Herr Dawirs, statistisch gesehen sitzt heute in jeder Klasse ein Kind mit der Diagnose ADHS. Sind die alle krank?
Die meisten wohl nicht. Es ist aber eine Mode geworden, das als Krankheit zu bezeichnen. Dahinter steckt zum einen ein handfestes Interesse der Pharmaindustrie, die Medikamente verkaufen will. Zum anderen die allgemeine Empfindung, dass diese Kinder stören. Dabei kommen viele Jungen und Mädchen mit den heutigen Lebensbedingungen in Konflikt und zeigen Verhaltensauffälligkeiten. Wenn ein hyperaktives Kind nicht in einer Klasse mit 30 anderen hocken müsste, mit Frontalunterricht, Selektionsmechanismen und Zukunftsängsten, dann sähe vieles anders aus.
Ralph Dawirs ist Zoologe, Hirnforscher und Professor für Neurobiologie. Als Entwicklungs- und Gehirnexperte hat er zahlreiche Arbeiten zur Entwicklung des Gehirns und des Verhaltens verfasst.
Er ist Autor der Bücher "Hallo, hier spricht mein Gehirn" und "Endlich in der Pubertät". (ki)
Heißt das, Schule macht krank?
Ich würde sagen, die Schule sucht die Kinder heraus, die nicht zu ihr passen. Man muss die gesamte Gesellschaft und ihre Entwicklung sehen, die Kinder zwingt, Dinge zu tun, die sie normalerweise nicht tun würden.
Nämlich?
Wildpferde beispielsweise würden niemals freiwillig über ein größeres Hindernis springen. Domestizierte Pferde hingegen springen, weil sie gezwungen werden. Und wenn sie scheitern, bekommen sie eine schlechte Wertung. So wie das Pferd fühlt sich wohl ein sogenanntes ADHS-Kind, wenn es 45 Minuten in der Schulbank still sitzen muss, obwohl es viel lieber andere Sachen entdecken möchte. Nicht das Pferd oder das Kind ist krank, sondern das System.
Folgt man Ihrer Logik, dann gab es schon immer hyperaktive Menschen, aber sie machten der Gesellschaft keine Probleme?
Im Gegenteil. Der Mensch entwickelt sich ja in der sozialen Gruppe. Innerhalb dieser Gruppe wurden seit jeher alle gebraucht: die Sturen, die stundenlang aus dem Stock eine Waffe schnitzten. Aber auch die, denen das zu langweilig war und die sich gern mal von anderen Reizen ablenken ließen.
Ein Verhalten, das man heute als hyperaktiv und konzentrationsschwach bezeichnen würde?
Genau. In früheren Kulturen brauchte man diese Gruppe der Aufmerksamen ganz dringend. Sie beobachteten ihr Umfeld ganz genau, konnten vor Gefahren warnen. Sie waren wie Alarmgeber für die Gruppe, die vermutlich auch weniger schliefen als die anderen. Ich würde die These wagen, dass unter den Welteroberern und -entdeckern viele Hyperaktive waren. Denn oft ist diese Eigenschaft auch mit Mut und Risikobereitschaft gekoppelt.
Sie meinen, Columbus könnte an ADHS "gelitten" haben?
Beweisen kann ich das nicht, aber es wäre gut möglich. Es gibt natürlich viele andere Faktoren, die einen Menschen zum Entdecker machen, aber dazu gehört auch die Fähigkeit, sich ablenken zu lassen und andere Wege zu gehen. Das Gegenteil von Anpassung.
Und was ist mit der Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, sich an Regeln zu halten und auch mal an einer Sache dranzubleiben?
Das ist natürlich auch wichtig. Aber beim "Wesentlichen" fängt es schon an, schwierig zu werden. Das ist ja für jeden etwas anderes.
Soll ein Kind ausschließlich seinen eigenen Neigungen und Interessen folgen dürfen?
Nein, nicht ausschließlich. Um in einer Gemeinschaft leben zu können, muss das Gehirn in der Lage sein, Handlungsabläufe vorwegzudenken. Wenn zum Beispiel eine Mutter zur Tochter sagt: "Hol bitte im Supermarkt einen Liter Milch", dann muss das Kind eine sehr komplexe Leistung vollbringen: Es muss seine Tätigkeit unterbrechen und akzeptieren, dass der Wunsch der Mutter wichtiger ist als eigene Bedürfnisse. Auf dem Weg zum Laden darf es sich nicht ablenken lassen. Das Gehirn soll also Signale unterdrücken, die in Konkurrenz zur eigentlichen Aufgabe treten könnten.
Klingt nach Roboter . . .
Ja und nein. Einerseits braucht man die Konzentration auf das Wesentliche. Aber ein Tunnelblick kann auch zu fatalen Handlungen führen: Wenn das Kind nur stur ans Milchholen denkt und nicht bemerkt, dass neben ihm eine Oma auf der Bananenschale ausrutscht, hat das ja nicht die gewünschte Wirkung. Es gibt aber auch Kinder, die kommen niemals im Supermarkt an, weil sie bei jedem Herbstblatt, das vom Baum weht, einen Schlenker machen.
Warum fällt es Erwachsenen schwer, nicht-angepasstes Verhalten zu akzeptieren?
Hyperaktive und tatsächlich und vermeintlich unaufmerksame Kinder treffen auf eine Umwelt, die ihr Verhalten nicht billigt, ja sogar bestraft. Sie fallen auf - und das stresst wiederum die anderen. Und je älter wir werden, desto mehr stören uns die kleinen Wuseligen. Die Kinder spüren sofort, dass etwas nicht stimmt, wissen aber nicht was und warum. Damit beginnt für sie ein Teufelskreis.
Gibt es eine genetische Komponente bei ADHS?
Ich glaube nicht daran. Natürlich sind Gene überall beteiligt, sie sind wie ein Werkzeugkasten, der täglich im Einsatz ist. Aber es gibt kein Gen für ADHS. Die Umwelt spielt eine viel größere Rolle.
Viele Mediziner sagen, dass ein Dopamin-Mangel im Gehirn die Störung verursacht. Sehen Sie das anders?
Ich bin da mehr als skeptisch. Das weiß man doch alles nicht, weil es noch viel zu wenig erforscht ist! Es gibt aber die Tendenz, aus der Wirkung von Pharmaka auf das Gehirn eine Erklärung für die Ursächlichkeit einer behandelten Störung abzuleiten. Nach dem Motto: Ich verabreiche dem Gehirn ein Medikament und das wirkt dann so und so.
Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.
Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.
Neue Forschungsergebnisse in der Medizin, der Blick in das Innere des Menschen - mehr zu lesen im FR-Spezial Medizin.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.