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Neurodermitis-Creme: Wirkung der Wundersalbe fraglich

Aufgedeckter Missstand oder gezielte Werbung? Eine TV-Doku warf vergangene Woche der Pharma-Industrie vor, eine Neurodermitis-Salbe zu verhindern. Tatsächlich ist die Wirkung dieser Creme fraglich. Von Anke Brodmerkel

Ein Kind zeigt am Donnerstag (22.10.2009) in der Kölner Kinderklinik seine von Neurodermitis befallenen Hautpartien.
Ein Kind zeigt am Donnerstag (22.10.2009) in der Kölner Kinderklinik seine von Neurodermitis befallenen Hautpartien.
Foto: dpa

In Deutschland leiden mehr als fünf Millionen Menschen an Neurodermitis und Schuppenflechte. Ihnen allen könnte mit einem Medikament geholfen werden, das schon vor 20 Jahren erfunden wurde. Doch das Medikament gibt es nicht zu kaufen. So beginnt ein Film des WDR-Redakteurs Klaus Martens, der vergangene Woche gleich mehrfach im Fernsehen zu sehen war. Sein Titel lautet: "Heilung unerwünscht - Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern".

Was folgt, ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte. Sie erzählt, wie der Medizinstudent Karsten Klingelhöller vor rund 20 Jahren für seine an Schuppenflechte (Psoriasis) erkrankte Freundin aus Vitamin B12, Avocado-Öl und Wasser eine rosafarbene Creme anrührte, die die entzündete Haut der Frau rasch heilen ließ. Zwei Studien der Ruhr-Universität Bochum bestätigten die Wirksamkeit des Mittels, worauf die Salbe im Jahr 2005 unter dem Namen Regividerm als Medizinprodukt zertifiziert wurde.

Doch der Versuch Klingelhöllers, die Creme zusammen mit großen Pharmakonzernen zu vermarkten, scheiterte: Angeblich habe die Pharmaindustrie lieber ihre eigenen, teuren Cortison-Produkte verkaufen wollen - obwohl diese stärkere Nebenwirkungen hätten.

Und dann dauerte es keine zwei Tage, bis bekannt wurde, dass es auf einmal doch einen Partner gab: Das schweizerische Unternehmen Mavena Health Care hatte sich Medienberichten zufolge bereit erklärt, den Vertrieb der Creme zu übernehmen. Hersteller werde die Remscheider Firma Regeneratio Pharma sein, die Karsten Klingelhöller einst gegründet hatte. Schon Mitte November solle Regividerm in Apotheken erhältlich sein.

Alles nur PR?

Weitere Nachfragen bei den Unternehmen ergaben allerdings, dass sich die Firmen vermutlich schon im September handelseinig geworden waren - also lange bevor die Fernsehsendung ausgestrahlt wurde. Die Frage ist nun, ob die Redakteure des WDR bloß versäumten, den Beitrag auf seine Aktualität hin zu prüfen.

Im Raum steht aber auch der Verdacht, dass die Geschichte des verhinderten Medikaments ein sehr geschickter Schachzug der beteiligten Akteure gewesen sein könnte - der sowohl dem Medikament jede Menge PR einbrachte als auch dem neuen Buch von Klaus Martens, das unter dem Titel "Heilung unerwünscht" etwa zeitgleich mit Regividerm auf den Markt kommen soll.

Blogger warfen dem WDR vor, kritische Kommentare zu der Sendung in seinem Online-Forum systematisch zu löschen - und lieferten entsprechende Belege per Screenshot gleich mit. Klaus Martens widerspricht den Anschuldigungen: "Den Vorwurf einer gezielten Werbekampagne für ein Medizinprodukt weise ich entschieden zurück", schreibt er in einem offenen Brief im Internet.

Den Millionen Patienten, die an juckender, schuppender, geröteter Haut leiden, dürfte dieser Streit egal sein. Sie werden vor allem wissen wollen, ob die neue Salbe tatsächlich so gut ist wie von Martens gepriesen. Und genau das ist derzeit noch unklar.

"Bisher fehlen große kontrollierte Studien an Patienten, die belegen, dass Regividerm wirksam und auch bei längerer Anwendung sicher ist", sagt Margitta Worm, die stellvertretende Leiterin des Berliner Allergie-Centrum-Charité der Hautklinik am Campus Mitte. "Bis solche Studien vorliegen, würde ich Patienten, die an Neurodermitis oder Schuppenflechte leiden, eher zur Zurückhaltung raten.

Nicht gewährleistet, dass keine Nebenwirkungen auftreten

Denn auch wenn die Creme im Wesentlichen aus natürlichen Zutaten bestehe, sei nicht gewährleistet, dass Cyanocobalamin - besser bekannt als Vitamin B12 - in höheren Dosen keinerlei Nebenwirkungen hervorrufe.

Dass die Creme nur in kleinen Studien getestet wurde, liegt daran, dass sie nicht als Arzneimittel zugelassen ist, sondern nur eine Zertifizierung als Medizinprodukt besitzt. Dafür sind große Patientenstudien, bei denen sich ein Präparat gegenüber einem Placebo behaupten muss, nämlich nicht notwendig. "Eine Zertifizierung sagt - anders als eine Zulassung als Arzneimittel - nichts über den Nutzen eines Produkts aus", erklärt Wolfgang Becker-Brüser, Pharmazeut und Herausgeber der pharmakritischen Zeitschrift Arznei-Telegramm.

Um ein Medizinprodukt in den Handel zu bringen, benötigt es jedoch nicht nur die Zertifizierung, sondern auch eine Erlaubnis durch die zuständige Landesbehörde. Und diese steht noch aus: Stefanie Paul, Sprecherin der Bezirksregierung Düsseldorf sagte gestern, es werde untersucht, ob es sich bei Regividerm nicht doch um ein Arzneimittel - statt eines Medizinprodukts - handele. Man werde klären müssen, ob Vitamin B12 ein medizinischer Wirkstoff mit pharmakologischem Wert sei: "Dann wäre die Salbe ein Arzneimittel." Und es würde vermutlich Jahre dauern, bis Regividerm in Apotheken erhältlich wäre.

Hinweise, dass die Creme wirken könnte, gibt es durchaus. So veröffentlichte ein Team um Peter Altmeyer von der Klinik für Dermatologie der Ruhr-Universität Bochum in der Fachzeitschrift British Journal of Dermatology zwei vielversprechende Studien zur Wirkung der Salbe. Bei der zweiten, 2004, wurde sie an 49 Patienten getestet.

Acht Wochen lang trugen die Probanden auf der einen Seite ihres Körpers die Vitamin-B12-Zubereitung auf, während sie auf der anderen Körperseite ein wirkstofffreies Scheinpräparat verwendeten. Weder Ärzte noch Patienten wussten, welche der Salben das echte Präparat war. Bei dieser Untersuchung sei die Vitamin-B12-Creme dem Placebo signifikant überlegen gewesen, schreiben die Forscher.

Die Creme entfaltet ihre Wirkung vermutlich, indem das Vitamin B12 Stickstoffmonoxid-Moleküle abfängt und unschädlich macht. Stickoxide sollen an den Hautveränderungen bei Neurodermitis und Psoriasis maßgeblich beteiligt.

Dennoch warnt auch der Bochumer Dermatologe und Erstautor beider Studien Markus Stücker vor Euphorie. "Das Präparat kann helfen, nicht heilen", sagt er. Von einem Durchbruch zu sprechen, sei aufgrund der Datenlage kaum gerechtfertigt. Er gehe davon aus, dass die Wirkung von Regividerm der eines leichten Cortisonpräparats vergleichbar sei: "Ein Zaubermittel ist die Creme sicherlich nicht."

"Da sind noch viele Fragen offen", sagt Hartmut Morck, Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung, die von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände herausgegeben wird. Wer die Salbe - sollte sie im November tatsächlich auf den Markt kommen - ausprobieren will, "sollte zuvor in jedem Fall mit seinem Arzt sprechen", sagt Morck: "Ich kann nur davor warnen, eine bestehende Therapie eigenmächtig zu ändern."

Autor:  Anke Brodmerkel
Datum:  27 | 10 | 2009
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