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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

30. April 2009

Nachilfe boomt: Das Geschäft mit den Noten

 Von KATJA IRLE
Immer mehr Schüler benötigen Nachhilfe. Foto: Boeckheler

Jeder zweite Gymnasiast benötigt in der Mittelstufe Nachhilfe. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich. Oftmals steckt aber auch falsch verstandener Ehrgeiz der Eltern dahinter. Von Katja Irle

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In der 10. Klasse ging es plötzlich abwärts. Aus der glatten 2 in Mathe wurde eine 3, dann eine 4. Ein paar Arbeiten bekam Lucas I. sogar mit "ausreichend" und "mangelhaft" zurück, obwohl die Welt der Zahlen immer seine Stärke war. Als auch in anderen Fächern die Noten schlechter wurden, sprach seine Mutter den Vertrauenslehrer der Schule an: "Lucas braucht Nachhilfe, sonst schafft er vielleicht die Versetzung nicht."

Lucas, ein Schüler aus Baden-Württemberg, befindet sich in guter Gesellschaft. Fast jeder zweite Gymnasiast in der Mittelstufe (5. bis 10. Klasse) nimmt Nachhilfe. Das geht aus dem neusten Bildungsbarometer des Zentrums für empirische pädagogische Forschung (Zepf) an der Uni Koblenz-Landau hervor, die der FR vorliegt. Demnach versuchen Eltern offenbar vor allem rund um die Pubertätsphase, mit außerschulischen Lehrern nachzuhelfen.

Wenn nötig, über Jahre

Ging es bei Lucas tatsächlich um die Frage, ob er ohne Nachhilfe die Versetzung in die nächste Klasse schafft, greifen immer mehr Eltern schon lange vorher zur externen Hilfe. Das Nachhilfegeschäft soll die guten bis mittelmäßigen Noten des Nachwuchses stabil halten - wenn nötig, dann auch über Jahre hinweg.

Was die Eltern antreibt? Auch danach haben die Landauer Wissenschaftler bei ihrer vom kommerziellen Nachhilfeanbieter "Schülerhilfe" finanzierten Onlinebefragung geforscht. Die meisten Befragten stimmten der Aussage voll und ganz zu, dass Nachhilfe von Eltern genutzt wird, die "sehr hohe Erwartungen in ihr Kind setzen".

An zweiter Stelle findet sich die Aussage, dass Nachhilfe innerhalb eines eher defizitär eingeschätzten Bildungssystems zu einem "möglichst hohen Schulabschluss" verhilft. Laut Bildungsbarometer sind es in den Klassen 11 bis 13 am Gymnasium immer noch mehr als 20 Prozent der Schüler, die zusätzliche Lernhilfe in Anspruch nehmen.

Aber nicht nur in den weiterführenden Schulen ist Nachhilfe gang und gäbe. Mittlerweile büffelt sogar in der Grundschule mindestens jedes zehnte Kind nach dem Unterricht weiter. Hauptschüler hingegen greifen deutlich seltener auf externe Lehrer zurück, um ihre Leistung zu verbessern (rund fünf Prozent) - auch deshalb, weil ihre Eltern die Kosten gar nicht schultern können.

Lukratives Geschäft

Der Nachhilfemarkt in Deutschland ist zum lukrativen Geschäft geworden, auf dem sich neben den beiden größten Nachhilfeinstituten "Schülerhilfe" und "Studienkreis" zahlreiche lokale Anbieter tummeln - mit wachsenden Kundenzahlen. Fasst man alle Schulformen zusammen, dann nimmt laut einer Studie des Forschungsinstituts für Bildungsökonomie (Fibs) von 2008 fast jedes achte Kind während seiner Schullaufbahn Nachhilfe.

Schätzungen zufolge geben Eltern für den Wettlauf um gute Noten ein bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr aus. Wie viel Mama und Papa genau in ihren Nachwuchs investieren, weiß jedoch niemand genau. Die kommerziellen Anbietern lassen sich bei ihren Kundendaten und Bilanzen nicht in die Karten blicken. Wie viel Geld in die private, meist schwarz gezahlte Nachhilfe fließt, lässt sich schwer ermitteln.

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinen Nachhilfezahlen dabei nicht einmal an der Spitze: In Korea oder Japan nehmen laut Fibs 50 bis 70 Prozent der Schüler Nachhilfe. In Kanada oder in den Niederlanden wiederum kommen Kinder und Jugendliche weitgehend ohne Nachhilfe aus.

In Deutschland steht die Mathematik unangefochten an der Spitze der Nachhilfefächer. 80 Prozent der von den Zepf-Forschern um Professor Reinhold S. Jäger Befragten gaben an, dass der Nachhilfebedarf in der Welt der binomischen Formeln und der Geometrie am höchsten sei - gefolgt von Deutsch (rund sieben Prozent), Englisch (knapp fünf Prozent) und Latein (knapp vier Prozent).

Professor Jäger vermutet, dass dies auch an den Mathelehrern selbst liegt. Aufschlussreich sei eine Umfrage gewesen, bei der Schüler ihren Mathelehrern Noten für gutes oder schlechtes Erklären hätten geben müssen: "Ein Drittel der Lehrer bekam eine Vier oder eine schlechtere Note."

So fängt der kommerzielle Nachhilfemarkt das auf, was Schule offenbar nicht leisten kann. Ganztagsschulen und eine konsequent umgesetzte individuelle Förderung eines jeden Schülers könnten den Nachhilfemarkt weitgehend austrocknen, vermutet Jäger: "Aber dafür brauchen wir eine andere Lehrerausbildung und Pädagogen eines neuen Typs." Bis dahin hält Jäger die Nachhilfe für "etwas durchaus Normales in unserer Gesellschaft", das man nicht verteufeln sollte - zumal sie meistens erfolgreich sei. 90 Prozent der von ihm Befragten gaben an, dass Nachhilfe den Schüler um eine bis zwei Noten verbessert habe.

Die Nachhilfeinstitute dürfte diese Nachricht freuen. Eltern- und Lehrerverbände hingegen üben Kritik am Heilsversprechen der außerschulischen Förderung gegen Bares. "Nachhilfe dürfte eigentlich nicht zur Normalität des Schülerlebens gehören. Sie müsste obsolet werden", sagt etwa der Vorsitzende des Lehrerverbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Sorge macht ihm vor allem der Trend, dass es vielen Eltern nicht mehr allein um die Versetzung geht, sondern, dass Nachhilfe zum "Coaching" für die gesamte Schulzeit wird.

Beckmann behagt es nicht, dass bereits Grundschüler "nachsitzen" müssen und "man Kinder nicht mehr Kinder sein lässt". Fakt sei, dass Eltern schon in der dritten und vierten Klasse nachsteuerten, damit ihr Kind eine Empfehlung für das Gymnasium erhalte. Hinzu komme, dass Nachhilfe das ohnehin schon selektive Schulsystem noch selektiver mache. Nachhilfe leisteten sich vor allem gut verdienende Familien, kritisiert Beckmann. Gleichzeitig räumt der VBE-Chef ein, dass die Schule eine Mitverantwortung für den wachsenden externen Nachhilfemarkt hat. Die Lehrerausbildung und -fortbildung sei "verbesserungswürdig".

Viele Nachhilfe-geplagte Eltern finden deutlichere Worte. Sie halten es für ein Armutszeugnis, dass sie mit viel Geld oder eigenem Engagement in den Nachmittags- und Abendstunden das kompensieren müssen, was die Schule leisten sollte. "Hätten wir mehr Ganztagsschulen mit guter Förderung, wären viele Nachhilfestunden überflüssig", ist der Vorsitzende des Bundeselternrats, Dieter Dornbusch, überzeugt. Andererseits hält er "punktuelle Nachhilfe" für vertretbar - solange daraus keine Dauereinrichtung wird.

Bei Lucas I. hat das geklappt. Gemeinsam mit seinem Nachhilfelehrer, einem Studenten, ging es in Mathe wieder bergauf. Unter seinen Klassenarbeiten steht jetzt wieder "gut" oder "befriedigend".

www.bildungsbarometer.de

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