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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

12. Oktober 2011

Nijmegen: Arche Noah für bedrohte Sprachen

 Von Lilo Berg
Sprachforschung in Namibia mit Sprechern des bedrohten Akhoe Hai//om.  Foto: Thomas Widlok

In einem globalen Rettungsprojekt erfassen Linguisten weltweit Ton- und Videoaufnahmen. Zweihundert Sprachen sind bereits dokumentiert.

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Wissenswert
Die Mutter des Gedankens

Neu-Guinea hat die größte Sprachenzahl in Relation zur Landesgröße. Die Angaben bewegen sich zwischen 700 und 1 000 Sprachen.
Die größte Sprachenvielfalt in Relation zur Bevölkerungsgröße gibt es im pazifischen Inselstaat Vanuatu: Die rund 100 000 Einwohner sprechen schätzungsweise 120 Sprachen.
Nur ein Drittel aller Sprachen besitzt eine Schrift und in vielen Fällen wurde diese erst im 19. oder 20. Jahrhundert eingeführt.
Schriften wurden in der Geschichte nur wenige Male unabhängig voneinander eingeführt. Die meisten Schriftsprachen haben ihr Schriftsystem von einer Nachbarsprache übernommen: Die Römer von den Etruskern und diese von den Phöniziern.
Chinesisch gilt als eine Sprache, obwohl die Sprecher des Mandarin im Norden und des Kantonesisch im Süden einander nicht verstehen. Schriftlich jedoch können sich alle verstehen.
Deutsch ist mit 110 Millionen die sprecherreichste Sprache der EU. Danach kommen Englisch und Französisch.
Dialekt und Sprache sind kaum klar zu trennen. Der Unterschied hat oft politische Gründe. Ein Sprachforscher sagte einmal: „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine.“
Das älteste schriftliche Sprachzeugnis ist rund fünftausend Jahre alt.
Die Ansicht, dass das Inuit, also die Sprachen arktischer Völker, besonders viele Wörter für „gefrorenes Wasser“ hat, ist zwar weit verbreitet, aber falsch. Es sind nicht mehr als im Deutschen mit etwa Schnee, Eis, Hagel, Harsch.
Am besten lernt man eine zweite Sprache in der Kindheit. Aber anders als oft angenommen, ändert sich die Fähigkeit im Laufe der Kindheit kaum. Es ist also keineswegs so, dass man im Kindergarten besser als in der Grundschule und da besser als in der Hauptschule oder auf dem Gymnasium lernt. Ebenso ist es, wenn man die Sprache durch den alltäglichen Kontakt in einem fremden Land lernt – da sind Kinder im Alter von vier Jahren in ihren Lernfähigkeiten nicht besser als Kinder im Alter von acht oder zehn Jahren. Und man kann durchaus noch als Erwachsener eine zweite Sprache perfekt lernen – in dem Sinne, dass es den muttersprachlichen Sprechern nicht auffällt; es fällt allerdings schwerer.
Chinesisch, Isländisch und einige weitere Sprachen schotten sich gegen andere Sprachen ab. Aber die meisten Sprachen enthalten Wortentlehnungen, die auf historische Kontakte hinweisen. Nach der normannischen Eroberung 1066 gelangen zum Beispiel viele französische Wörter ins Englische.
Was das längste Wort ist, ist nicht bekannt. Es könnte aber aus dem Deutschen stammen. Denn in unserer Sprache kann man immer noch eins draufsetzen: Donaudampfschifffahrtskapitänskombüsen...

„Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache.“
Theodor Fontane

„Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten in ihren unübersetzbaren Worten.“
Marie von Ebner-Eschenbach

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Ludwig Wittgenstein

„Der Purist. // Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern, // nun so sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht.“
Johann Wolfgang von Goethe

„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“
Ingeborg Bachmann
„Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.“
Karl Kraus

„Je höher die Kultur, desto reicher die Sprache.“
Anton Tschechow

„Menschen, die mit Leichtigkeit fremde Sprachen erlernen, haben gewöhnlich einen starken Charakter.“
Ludwig Börne

„Man unterschätze nicht die Botenstoffe der Sprache. Es gibt geisthemmende und geiststimulierende Begriffe.“
Botho Strauß

„Weder geschrieben noch
gesprochen scheinen Wörter und
Sprache irgendeine Rolle in meinem Denkprozess zu spielen.“
Albert Einstein
„Die Sprache ist dem Menschen
gegeben, um seine Gedanken zu
verbergen.“
Charles Maurice de Talleyrand

„Wer sich als Herrscher über die
Sprache aufspielt, hat nicht begriffen, daß es sich um das einzige Medium handelt, in dem die Demokratie schon immer geherrscht hat.“
Hans Magnus Enzensberger

„Aber die Sprache um ein Wort ärmer machen heißt, das Denken der Nation um einen Begriff ärmer machen.“
Arthur Schopenhauer

„In seiner Muttersprache ist man doch am präzisesten, kann am besten Gefühle und Zwischentöne ausdrücken. Und wenn ich das fördern will, das ist keine nationalistische Deutschtümelei.“
Antje Vollmer

Die Tage des Wichita sind gezählt. Nur noch 15 Angehörige des Indianerstamms, der im Norden von Texas lebt, beherrschen die Sprache. Und jeder von ihnen ist über 70 Jahre alt. Die jungen Leute sprechen Englisch, manche haben zusätzlich Spanisch gelernt, aber die Sprache der Ahnen ist ihnen fremd geworden. Vielleicht werden sie sich eines Tages die Interviews anschauen, die Sprachforscher aus Europa gerade aufzeichnen: In Gesprächen mit den letzten Zeugen des Wichita versuchen die Wissenschaftler, Wortschatz und Struktur einer extrem bedrohten Sprache sowie deren ganz eigene Sicht auf die Welt für die Nachkommen zu erhalten.

Das Wichita ist kein Einzelfall. Sprachwissenschaftler schätzen, dass weltweit zwei Sprachen pro Woche untergehen, jedes Jahr dürfte es bis zu hundert Sprachen treffen. Ein Ende des Niedergangs ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Je enger die Welt zusammenrückt, je stärker Globalisierung, Migration und moderne Kommunikationstechniken die Gesellschaften verändern, desto schneller verläuft das Sprachensterben.

Heute zählt die Wissenschaft noch mehr als 6000 Sprachen, gegen Ende des Jahrhunderts sind wohl bis zu 80 Prozent von ihnen tot, weil der letzte Sprecher gestorben ist. Bedroht sind vor allem die kleinen Sprachen mit weniger als hunderttausend Sprechern. Aber auch große Namen verlieren an Gewicht: Das Deutsche, das derzeit noch zu den Weltsprachen gehört, droht als internationales Verständigungsmittel zu verschwinden.

„Wir können den Wandel nicht aufhalten, aber wir können immerhin versuchen, den sprachlichen Reichtum der Menschheit zu sichern und der Forschung zugänglich zu machen“, sagt Wolfgang Klein, Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Psycholinguistik. Sein Institut im niederländischen Nijmegen steht im Zentrum eines globalen Rettungsprojekts. Hunderte von Sprachforschern schicken ihre Ton- und Videoaufnahmen, die sie in aller Herren Länder gesammelt haben, an das Nijmegener Institut. Seit 1999 ist so die weltweit größte Dokumentation bedrohter Sprachen (Dobes) zusammengekommen, darunter auch ein Profil des Niedersorbischen. Zweihundert Sprachen sind heute archiviert, die Datenmenge beläuft sich auf gigantische 80 Terabyte. Das entspricht 80 000 Stunden Sprachaufzeichnungen.

Jetzt soll die Arche Noah für Sprachen vergrößert werden. Nachdem die Volkswagenstiftung den Aufbau mit insgesamt 20 Millionen Euro finanziert hat, wollen nun drei andere Organisationen mit insgesamt rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr für die nächste Fünf-Jahres-Etappe aufkommen. In Berlin unterzeichneten am Dienstag die Max-Planck-Gesellschaft, die Berlin-Brandenburgische Akademie und die Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften die Verträge für das neue gemeinsame Projekt The Language Archive (TLA).

Der Datenschatz steht bis zu einem gewissen Grad allen Interessierten offen, besondere Zugangsrechte erhalten jedoch Forscher. In Nijmegen entwickelte Analysemethoden erlauben es ihnen, den gewaltigen Datenschatz zu durchpflügen. Eine neue Ära der empirischen Sprachwissenschaft sei angebrochen, frohlockte der Kölner Sprachwissenschaftler Nikolaus Himmelmann bei dem Treffen in Berlin, alte Dogmen ließen sich nun besser überprüfen. So galt die Silbenbildung nach dem Muster Konsonant-Vokal wie etwa in ta-ta-ta lange als sprachliches Universal. Die Nachforschung im digitalen Archiv zeigte jedoch, dass australische Buschleute es anders machen: Statt ta-ta-ta bevorzugen sie at-at-at. In das neue Language Archive werden nicht nur Daten bedrohter, sondern auch von besser dokumentierten Sprachen einfließen. Etwa das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, ein Nachschlagewerk mit einer bisher unerreichten Fülle an Wörtern, das derzeit an der Berlin-Brandenburgischen Akademie entsteht. Wenn dann noch die Vernetzung mit ähnlichen Dokumentationen, etwa in Australien, Großbritannien und den USA, funktioniert, ist die Arche Noah der Sprachen perfekt.

The Language Archive im Internet: www.mpi.nl/tla

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