukünftige Funktion.“

Mehr zum Thema Achtsamkeitstraining:

Martin Bohus, Martina Wolf-Arehult: Achtsamkeit. Schritte zu seelischer Gesundheit. 2 Audio-CDs. Schattauer 2011. 19,95 Euro.

Jessica Wilker: Das Einmaleins der Achtsamkeit. Vom sorgsamen Umgang mit alltägl. Gefühlen. Herder 2011. 5 Euro.

Friedrich Hinze: Acht Schritte zur Achtsamkeit. Vandenhoeck & Ruprecht 2010. 29,95 Euro.

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