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15. Februar 2016

Ökosystem: Jagddruck bedroht Tierarten

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Duiker-Antilopen sind wegen ihres zarten Fleisches begehrt – aber in vielen Gegenden durch die Jagd bereits stark bedroht.  Foto: istock

Die Kommerzialisierung der Jagd in West- und Zentralafrika bedroht das gesamte Ökosystem in der Region. Die angestammte Tierwelt droht zu verschwinden, einige Bestände gibt es bereits nicht mehr.

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Menschen jagen Tiere, um selbst zu überleben – das verhält sich seit hunderttausenden von Jahren so, auf der ganzen Welt. West- und Zentralafrika war stets eine besonders artenreiche Region der Erde. Doch in den großen Waldgebieten dort droht die angestammte Tierwelt zu verschwinden, einige Bestände gibt es bereits nicht mehr, andere haben stark abgenommen, sagt Stefan Ziegler, Projektleiter für Ressourcenschutz beim World Wildlife Fund (WWF) Deutschland. Der Grund für diese besorgniserregende Entwicklung ist die seit etwa 30 Jahren fortschreitende Kommerzialisierung der Jagd in der Region: Die Menschen töten die Tiere nicht mehr nur, um sich selbst zu versorgen, sondern verkaufen das Buschfleisch zunehmend auch in die afrikanischen Ballungszentren, oft über mehrere hundert Kilometer hinweg.

Eines der besonders stark betroffenen Gegenden ist das Kongo-Waldbecken. Es umfasst Gebiete der Staaten Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, Äquatorialguineas, Gabuns und der Republik Kongo. Bereits 39 Prozent der Fläche dieses großen Areals leidet unter einem „starken bis sehr starken Jagddruck“. Zu diesem Ergebnis ist jetzt ein Team aus Forschern der Universitäten Frankfurt, Würzburg und Manchester sowie Naturschützern des WWF Deutschland gekommen. Die Wissenschaftler hatten in einer Studie den Jagddruck in den verschiedenen Landstrichen ermittelt und eine detaillierte Karte erstellt, die bei künftigen Regionalplanungen helfen soll. Grundlage dafür bot ihnen die Analyse von Untersuchungen zum Buschfleischangebot auf lokalen Märkten, die zwischen 1990 und 2007 publiziert worden waren, wie Studienleiter Bruno Streit, Professor am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Frankfurter Goethe-Universität, erklärt.

Aus der Menge der öffentlich zum Verkauf feilgebotenen Tiere und der Häufigkeit sowie dem Einzugsgebiet der Märkte errechneten die Forscher Raten, wieviel Buschfleisch jährlich pro Quadratkilometer aus einem bestimmten Gebiet entnommen wurde. Diese Zahlen setzten sie dann mit der Dichte der Bevölkerung und der des Straßennetzes sowie dem Abstand der Märkte zu Schutzgebieten in Bezug. Erschreckend an ihrer Studie ist nicht allein der reine Umfang der Gebiete, in denen das Verschwinden der Tierwelt droht, sondern auch die Tatsache, dass sogar Schutzgebiete wie der bekannte Virunga-Nationalpark oder der Okapi-Nationalpark im Osten der Demokratischen Republik Kongo betroffen sind.

Unter dem steigenden Jagddruck leidet nicht allein das klassische Wild, sondern nahezu die gesamte Fauna mit Ausnahme der Insekten. Buschfleisch ist ein Sammelbegriff für das Fleisch von Tierarten, die im Wald leben. Erlegt mit Hilfe von Fallen und Schusswaffen werden vorwiegend Säugetiere sowie einige Reptilien- und Vogelarten. Besonders beliebt bei den Jägern sind Rehe und Duiker, auch Ducker genannt, kleine Antilopen, die wegen ihres zarten Fleisches gern verspeist werden. Aber selbst Großkatzen und Elefanten werden getötet, wenn sich den Menschen die Chance dafür bietet, sagt Stefan Ziegler – und das nicht allein als Trophäe oder wegen des Elfenbeins, sondern eben auch als Fleischlieferanten. Auch Affen gelten in vielen Gegenden als Delikatesse. So seien zwei Arten von Stummelaffen durch den gestiegenen Handel mit Buschfleisch bereits ausgestorben, und sogar Menschenaffen würden auf dem Markt angeboten; mehrere tausend Gorillas sollen demnach jedes Jahr für den Handel getötet werden.

Folgen für das Ökosystem

Das Sterben all dieser Tiere ist nicht nur für den Fortbestand der jeweiligen Art fatal, sondern auch für das gesamte Ökosystem des Tropenwalds, erklärt der WWW-Experte: Denn viele pflanzenfressende Arten verbreiten zugleich die Samen von Pflanzen oder halten Baumschädlinge in Schach.

Gleichwohl stellt Buschfleisch insbesondere für die Bevölkerung auf dem Land eine wichtige Eiweißquelle dar, sagt Stefan Ziegler – ohne diese wichtigen Nährstoffe würde mehreren Millionen Menschen in Afrika Mangelernährung drohen. In vielen Teilen der Welt deckt vor allem die Zucht von Nutztieren die Fleischversorgung ab, im tropischen Afrika hingegen stelle sie keine echte Alternative zur Jagd dar, erläutert der Artenschutzexperte: „In Afrika gelingt die Viehzucht oft nicht gut. Das hat unter anderem damit zu tun, dass dort ein Erreger der Schlafkrankheit viele Rinder befällt. Außerdem ist im Kongo-Waldbecken auch der Zugang zur Fischerei limitiert.“

Trotz all dieser Faktoren hat das Nebeneinander von Menschen und Tieren aber auch in diesen Gebieten Jahrtausende lang funktioniert. Doch in den letzten 25 bis 30 Jahren hat sich die Situation zugespitzt, weil die Landbewohner Buschfleisch nicht mehr allein nutzen, um sich selbst zu ernähren, sondern auch verkaufen, wie Studienleiter Bruno Streit erklärt. Zugleich wächst auch die Tendenz zum organisierten Handel mit Buschfleisch sogar über Ländergrenzen hinweg.

Für diese Entwicklung gebe es mehrere Gründe, sagt Stefan Ziegler. Als Hauptursachen nennt er die verbesserten Straßennetze und die Erschließung des Regenwaldes – „eine ambivalente Angelegenheit“: Denn einerseits ist eine moderne Verkehrsinfrastruktur natürlich wichtig für die Bevölkerung in der Region. Anderes aber eröffnet sie eben auch Wege in den Wald und erleichtert so die Jagd und den Transport erlegter Tiere. Hinzu kommt: Durch Konflikte wie Bürgerkriege in der Republik Kongo oder in Ruanda gibt es viel mehr Handel mit Waffen und Munition in der Region. „Früher haben die Menschen für die Jagd selbst gebaute Büchsen verwendet. Das hat sich grundlegend geändert. Inzwischen sind sehr viele Waffen im Umlauf“, erklärt Ziegler. Und mit der Zahl der Waffen steige auch die Jagdausbeute. Auch würde in den Naturschutzgebieten zunehmend gewildert.

Ein weiterer Faktor, der den Verkauf von Buschfleisch im großen Stil vorangetrieben habe, sei die Urbanisierung im tropischen Afrika: „Die Städte wachsen. Die ländliche Bevölkerung zieht zunehmend in die Metropolen, nimmt aber ihre kulinarischen Traditionen mit.“ Außerdem sei das im Land gejagte Fleisch günstiger als importiertes Fleisch aus der Europäischen Union. Umgekehrt werde sei aber auch bereits in europäischen Großstädten Buschfleisch aus Zentralafrika beschlagnahmt worden: „In Brüssel, Paris oder London beispielsweise gibt es eine große afrikanische Community, die zum Teil illegal mit Fleisch aus der Heimat versorgt wird.“

All diese Faktoren haben dazu geführt, dass in mehr als einem Drittel des Kongo-Waldbeckens der Jagddruck erheblich gestiegen ist und viele Tierbestände dort stark bedroht sind. „Das sind vor allem Gebiete mit einer hohen Dichte an Verkehrswegen, innerhalb deren sich zuweilen auch Schutzgebiete eingebettet finden“ erklärt Stefan Ziegler.

Was folgt nun aus der Untersuchung des deutsch-britischen Forscherteams? Die Karte könnte eine Grundlage sein für eine, so Bruno Streit, „nachhaltige Regionalplanung“ und benutzt werden, um Einfluss auf künftige Entscheidungen zu nehmen. Stefan Ziegler nennt als Beispiel den Straßenbau, der keine wildreichen Gebiete mehr zerschneiden sollte. In Gebieten mit hohem Jagddruck könnten andere Projekte unterstützt werden, etwa, um die Wilderei zu bekämpfen. Gelingt es nicht, die kommerzielle Jagd auf Buschfleisch einzudämmen, so fürchten Naturschützer, dass die Tierwelt in diesem waldreichen Gebiet bald zu einem großen Teil verschwunden sein könnte.

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