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Neurobiologe Dawirs: "Hyperaktive Weltentdecker"

Zum Beispiel Ritalin...

Ritalin führt dazu, dass mehr Dopamin bereitgestellt wird. Dann gibt es eine Verhaltensveränderung, also eine tatsächliche oder vermeintliche Verbesserung, und schon sagt man: Aha! Zu wenig Dopamin. Das ist Pillepalle!

Aber Sie sagen selbst, dass Ritalin wirkt. Für viele Familien ist es der einzige Ausweg aus dem Dilemma. Ist das verwerflich?

Es gibt viele Fälle, in denen ein Junge oder ein Mädchen Medikamente benötigt. Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht ist eine medikamentöse Behandlung von psychiatrischen Störungen natürlich eine ganz wichtige Op-tion. Die Frage ist aber doch, ob bei jedem der 600 000 Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit der Diagnose ADHS tatsächlich eine psychiatrische Störung vorliegt.

Laut einer Umfrage halten Mütter und Väter die Diagnose ADHS für schlimmer als Asthma oder Neurodermitis.

Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn eine Mutter mit ihrem Sohn eine Beratung aufsucht, lautet oft einer der ersten Sätze: Mein Junge macht mir Probleme. Dabei ist es oft genau umgekehrt.

Geben Sie den Eltern die Schuld?

Nein. Es geht hier nicht um Schuld. Viele Eltern von Kindern mit ADHS haben ohnehin schon Schuldgefühle, und man darf diese auf keinen Fall verstärken. Damit erzeugt man noch mehr Druck, und davon haben sie und das Kind wirklich schon genug. Andererseits kann man nicht ignorieren, dass die Probleme auch aus dem familiären Zusammenleben resultieren können - sie kommen nicht aus dem Kind allein. Das ganze ist ein Wechselspiel.

Was machen Familien falsch?

Das geht mit den Babykursen los und mit der Nachhilfe weiter. Sie ist in Deutschland mittlerweile zum Milliardengeschäft mutiert. Viele Eltern leben in einer wahnsinnigen Angst, dass ihre Kinder es nicht schaffen werden, an Bildung und Wohlstand zu partizipieren. Deshalb stehen sie enorm unter Druck und geben diesen an ihre Kinder weiter.

Sie können aber weder das familiäre Umfeld noch die Schulsituation von heute auf morgen ändern.

Das ist genau das Dilemma: Wir können die betroffenen Kinder nicht aus der sie belastenden Umwelt rausnehmen und für sie eine schöne neue Welt erfinden. Es hört sich so abgedroschen an, aber wir wären tatsächlich schon einen Schritt weiter, wenn sich die Schulen änderten.

Viele Lehrer würden Ihnen antworten, dass sie als Pädagogen die Defizite aus den Familien ausgleichen müssen.

Gegenseitige Schuldzuweisung bringt ja niemandem etwas. Wir müssen die Gesellschaft als Ganzes sehen. Auch die Berufswelt und ihre Auswirkungen auf die Familien. Eltern werden mit ihren Ängsten und Belastungen total alleingelassen.

Was muss sich ändern?

Wir werden immer älter, bleiben immer länger gesund und werden wohl auch immer länger erwerbstätig sein müssen. Bleibt die Frage: Was machen wir mit der ganzen Zeit? Warum nehmen wir uns nicht für die Phase der Familiengründung und für die Begleitung der Kinder mehr Zeit? Kinder brauchen Ruhe und Geborgenheit und wenig Stress.

Heißt das zurück an den Herd?

Nein! Ob Vater, Mutter oder Großeltern sich kümmern, ist egal. Aber ein Kind braucht eine verbindliche Begleitung, gerade in den ersten Jahren. Wir brauchen keine Verstaatlichung der Kindheit. Eltern können das viel besser als Institutionen wie Kinderkrippen.

Sie sind gegen eine Betreuung außerhalb der Familie?

Nicht grundsätzlich, aber wir dürfen unsere Kinder nicht länger verwalten und ihre Zeit organisieren. Sie gehören in die Familie. Dazu gehört dann allerdings auch, dass in der öffentlichen Wahrnehmung diese Zeit und Zuwendung gewürdigt wird als Familienarbeit - und entsprechend unterstützt und bezahlt wird.

Interview: Katja Irle

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Datum:  8 | 5 | 2010
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