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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

19. Februar 2013

Neue Weltkarten: So haben Sie die Welt noch nie gesehen

 Von Lilo Berg (Text) und Benjamin Hennig (Grafiken)
Rastertransformationskarte: Die Landoberfläche wird in Tausende von Rasterzellen gegliedert, um räumliche Information exakter zu verorten. Foto: Benjamin Hennig/viewsoftheworld.net

Ein junger deutscher Geograf macht mit seinen Landkarten verborgene Zusammenhänge auf der Welt sichtbar. Jetzt arbeitet er an einem Atlas des 21. Jahrhunderts und möchte sogar jedem Laien ermöglichen, eigene Karten zu erstellen.

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Einige wirken wie von Kinderhand gemalt, andere wie Karikaturen, und manche unterscheiden sich erst auf den zweiten Blick von üblichen Landkarten – verzerrte Karten sind wohl jedem schon begegnet. Oft erschließen sie sich intuitiv: Sind Indien und China aufgebläht und Europa geschrumpft, muss es um Bevölkerung gehen. Was aber, wenn China und Indien relativ klein, Europa größer und Australien wie ein gelber Riesenball im Meer schwimmt?

Die Neugier ist geweckt, der Begleittext schnell gelesen. Australien, so die verblüffende Erkenntnis, ist der größte Produzent von Biolebensmitteln: Vor uns liegt eine Weltkarte des Ökolandbaus.

Benjamin Hennig hat Hunderte solcher Karten hergestellt und auf seiner Internetseite veröffentlicht - www.viewsoftheworld.net. Dort erfährt man, wo die meisten Milliardäre leben, wo sich Bücher am besten verkaufen, und wohin man reisen muss, um glückliche Menschen zu treffen. Das alles kann man auch aus trockenen Statistiken erfahren, aber auf einer Weltkarte erschließt sich die Botschaft leichter.

„Hinzu kommt die ungewöhnliche Form – sie erregt Aufmerksamkeit“, sagt der 34-jährige Geograf Hennig. Seit fünf Jahren arbeitet er als deutscher Nachwuchswissenschaftler an der britischen Universität Sheffield. Vor zwei Jahren wurde er dort mit einem Preis in die Liga der klügsten Köpfe Nordenglands aufgenommen, im letzten November erhielt er aus der Hand des Bundestagspräsidenten den Deutschen Studienpreis für seine Dissertation. Sie ist als Buch unter dem Titel „Rediscovering the World“ erschienen, was übersetzt nichts weniger als eine Wiederentdeckung der Welt verheißt.

Erstmals in großem Stil erkundet wurde die Erde im 15. und 16. Jahrhundert. Viele Seefahrer orientierten sich an den Karten des berühmten Forschers Gerhard Mercator, der eine besonders authentische Kartierungsmethode erdacht hatte, die Mercatorprojektion. Sie erlaubt es, die runde Form der Erdoberfläche so in die Ebene zu übertragen, dass sie für die Navigation geeignet ist. Mercators Weltkarte trug damit zu den Anfängen der modernen Globalisierung bei.

„Wir leben inmitten einer globalisierten Welt“, sagt Benjamin Hennig, „nun reichen die üblichen Karten nicht mehr aus.“ Denn in der modernen Welt geht es immer mehr um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Landflucht und Verstädterung, Rohstoffgewinnung, Verkehr, Klimawandel – Homo sapiens verändert das Gesicht der Erde fast überall und in schnellem Takt. Wir leben im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen.

Mithilfe von Texten und Bildlegenden lassen sich die komplizierten Zusammenhänge zwar auch in konventionellen Landkarten darstellen, wie jeder Zeitungsleser weiß. Spektakulärer und oft auch einprägsamer sind jedoch die neuen Karten. Sie setzen erstmals in der Geschichte der Kartografie voll auf Computerkraft, um Massen von sozial- und naturwissenschaftlichen Daten mit räumlicher Information zu verbinden. Und die aktuellste Version stammt von Benjamin Hennig.

Software für jedermann geplant

Buchempfehlungen

Rediscovering the World – Map Transformations of Human and Physical Space, Springer Verlag 2013 (Benjamin Hennigs Doktorarbeit)

Die Welt als Buch – Gerhard Mercator und der erste Weltatlas, Faksimile Verlag, München 2012

Mit einem Geografie-Diplom in der Tasche ging Hennig vor fünf Jahren nach Sheffield, um von den Pionieren einer neuen digitalen Kartografiemethode zu lernen. Worldmapper nennen sich die britischen Forscher; sie haben zusammen mit US-Kollegen der schon länger bekannten Mischung aus Landkarte und Diagramm eine moderne Gestalt gegeben.

Siebenhundert dieser sogenannten Cartograms stehen im Internet. Auf ihnen ist jedes Land gemäß einem bestimmten Indikator – etwa Armut, Gesundheit oder Wirtschaftskraft – in seiner Größe verändert. „Der Mensch ist sehr gut darin, relative Werte anhand ihrer Größe zu erfassen“, begründet der Mitinitiator Danny Dorling die Wahl der Mittel. Die Cartograms sind leicht lesbar, denn trotz der Verzerrung behalten die Länder ihre ursprüngliche Form.

Doch es gibt auch Nachteile: Unterschiede werden nur innerhalb willkürlicher Ländergrenzen sichtbar, regionale Besonderheiten gehen unter – und man ist auf einen Indikator beschränkt. Wer komplexere Muster darstellen will, etwa den Zusammenhang von Weltgegend, Nachthimmel und Bevölkerungsgröße, muss neue Wege finden.

Zwei Jahre hat Benjamin Hennig gebraucht, um seine rasterbasierte Kartentransformation zu entwickeln. Dabei wird die gesamte Erdoberfläche durch ein virtuelles Gitternetz in Tausende von gleich großen Rasterzellen unterteilt. Diese werden anschließend mit quantitativen Daten verknüpft, etwa der Bevölkerungszahl. Über eine mathematische Funktion, die auf dem physikalischen Prinzip des Diffusionsausgleichs beruht, verändern sich nun die einzelnen Rasterzellen: Je nach ihrem individuellen Datenwert werden sie größer oder kleiner.

Die Vorteile gegenüber herkömmlichen Karten erläutert Hennig gern am Beispiel der Bundestagswahl 2009. In der konventionellen Karte nehmen spärlich besiedelte Regionen, etwa in Bayern, Niedersachsen oder in Ostdeutschland, großen Raum ein – sie sind auf der Karte überrepräsentiert. Ballungsräume, in denen viel mehr Wähler leben und ihre Stimmen abgeben, erscheinen auf der Karte unverhältnismäßig klein. Bei einer Rastertransformation kommt es nicht zu dieser Verzerrung, denn sie berücksichtigt die Verteilung der Bevölkerung im Raum. Dichter besiedelte Gebiete treten in den Vordergrund, dünn besiedelte schrumpfen entsprechend.

In viele Rastertransformationskarten muss man sich hineindenken. Die schwarzen Linien zum Beispiel verstören zunächst. In ihnen rücken Rasterzellen eng zusammen, weil die entsprechende Region sehr dünn besiedelt ist: die Sahara zum Beispiel, die Anden oder der Himalaya. Dadurch wirkt die räumliche Information unpräzise, das ungeübte Auge braucht eine konventionelle Referenzkarte, um die Informationen genau verorten zu können.

„Jede Projektionsmethode hat ihre Vor- und Nachteile, und auch die Rastertransformation ist nicht für jeden Zweck die beste Wahl“, räumt Benjamin Hennig ein. Ihr Potenzial sei aber noch längst nicht ausgeschöpft. Als Nächstes will er die Software vereinfachen, damit praktisch jeder auf einem handelsüblichen Rechner eigene Karten erstellen kann.

Gern würde er einen gedruckten Weltatlas herausbringen, einen Atlas der Menschheit im 21. Jahrhundert. Der Atlas soll in Großbritannien erscheinen, ein Verleger wird gerade gesucht. Benjamin Hennig hat nur einen befristeten Vertrag, und deshalb sucht er auch eine feste Stelle. Mit einer Doktorarbeit, die den Weg zur Landkarte der Zukunft weist – so das Lob der Studienpreis-Jury – sollte das kein Problem sein.


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