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04. November 2014

Ökobilanz von Lebensmitteln: Genuss ohne schlechtes Gewissen

 Von 
Ein leckeres Hähnchen - doch wie sieht die Ökobilanz aus?  Foto: Getty Images

Für Verbraucher ist es überaus schwer, die Ökobilanz einzelner Lebensmittel einzuschätzen. Die Rechnung, dass Obst und Gemüse immer "ökologisch gut" und tierische Produkte immer umweltschädlicher sind, geht keineswegs immer auf.

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Der Genuss eines saftigen Steaks – für Fleischfans ein köstliches Erlebnis, aber nicht sehr zuträglich für die Umwelt. Sich stattdessen viel Gemüse auf den Teller zu packen – in jedem Fall unbedenklich und ein Akt nachhaltigen Ernährens. Oder? Dass Fleisch, vor allem das von Rind und Kalb, eher schlecht abschneidet, wenn es um die Ökobilanz und dabei insbesondere um die Belastung durch Treibhausgase wie CO2 und Methan (CH4) geht, pflanzliche Kost dagegen in jedem Fall eine saubere Sache ist, erscheint heute vielen Konsumenten, die sich möglichst umweltschonend ernähren wollen, selbstverständlich.

Doch ganz so einfach ist nicht. Einzuschätzen, wie schädlich für Natur und Klima jedes einzelne Lebensmittel ist, dürfte für Verbraucher fast unmöglich sein, dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle, sagt Uwe Fritsche, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Internationalen Instituts für Nachhaltigkeitsanalysen und –strategien (IINAS) in Darmstadt. In der Regel wiesen Nahrungsmittel rein pflanzlicher Herkunft zwar eine bessere Treibhausgas-Bilanz auf als Produkte tierischer Herkunft, erklärt Jenny Teufel, leitende Wissenschaftlerin für den Bereich Produkte und Stoffströme beim Öko-Institut in Freiburg. So kommt ein Kilogramm Gemüse wie Gurken oder Tomaten im Schnitt auf 500 Gramm Ausstoß, die gleiche Menge Schinken dagegen auf einen Wert von 4800 Kilogramm. Ein Kilogramm Margarine schlägt mit 1350 Gramm zu Buche, die entsprechende Portion Butter dagegen mit stattlichen 23.800 Gramm. Ganz klar: Bei den jährlichen 1,74 Tonnen CO2-Emissionen durch Lebensmittel pro Kopf geht der Löwenanteil auf das Konto von Fleisch- und Milchprodukten, sagt Jenny Teufel.

Doch die Rechnung, dass Obst, Gemüse, Getreide & Co immer „ökologisch gut“ und tierische Produkte im Vergleich dazu durchweg umweltschädlicher sind, geht keineswegs immer auf. Sie kommt zum Beispiel schon ins Wanken, wenn Keniabohnen, Spargel, Weintrauben, Beeren oder Frühkartoffeln außerhalb unserer Saison oder auch reine Südfrüchte wie Ananas oder Mango über den Luftweg mit dem Flugzeug auf unsere Teller gelangen. „Der Transport mit dem Flugzeug spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Klimabilanz von Lebensmitteln geht“, sagt Uwe Fritsche. Nahrung aus Übersee muss deshalb nicht automatisch schlecht fürs Klima sein – dann nicht, wenn sie mit dem Schiff zu uns gebracht wird. Was allerdings schnell mit dem Flieger in örtlichen Geschäften landen soll, belastet die Umwelt erheblich mit Kohlendioxid.

Äpfel am Baum - immer "ökologisch gut"?  Foto: Getty Images

Und auf diese Weise kann dann die importierte Flug-Avocado auf ungünstigere Werte kommen als ein Stück Fleisch von einem Tier, das auf einer heimischen Weide gegrast hat. Aber auch Gemüse, das nicht von weit her kommt, kann kräftig zu einem hohen Ausstoß an Treibhausgasen beitragen: wenn Sorten außerhalb ihres natürlichen Wachstumszyklus‘ in beheizten Gewächshäusern gezüchtet werden, wie der Experte erläutert. Eine Sache der Nachfrage: „Konsumenten wollen heute eben zu jedem Zeitpunkt des Jahres frisches Gemüse haben. Saisonzeiten werden nicht mehr berücksichtigt“, erläutert Fritsche.

Doch die Klimabilanz – und das erschwert die Einschätzung – mag zwar das am häufigsten zitierte Kriterium für Umweltverträglichkeit sein, der einzige Marker dafür ist er jedoch keineswegs, erklärt Fritsche: „Es gibt noch viele andere Aspekte zu berücksichtigen. Etwa die biologische Vielfalt, die Tiergesundheit oder auch die Frage, ob umweltschädigende Stoffe wie Nitrate, Pestizide oder Gifte eingesetzt wurden. So kann der Treibhausausstoß eines Produkts gering, dessen Auswirkung auf die Biodiversität jedoch schlecht sein.“ Insgesamt schätzt der Physiker die Zahl der „Indikatoren“ für die Umweltwirkung von Lebensmitteln auf „100 bis 200“.

Wie schwer eine generelle Einteilung von bestimmten Nahrungsmitteln ist, veranschaulicht der Experte am Beispiel des Apfels: „Äpfel, die mit dem Schiff aus Neuseeland importiert werden, sind effizient. Äpfel, die von einer kleiner Streuobstwiese stammen, hinter deren Ernte und Vertrieb aber schlechtere Geräte und schlechtere Logistik stehen, weisen im Vergleich dazu ähnlich hohe Treibhausemissionen auf. Doch für die landschaftliche Vielfalt in einer Region leisten sie im Gegensatz zu Äpfeln aus Neuseeland einen großen Beitrag.“

Oder der Kaffee: Obwohl rein pflanzlicher Her- kunft, ist sein Konsum oft nicht gerade umweltfreundlich. Denn zugunsten lukrativer Kaffeeplantagen, so Jenny Teufel, werden oft Regenwälder gerodet. Diese für die gesamte Erde so wichtigen Biotope fallen oft auch gigantischen Agrarflächen zum Opfern, auf denen dann Ölpalmen, Mais oder Soja in Monokulturen angebaut werden. Das schadet dem globalen Klima, nimmt bedrohten Tieren – in Indonesien etwa Orang-Utans und in Afrika Schimpansen – den Lebensraum, zerstört insgesamt die originäre Fauna und Flora einer Region. „Da werden ganze Landschaften ausgeräumt“, kritisiert Uwe Fritsche. Oft passe die dergestalt ausgetauschte Bepflanzung auch gar nicht in eine Region und verschlinge große Mengen an Wasser, um überhaupt gedeihen zu können.

Mais und Soja sind zwei Nutzpflanzen, deren massenhafte Produktion Umweltexperten mit besonderer Skepsis sehen: Die riesigen Äcker vernichten biologische Vielfalt, um dort vor allem Futtermittel für Vieh zu gewinnen. Denn zu solchem werden Mais und Soja vor allem verarbeitet. Aber auch vegane Produkte wie Tofu können durchaus ihren Ursprung in ökologisch zweifelhaften Anlagen haben.

Obst und Gemüse haben nicht unbedingt eine bessere Ökobilanz als Fleisch.  Foto: Getty Images

Bei der Verwendung als Futtermittel kommt dann wieder die ökologische Qualität von Fleischprodukten ins Spiel. Denn was Tiere zu fressen bekommen, wirke sich erheblich darauf aus, wie daraus gewonnene Produkte am Ende im Hinblick auf ihre Umweltwirkung zu bewerten seien, sagt Uwe Fritsche. Zwar gilt der Konsum von Geflügel gemeinhin als weniger belastend als der von Rindfleisch – doch auch hier sei eine „differenzierte Betrachtung angebracht“, erklärt der Experte: „Es ist ein Unterschied, ob eine Kuh, die Gras gefressen und Milch gegeben hat, nach Jahren geschlachtet wird oder ob das mit einem Mastbullen mit Soja- und Maisfütterung passiert. Eine Kuh, die auf der Weide gestanden hat, ist besser für die Umwelt als ein Masthähnchen, das nur zwei Monate lebt, nie eine Wiese gesehen hat und mit Soja gefüttert wurde.“ Und auch Fisch auf dem Speiseplan tut dem Klima nicht uneingeschränkt gut, ergänzt Jenny Teufel: Nil- und Viktoriabarsche beispielsweise werden mit Flugzeugen von Afrika aus in die ganze Welt exportiert.

Eine wichtige Rolle bei der Umweltwirkung von Lebensmitteln spielt zudem die Vorverarbeitung, sagt Uwe Fritsche. So bestehe in dieser Hinsicht etwa zwischen Kartoffeln und Pommes frites ein „Riesenunterschied“, der unter anderem daher rührt, dass die verwendeten Knollen frittiert und dann tiefgefroren eingeflogen werden – sie also industriell verarbeitet werden: „Je mehr Convenience, desto belastender.“ Die Verpackung sei dagegen nur „von untergeordneter Bedeutung“: „Das kann man vernachlässigen.“ Das gelte auch für Dosen und Glas, eine Ausnahme seien nur die kleinen Milchdöschen mit ihren von viel Plastik umgebenen Miniportionen.

Es ist also eine Fülle an Kriterien, die über die Umweltfreundlichkeit eines Lebensmittels entscheidet – und auch bestinformierte Kunden dürften sie beim Gang durch den Supermarkt nicht allgegenwärtig im Kopf haben. Politik und Industrie könnten einiges tun, um die Kaufentscheidung zu erleichtern, sagt Fritsche. So könne die Politik den Import von Futtermitteln einschränken, „es ist ohnehin eine Grenze erreicht“. Zudem sähe er es als sinnvoll an, Produkte, die eingeflogen werden, teurer anzubieten: „Dann kann sich jeder überlegen, ob er bereit ist, für ein frisches Obst oder Gemüse außerhalb der Saison das Doppelte auszugeben.“ Auch sei zu diskutieren, ob Firmen „Mindestanforderungen“ in Bezug auf die Treibhausbelastung durch die Nahrungsproduktion einhalten sollten. Für besonders schonende Lebensmittel könnte ein „Nachhaltigkeitssiegel“ vergeben werden.

Auch die Verbraucher selbst können zu ihrer persönlichen und damit auch zur allgemeinen Umweltbilanz etwas beitragen, „ohne dafür auf Fleisch verzichten zu müssen“, sagt Uwe Fritsche: Am besten sei es, „regionalen, zumindest halbwegs saisonalen und möglichst wenig verarbeiteten Produkten“ den Vorzug zu geben und bei Fleisch auf die Herkunft zu achten – möglichst Biofleisch mit hofeigenem Futter; auch, wenn es pro Kilogramm deutlich teurer sei. Und grundsätzlich gilt, ganz einfach und sehr effektiv für die Umwelt: so wenig Nahrung wie möglich wegwerfen.

Doch der Fachmann relativiert auch: „Nachhaltige Lebensmittel sind wichtig. Doch die von den Deutschen produzierten Treibhausgas-Emissionen stammen nur zu 20 Prozent von der Ernährung. Unseren ökologischen Fußabdruck dominieren immer noch die Wärme- und Stromerzeugung sowie die Mobilität.“

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