Wissenschaftliche Reputation ist eines von mehreren Anforderungskriterien für Führungspositionen an Hochschulen", sagt Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband, der Berufsvertretung der Uni-Professoren in Deutschland. "Durch die Hochschulreformen der letzten Jahre sind aber vor allem Managerqualitäten, Mediengewandtheit und Politikfähigkeit gefragt." Letzteres hat der scheidende Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, zur Genüge. Ersteres bringt den künftigen Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität (HU) gerade mächtig in die Bredouille.
Bei seiner Berufung an die HU ist offenbar einiges schief gelaufen. Die Verantwortlichen haben, wie ein führendes Mitglied in Aufsichtsrat und Findungskommission der FR sagte, nicht mit der öffentlichen Empörung über die Entscheidung gerechnet.
Jan-Hendrik Olbertz (55) verabschiedete sich am Montag nach rund acht Jahren Kabinettszugehörigkeit als Kultusminister von Sachsen-Anhalt. Er soll neuer Präsident der Berliner Humboldt-Uni werden, doch es gibt Streit um seine Schriften aus der DDR-Zeit.
Der Erziehungswissenschaftler studierte in den 70er Jahren an der Uni Halle. 1989 habilitierte er mit einer Arbeit über "Akademisches Ethos und Hochschulpädaogik", für die er nun scharf kritisiert wird. 1990 wurde er Professor in Bielefeld, später in Halle. (ki)
Marx und Lenin
Ausgelöst wurde sie Ende Mai durch einen Vortrag an der FU Berlin, in dem ein Historiker den Pädagogen Olbertz als Missionar der "marxistisch-leninistischen Erziehung" zitierte. Die Textstellen stammten aus seiner Doktorarbeit und der Habilitationsschrift, die er 1989 verfasste. Die wissenschaftlichen Arbeiten sind schon seit DDR-Zeiten an der HU und anderen Unis frei zugänglich. Aber offenbar hat sich niemand aus Kuratorium und Findungskommission oder von den sechzig wahlberechtigten Vertretern der Lehrenden und Lernenden der HU damit auseinandergesetzt.
Die Folgen für die Außenwirkung der HU könnten verheerend sein: Der renommierte Theologe und frühere HU-Professor Richard Schröder nennt den Kollegen Olbertz einen wissenschaftlichen "Dünnbrettbohrer". Der Historiker Hubertus Knabe von der "Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" zweifelte am Montag im FR-Interview sogar an der Lehrstuhlbefähigung des künftigen Präsidenten.
Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und HU-Professor, spricht nachträglich vom "Tribut des Wissenschaftlers" Olbertz, "dem man anders als anderen Berufsgruppen seine schriftlich fixierten Worte dauerhaft vorhalten kann".
Ein führender DDR-Forscher, der nicht genannt werden möchte, wirbt um Verständnis. Bei wissenschaftlichen Qualifikationsschriften von damals könne man bestimmte Terminologien in die Waagschale werfen: Wer in einem iedeologieverhafteten Fach wie der Pädagogik vom "politischen Gegner" statt dem "Klassenfeind" spreche, wie es Olbertz getan habe, habe dabei womöglich sogar etwas "riskiert". Parteipolitisches zu zitieren, sei nicht direkt mit der eigenen Meinung gleichzusetzen.
Olbertz selber nimmt für sich in Anspruch, der SED "widerstanden" zu haben. Es sei unfair, seine damaligen Arbeiten mit den heutigen Maßstäben einer freien Wissenschaft zu beurteilen. Unterstützung bekommt er vom Fachkollege Heinz-Elmar Tenorth. Er hält Olbertz zugute, dass er nie Parteigenosse war.
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