= Düsseldorf (dpa/lnw) - Gesamtschullehrer und Gewerkschaften haben der Landesregierung eine Herabsetzung der Gesamtschulen vorgeworfen.
Der Gesamtschullehrerverband Nordrhein-Westfalens (GGG) widersprach Zahlen der Landesregierung, wonach 40 Prozent der Gesamtschüler in der Oberstufe scheitern. Tatsächlich verließen nur 10 Prozent die Gesamtschuloberstufe ohne höherwertigen Abschluss, sagte der Verbandsvorsitzende Werner Kerski.
Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in NRW, Guntram Schneider, sprach von einer reaktionären Schulpolitik in NRW, die zudem durch "handwerkliche Begrenztheit" auffalle. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) müsse dem Schul- und Kulturkampf ein Ende setzen. "Der Ministerpräsident sollte die Diskreditierung der Gesamtschule stoppen."
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) werde Schulministerin Barbara Sommer (CDU) am Montag 16.000 Protest- Unterschriften überreichen, kündigte Schneider an. "Das wäre eine gute Möglichkeit für Frau Sommer, sich zu rehabilitieren", meinte der DGB- Landeschef. Die GEW fordert unter anderem einen 30-prozentigen Ganztagszuschlag auf das Budget der Gesamtschulen und kleinere Klassen.
Die SPD-Opposition verlangte von Sommer eine eindeutige Aussage zur Zukunft der Gesamtschuloberstufe. Die Ministerin habe sich nicht von Parteibeschlüssen von CDU und FDP zur Abschaffung der Oberstufe an Gesamtschulen distanziert, stellte SPD-Landtagsfraktionsvize Ute Schäfer fest. Kerski berichtete von einer "großen Verärgerung" und Verunsicherung an den Gesamtschulen des Landes.
Der Gesamtschullehrerverband legte Ergebnisse einer Stichprobe vor, mit der im vergangenen Mai die Schulkarrieren von 2143 Oberstufenschülern an 29 Gesamtschulen des Landes verfolgt wurden. Demnach erreichten 71 Prozent das Abitur - 7,3 Prozent mit einer "Ehrenrunde" in der Oberstufe - und 19 Prozent die Fachhochschulreife.
Dieser von vielen Gesamtschülern bewusst gewählte Abschluss dürfe nicht als Misserfolg bewertet werden, unterstrich Kerski. Auch die Grünen betonten, wer Jugendliche mit Fachabitur zur Durchfaller-Quote rechne, agiere tendenziös.
Die Erhebung erfülle nicht die wissenschaftlichen Kriterien für eine repräsentative Studie, räumte die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Gabriele Bellenberg von der Ruhruniversität Bochum ein. Gleichwohl sei aber keine selektive Auswahl getroffen worden. Die Stichprobe decke alle Regionen und Gesamtschultypen des Landes ab. Nach Zahlen des Landesamts für Statistik lernen in NRW rund 232000 Schüler an 218 Gesamtschulen.
Die Gesamtschule führe schon in der Sekundarstufe I viel mehr Schüler an einen höherwertigen Bildungsabschluss heran als das gegliederte Schulsystem, sagte Bellenberg. Dies gelte sowohl für die aufgenommenen Haupt- und Realschüler als auch für die vielen Kinder aus Zuwandererfamilien. Die Migrantenquote an Gesamtschulen sei mit 14 Prozent fast dreimal so groß wie an Gymnasien. "Wir haben eine Reihe von Schülern, die nur bei uns das Abitur erreichen", sagte Kerski.
"Auf alle sind wir stolz - auch auf die, die sich durchgebissen haben." Schneider warf Rüttgers "Hartleibigkeit in der Schulpolitik vor". Anders sei sein starres Festhalten am gegliederten Schulsystem nicht zu begreifen, während zahlreiche andere Bundesländer sich bereits für Gemeinschaftsschulen und längeres gemeinsames Lernen öffneten.
Der DGB-Chef forderte die Landesregierung auf, mehr für die Breitenbildung zu tun. "Die Eliten reproduzieren sich selbst." Der schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Klaus Kaiser, entgegnete, wer mangelnde Bildungsgerechtigkeit beklage, müsse auch sagen, dass dies das Ergebnis von 39 Jahren SPD-geführter Landespolitik sei.
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