Aktuell: Eintracht Frankfurt | Fußball-News | Blockupy | Ukraine | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

11. Juli 2012

Numerus Clausus: Zoff um die Zulassung

 Von Torsten Harmsen
Dichtes Gedränge bei der Einschreibung, wie an der Technischen Universität Dresden, könnte Erstsemestern auch in diesem Jahr blühen. Foto: Imago

Hoffnung für Abiturienten: Die Bewerbungen für NC-Fächer werden nun bundesweit koordiniert. Doch die Technik spielt noch nicht richtig mit.

Drucken per Mail

"Die Plattform steht. Die Software läuft. Wir sind am Start.“ Optimistisch und voller Tatendrang klingen die Worte von Bernhard Scheer, Sprecher der Dortmunder Stiftung für Hochschulzulassung. Er meint das neue bundesweite Online-Zulassungssystem, bei dem sich Studenten auf Studienplätze bewerben können – und zwar in bis zu zwölf Studiengängen. In diesem System können die Studenten auch jederzeit sehen, an welcher Hochschule sie angenommen wurden und wo Plätze bereits besetzt sind. Damit wird erstmals ein bundesweit zentraler Überblick über die Verteilung der Plätze in zulassungsbeschränkten Fächern möglich.

Zumindest theoretisch. Denn so genial die Idee ist, so schlecht läuft ihre Umsetzung. Von etwa 3 246 Bachelor-Studiengängen mit örtlicher Zugangsbeschränkung (Numerus clausus – NC) an 300 Hochschulen bundesweit nehmen gerade einmal 22 am Probelauf des neuen Dialogorientierten Serviceverfahrens (DoSV) teil. Bis zum Ende der Bewerbungsfrist für das kommende Wintersemester am 15. Juli werden es garantiert auch nicht mehr. Dabei sollte diese Online-Plattform eines der größten Probleme des Hochschulsystems beenden: das jährliche Chaos bei der Studienplatzvergabe.

Dieses geht nun also weiter. Und das bei immer höher steigenden Studentenzahlen – auch durch die doppelten Abiturjahrgänge, die durch die Verkürzung der Schulzeit in vielen Bundesländern an die Hochschulen strömen. In diesem Jahr trifft es neben Baden-Württemberg und Bremen vor allem Berlin. Im kommenden Jahr folgen Nordrhein-Westfalen und Hessen. Bereits im Jahr 2011 gab es in Deutschland so viele Studenten wie nie zuvor – etwa 2,5 Millionen.

Wie viele sich nun am 15. Juli bewerben werden, können die Hochschulen noch nicht sagen. „Erfahrungsgemäß bringen die letzten Tage, inklusive die letzte Nacht, noch einmal einen deutlichen Anstieg“, sagt Michael Kämper-van den Boogaart, Vizepräsident der Humboldt-Universität (HU) Berlin.

Viele Mehrfach-Bewerbungen

Das große Chaos entsteht dadurch, dass sich viele Studenten an mehreren Hochschulen bewerben, es aber bisher keinen bundesweiten Überblick über diese Bewerbungen gibt. Etwa die Hälfte aller Studiengänge bundesweit ist mit einem örtlichen NC belegt. Für das besonders begehrte Fach Psychologie musste man im vergangenen Jahr an der Freien Universität (FU) Berlin einen Abiturschnitt von 1,2 haben. Bundesweit begehrt sind auch Fächer rund um Medien und Kultur.

Um wenigstens an irgendeinem Studienort Erfolg zu haben, „streuen“ Abiturienten ihre Bewerbungen bundesweit. Erhalten sie dann mehrere Zusagen und entscheiden sich für eine Hochschule, versäumen sie es oft, sich an den anderen abzumelden. Dann sind Plätze blockiert und werden erst zu spät freigegeben, damit andere Bewerber nachrücken können. Obwohl seit Jahren versucht wird, dieses Problem zu lösen, blieben auch im Wintersemester 2011/12 bundesweit 13 096 Plätze unbesetzt.

Bisher gab der Bund 15 Millionen Euro aus, um eine neue Online-Plattform zu schaffen, mit der Studenten und Hochschulen endlich einen Überblick über besetzte und freie Studienplätze bekommen. Diese Plattform heißt Hochschulstart.de. Betreut wird sie von der Dortmunder Stiftung für Hochschulzulassung. Diese verteilt bereits – als Nachfolgerin der Zentralstelle für die Studienplatzvergabe (ZVS) – die Plätze in bundesweiten NC-Fächern wie Medizin und Pharmazie.

Eigentlich sollte schon zum Wintersemester 2011/12, also vor einem Jahr, das neue zentrale Vergabesystem für die vielen örtlichen NC-Fächer bundesweit laufen. Dass es nicht dazu kam und der Start bisher zweimal verschoben wurde, liegt nach öffentlicher Darstellung vor allem an technischen Schwierigkeiten. „Viele Hochschulen haben Probleme mit der Anbindung an die neue Web-Plattform“, sagt der Hochschulstart-Sprecher Bernhard Scheer.

Größere Probleme als erwartet

Schon vor einem Jahr klagte man über diese technischen Probleme. Gelöst wurden sie seitdem offenbar nicht. An der zentralen Plattform liege es nicht, heißt es bei Hochschulstart.de. Hier funktioniere die Software, die von der Telekom-Tochter T-Systems entwickelt wurde. Das Problem sind nach wie vor die Schnittstellen zwischen der zentralen Plattform und den einzelnen Hochschulen. Die Ursache liegt in den vielfältigen Systemen der Hochschulen, was nach den Worten einer Hochschulstart-Mitarbeiterin eine „sehr heterogene Anbindungslandschaft“ ergebe.

„Die Hochschulen haben ganz unterschiedlich moderne Software-Ausstattungen“, sagt Scheer. Hinzu kämen örtliche Modifizierungen. „Es handelt sich hier ja nicht um Standard-Softwarepakete“, so Scheer. Jede Hochschule habe ihre Technik an die jeweiligen Bedingungen angepasst. „Da ergaben sich für die Hochschulen doch größere Probleme, als es auch von uns ursprünglich erwartet worden war“, gibt Scheer zu.

Um diese Probleme und ihre mögliche Vermeidbarkeit gibt es seit Monaten Streit. Im Feuer der Kritik stand unter anderem der größte Anbieter für Zulassungssoftware an den Hochschulen, die gemeinnützige, von Bund und Ländern getragene Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). Deren Software-Sparte habe die Anbindungsprobleme an den von ihr betreuten Hochschulen nicht in den Griff bekommen, hieß es. Immerhin nutzen bundesweit 80 Prozent der Hochschulen HIS-Software.

Im Januar 2012 hörte man sogar, dass Bund und Länder die IT-Sparte der HIS privatisieren wollten. Einzelne Bundesländer stellten die Finanzierung des Unternehmens in Frage. Die Opposition aber wirft vor allem der Bundesregierung vor, keinen Plan B entwickelt und sich zu sehr auf eine Lösung fixiert zu haben. Doch das Bildungsministerium sieht zum neuen Dialogorientierten Serviceverfahren (DoSV) keine Alternative, wie es jetzt mitteilte.

Das Verfahren startete nun also – mit 22 Studiengängen aus 17 Hochschulen bundesweit. Im vergangenen Wintersemester beteiligten sich daran unter anderem die Universitäten Hamburg, Heidelberg, Freiburg und Mannheim mit dem Studiengang Psychologie, einem der bundesweit am meisten nachgefragten Fächer.

Alternative Wege in Berlin

Andere Hochschulen denken erst gar nicht daran. So weist unter anderem die Humboldt-Universität (HU) Berlin darauf hin, dass der technische Aufwand viel zu hoch wäre, zumal in Zeiten großer Belastung durch den doppelten Abiturjahrgang. Die HU hat sich dagegen gemeinsam mit etwa 30 anderen Unis aus Berlin, Brandenburg und Hamburg zusammengeschlossen, um die Bewerbungs- und Zulassungstermine zu koordinieren und damit das Chaos einzudämmen. Außerdem, so erwähnt der HU-Vizepräsident Michael Kämper-van den Boogaart, sei das neue zentrale Zulassungsverfahren bisher nur für Mono-Bachelorstudiengänge geeignet, also solche, in denen man nur ein Fach studiert. An der HU belegten aber viele Studenten Kombi-Bachelorstudiengänge, also mehrere Fächer zugleich.

Darauf sagt der Hochschulstart-Sprecher Scheer: „Natürlich bewältigt unser System auch Kombi-Studiengänge.“ Man habe aber entschieden, zunächst nur mit Mono-Angeboten zu starten. Dahinter stand die praktische Frage: „Wie können wir vernünftig starten, ohne uns und den Hochschulen zusätzliche Probleme zu machen.“

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung.

Anzeigenmarkt
Videonachrichten Wissen
Interaktive Grafik

Von der Bohne bis ins Regal: So entsteht Kakao für Schokolade und Getränke.

Interaktive Grafik

Über Nacht sterben europaweit in manchen Bienenstöcken 90 Prozent der Bienen-Bevölkerung.

Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Interaktive Grafik

Was läuft schief bei Diabetes, was sind die Symptome - eine Animation erläutert die Hintergründe.

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Aurora Borealis

Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.

Interaktive Grafik

Indonesiens Wälder verschwinden für neue Plantagen - doch Palmöl ist auch für die Gesundheit relevant.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Anzeige
Sonnensturm
Hier ist ein Sonnensturm in weiß in der Mitte unten zu sehen.

Derzeit finden heftige Eruptionen auf der Sonne statt. Das verursacht magnetische Stürme auf der Erde.

Rückblick auf 50 Jahre
Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin in seinem Raumanzug bei Übungen zum ersten bemannten Weltraumflug. Gagarin umkreiste am 12. April 1961 in der Raumkapsel Wostok als erster Mensch die Erde.

Zum fünfzigsten Jahrestag des ersten Starts der Menschheit ins Weltall hat die russische Raumfahrtagentur ein Video veröffentlicht.

Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.