Das FFR-Verfahren ist in Deutschland seit mehr als zehn Jahren auf dem Markt. "Es ist in kurzer Zeit lernbar, nach 15 bis 30 Anwendungen kann der Arzt das", sagt Klauss, der selbst Schulungen durchführt. Trotzdem werde die Methode bislang erst in rund 50 deutschen Kliniken angewendet.
Ein Problem sei, so Klauss, dass die FFR im Rahmen einer reinen Herzdiagnostik der Klinik finanziell nicht viel einbringe. Ob nur eine Angiographie oder eine Angiographie in Kombination mit einer FFR durchgeführt wird: die Fallpauschale bleibt die gleiche. "Die Klinik bleibt auf den Kosten des Drahtes sitzen."
Es besteht also die paradoxe Situation, dass die FFR-Methode dem Gesundheitssystem Geld spart, weil sie mit weniger Stents auskommt, und Risiken mindert, dem Patienten also überflüssiges Leid erspart, der Klinik aber Kosten verursacht und deshalb vielfach gemieden wird. Dabei sei die FFR-Messung gerade auch in der Diagnostik bei älteren Patienten, die meist unter mehreren Gefäßverengungen leiden, hilfreich, meint Klauss. "Tests wie das Belastungs-EKG sind oft nicht so aussagekräftig, weil die Senioren nicht mehr so fest strampeln können." Dann sehe man zwar mehrere verengte Gefäße, wisse aber nicht, welches tatsächlich behandelt werden sollte.
"Würden wir von heute auf morgen die FFR-Methode als Regelmaßnahme einführen, kämen wir mit deutlich weniger Stents aus", prophezeit Klauss. Darüber dürften sich die Stent-Produzenten allerdings kaum freuen, denn das Geschäft mit den Gefäßstützen ist ein Milliardenmarkt: Weltweit beträgt das Volumen rund sieben Milliarden Dollar.
Da Herzkrankheiten zu den Wohlstandskrankheiten gehören, werden sie so schnell auch nicht aussterben. Und da sie meist chronisch und daher teuer sind, dürften Einsparungen erwünscht sein. Ob die FFR-Methode als Regelmaßnahme Eingang in die medizinischen Leitlinien findet, müsste das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen klären. Doch für eine Überprüfung braucht das Institut erst mal den Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (GBA).
Professor Petra Hoppe, Kardiologie-Oberärztin an der Uniklinik Köln, glaubt nicht, dass sich das Verfahren routinemäßig durchsetzen wird: "Eine tolle Sache, aber man sollte die FFR höchstens selektiv einsetzen." Die Zukunft liegt ihrer Ansicht nach in biologischen Markern, die detaillierte Auskunft über gefährliche oder ungefährliche Gefäßablagerungen liefern.
Professor Dieter Horstkotte, Direktor der Klinik für Kardiologie am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen, sieht in der Fame-Studie dagegen seine eigenen guten Erfahrungen "wissenschaftlich bestätigt". In Oeynhausen werde die FFR routinemäßig praktiziert, alle Labore seien mit entsprechenden Modulen ausgestattet.
"Die routinemäßige Anwendung hat zur Konsequenz, dass bei zweifelhaften Fällen unmittelbar eine Entscheidung herbeigeführt werden kann", betont Horstkotte. Kliniken, die die FFR nicht routinemäßig einsetzten, müssten die Untersuchung abbrechen. "Mit Zeitverzug und der Notwendigkeit einer neuen arteriellen Punktion" könne dann erst die Untersuchung starten.
Dass offenbar Handlungsbedarf besteht, zeigt auch ein Blick in den jüngsten Qualitätsreport der Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung in Düsseldorf. Demnach wird in einigen Kliniken "zu großzügig" die Diagnose zur Katheteruntersuchung gestellt, an anderen zu schnell ein Stent eingepflanzt. Eine gezielte Diagnostik wäre da wohl hilfreich - selbst wenn der Hauptsponsor der Fame-Studie der Hersteller eines FFR-Drahtes ist und alle 20 an der Studie beteiligten Kliniken schon sehr lange und intensiv mit der Methode gearbeitet haben, also besonders erfahren waren.
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