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Traumforschung: Nachts mistet das Gehirn aus

Egal ob Sexphantasie oder Prophezeiung, Menschen messen ihren Träumen viel Bedeutung zu. Doch Traumforscher entzaubern: Unsere nächtlichen Visionen seien nichts als „kognitiver Trash“.

Doch keine nächtlichen Visionen: Einer Studie zufolge sind unsere Träume meistens langweilig.
Doch keine nächtlichen Visionen: Einer Studie zufolge sind unsere Träume meistens langweilig.
Foto: Getty Images/Chaloner Woods

Die alten Griechen deuteten ihre Träume als Botschaften der Götter. Auch viele andere Kulturen und Religionen sahen in ihnen Einflüsterungen von Geistern, Dämonen oder dem Satan persönlich.

Auch heute noch messen viele Menschen ihren Träumen große Bedeutung zu. Carey Morewedge von der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh und Michael Norton von der Harvard-Universität befragten Studenten in den USA, Indien und Südkorea zu ihren persönlichen Traumtheorien. Die überwältigende Mehrheit in allen drei Kulturen war der Auffassung, dass Träume verborgene Wahrheiten über sie persönlich und über die Welt enthalten. Eine repräsentative Meinungsumfrage in den Vereinigten Staaten kam zu demselben Ergebnis.

Pragmatische Traumdeuter

Mit unseren Träumen halten wir es
wie auch sonst im Leben: Was uns
nicht in den Kram passt, wird ignoriert. In einer Studie stellten Carey Morewedge und Michael Norton fest, welchen
Träumen wir besondere Bedeutung
zu messen. 270 Frauen und Männer wurden gebeten, angenehme und
unangenehme Träume über ihnen
sympathische oder unsympathische Menschen niederzuschreiben.
Hohe Bedeutung messen die Probanden angenehmen Träumen über angenehme Menschen bei. Ebenso hoch schätzen sie unangenehme Träume über unangenehme Zeitgenossen.
Freundliche Träume über Unsympathen hingegen wurden von den Probanden kurzerhand als belanglos verworfen. Da sie nicht in ihr Bild von der Realität passen, sind sie nicht so wichtig.

Viele begegnen ihren Träumen mit einer Art magischem Denken und schreiben diesen geradezu prophetische Qualitäten zu. Morewedge und Norton baten 182 Probanden, sie sollten sich vorstellen, sie hätten eine Flugreise gebucht. In Gedanken sollten sie vier unterschiedliche Szenarien durchspielen, die sich in der Nacht vor dem Flug ereignet hätten. Erstens: Die nationale Sicherheitswarnung für Terroranschläge wird auf gelb angehoben. Zweitens: Wach liegend malen sie sich Katastrophenbilder eines Absturzes immer wieder aus. Drittens: Sie träumen in dieser Nacht von einem Flugzeugabsturz. Viertens: Ein realer Crash ereignet sich just auf der Route, die sie am folgenden Tag nehmen wollen.

Das Ergebnis: Das Traumszenario hinterließ bei den Teilnehmer die nachhaltigste Wirkung: Der Traum von einem Absturz veranlasste sie eher dazu, ihren hypothetischen Flug zu canceln, als das bewusste Nachdenken über eine solche Katastrophe. Ja, die Probanden maßen einem Traum sogar mehr Einfluss auf sie selbst bei als einer behördlichen Sicherheitswarnung. Der Traum von einem Absturz erfüllte sie mit einem ähnlichen Maß an Furcht wie ein realer Absturz in der Nacht vor ihrem Flug.

Sex, Prophezeiungen oder Gehirntrash

Sigmund Freud war nicht so abergläubisch. Seine tiefenpsychologische Traumdeutung betrachtet Träume nicht als magische Prophezeiungen oder übersinnliche Botschaften. Laut Freud haben Träume die Funktion, Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen, die dem Individuum am Tage verwehrt blieben. Da diese (bei Freud meist sexuellen) Wünsche aber für den Betreffenden oft kompromittierend sind und eben deshalb ins Unbewusste verdrängt wurden, muss ein innerer Zensor sie selbst im Schlaf verfälschen und verrätseln, bevor sie in den Traum eintreten können. Allenfalls mit Hilfe des Analytikers und seiner Deutungsvorschläge kann es dem Patienten dann bei Tageslicht gelingen, die unkenntlich gemachten Traumbotschaften zu enträtseln.

Freuds Verdrängungstheorie des Träumens ist allerdings hochumstritten. Die schärfsten Kritiker, etwa der Schlafforscher Allan Hobson, messen Träumen überhaupt keine Bedeutung bei. Sie seien lediglich Zufallsprodukte eines nächtlichen Ausmistens des Gehirns, „kognitiver Trash“, wie Hobson es nennt.

Kein Kindheitstrauma

Auch der Traumforscher Ernest Hartmann, Psychiatrieprofessor an der Tufts-Universität in Newton, im Bundesstaat Massachusetts hält die Theorie Freuds für überholt. Er hat in jüngerer Zeit mit einer eigenen Traumtheorie von sich reden gemacht. Er sieht darin keineswegs jene fremden Erscheinungen. Eher schon seien sie durch und durch irdischen Ursprungs. Laut Hartmann unterscheidet sich der Bewusstseinszustand des Träumens nicht grundlegend von der Art, wie wir am Tage die Dinge erleben.

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Autor:  Stanislaw Dick
Datum:  4 | 8 | 2011
Seiten:  1 2
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