Neulich im Büro. Schulze heimst Lob vom Chef ein für eine Idee, die er abgekupfert hat. Die Kollegen sind genervt. Und dann kreuzt er auch noch mit einem neuen Auto auf, schwarz, mit getönten Scheiben. In der Mittagspause wird Schulze Gesprächsthema Nummer eins.
"Man empfindet es oft als ungerecht, dass Menschen, die Stroh im Kopf haben, auch noch Geld wie Heu besitzen", schreibt der deutsche Medizinprofessor Gerhard Uhlenbruck in seinen Aphorismen und trifft damit ins Schwarze. Denn im Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, keimt das zarte Pflänzchen Neid schnell zu einer Schlingpflanze aus. Warum aber stört uns der Vorteil eines anderen, wenn uns selbst daraus gar kein Nachteil entsteht?
Neid zählt zu den am meisten geleugneten Affekten und wird in den seltensten Fällen offen geäußert. Als Urbild des Neides nennt die Psychologie die Geschwisterrivalität in der Familie. Es geht um frühe Verteilungskämpfe, in denen um die Liebe der Eltern oder das "größere Stück Kuchen" gerungen wird. In der Affektforschung findet der Neid in der Sphäre der sozialen Nähe Platz. Konkurrenz entsteht meist mit Geschwistern, Kollegen oder Nachbarn.
Neid - der römische Philosoph Cicero bezeichnete den Affekt als die durch Wohlstand eines anderen verursachte Schwermut - hat keinen guten Leumund. Auch die christliche Lehre tat ihr Bestes, den Neid zu verteufeln. Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus, Frau, Knecht, Magd, Vieh - kündet es im neunten und zehnten Gebot der Bibel. Und erschlug nicht Kain seinen Bruder Abel, weil er neidisch war, dass Gott ihn bevorzugte? So zählt im Christentum die "gelbe Krankheit" zu den sieben Hauptsünden, wer neidet, hat moralisch versagt.
Das gilt bis heute. Menschen, die mit der unkontrollierbaren Wut oder der bemitleidenswerten Trägheit ausgestattet sind, erfahren soziale Ächtung weniger stark, so Ulf Lukan, Psychoanalytiker aus Graz. "Die sieben Hauptsünden weisen alle auf charakteristische Aspekte des menschlichen Lebens hin, die vorwiegend dem Lustprinzip entspringen", zitiert er die christlich-ethische Tradition. Der moralisch verwerfliche Neid aber sei sinnlos, weil der beneidete Gegenstand, die Eigenschaft oder der soziale Status durch das Neiden selbst gar nicht gewonnen würden.
Galliger Geschmack
Die landläufige Auffassung, dass sich das Neid auf Materielles bezieht, betrachtet Ulf Lukan differenziert. Das Neidgefühl beziehe sich nicht direkt auf Dinge. "Es geht vielmehr um das Gefühl, das ich bei demjenigen vermute, der in dem Auto sitzt, das ich auch gerne hätte." Ob derjenige tatsächlich das "gute" Gefühl hat, das ich ihm zuschreibe, sei wiederum eine andere Frage. In der therapeutischen Praxis klärt der Analytiker, welches Bild der Neidende vom Beneideten und von sich selbst hat. Gewöhnlich kommt er zu dem Schluss, dass Neid und ein "lückenhaft fragmentiertes Selbst" einhergehen. Um dem selbstzerstörerischen Gefühl zu entkommen, gelte es, den Blick vom anderen auf sich zu lenken, das Selbstbewusstsein zu stärken, eigene Leistungen und Fähigkeiten bewusst machen.
Denn klar sei: "Keiner kommt in meine Praxis, weil er ein Neidproblem hat." Oft sei der Neid ein Symptom von anderen psychischen Störungen, Neurosen, Psychosen, mit denen ein schwaches Selbstwertgefühl einhergehe.
Positives kann Lukan dem "scheelen Blick" nicht abgewinnen. "Neid schmeckt immer bitter und gallig, es ist eine infantile Form von Selbstbezug nach dem Motto: Was ich nicht habe, soll der andere auch nicht haben."
Mit Blick auf die soziokulturelle Seite des Neides, den Neid der Besitzlosen auf die Besitzenden, steht der ungeliebte Affekt plötzlich in einem besseren Licht da. Der US-Sozialphilosoph John Rawls sah den Sozialneid als "entschuldbare" Reaktion auf soziale Ungleichheit, die Energien freisetzt.
Kleine Differenzen
Auch der Frankfurter Sozialpsychologie-Professor und Direktor des Sigmund Freud-Instituts Rolf Haubl entdeckt im Neid eine konstruktive Seite, verstanden als Antrieb, den Ehrgeiz anzustacheln, um genauso "gut" zu werden wie die Beneideten. Haubl sieht das "berechtigte Einklagen sozialer Gerechtigkeit" durchaus positiv und spricht von einem "ehrgeizig-stimulierenden" Neid.
Und schließlich lebten wir ja auch in einer Neid-generierenden Welt. In einer demnächst veröffentlichten Studie des Sigmund-Freud-Instituts zum Thema Neidgesellschaft sehe ein Großteil der Befragten den Neid als berechtigtes Gefühl, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, sagt Haubl und nennt das Beispiel Reichensteuer. Denn die Wahrscheinlichkeit einer neidischen Reaktion steige mit der Gleichheit, die es in einer Gesellschaft gibt, sagt der Neidforscher mit Blick auf moderne Gesellschaften. "Je mehr vom Kastenprinzip abgewichen wird, desto mehr werden kleine Differenzen zum Skandal." Während - wie etwa in feudalen Gesellschaften - die Sphäre zwischen Adel, Kirche und Bauern strikt getrennt war, hätten die Menschen heutzutage ähnliche Ausgangsmöglichkeiten - und trotzdem komme am Ende weniger dabei heraus.
Was passiert also, wenn die herrschenden Marktgesetze dazu führen, dass Arbeit so billig wird, dass sie nicht mehr zum Leben reicht, und das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt wird? "Dann brauchen wir uns über das kollektive Neidischsein ganzer Gruppen auf ,die da oben' nicht mehr zu wundern", folgert Psychologie-Professor Haubl.
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