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09. Mai 2012

Organspende: Der Student, der jüngst noch "hirntot" war

 Von Birgitta vom Lehn
Steven Thorpe heute, vier Jahre nach seinem Unfall.  Foto: bbc

Der 17-jährige Brite Steven Thorpe erleidet lebensgefährliche Verletzungen. Seine Ärzte erklären ihn für hirntot und fragen seine Eltern auf mögliche Organspenden an. Heute, vier Jahre später, studiert Steven Thorpe, weil der Vater dem Arzt nicht glaubte.

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Jede Minute zählt, verschwendete Wartezeit kann für Schwerkranke tödlich sein! Mit dieser Botschaft wirbt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zur Zeit auf Bahnhöfen in 14 deutschen Städten für mehr Organspenden. Nachdenklich macht angesichts dieser Kampagne ein Fall, der gerade in der britischen Presse Aufsehen erregte.

Es war vor vier Jahren, als der 17-jährige Steven Thorpe aus der englischen Stadt Kenilworth mit seinem Wagen einen Unfall mit zwei anderen Autos hatte, verursacht durch ein frei laufendes Pferd. Steve erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Die Ärzte der Universitätsklinik in Coventry versetzten ihn in ein künstliches Koma und öffneten seine Schädeldecke, um Schwellungen im Hirn einzudämmen. Bereits zwei Tage später erklärten sie ihn für hirntot und sprachen die Eltern auf mögliche Organspenden an.

Heute studiert der mittlerweile 21-Jährige an einem College in Coventry das Fach „Accountancy“, Rechnungswesen. Er überlebte nur, weil sein Vater den Ärzten der Uni-Klinik in Coventry nicht glaubte. Er hatte ein Zucken am Körper seines Sohnes entdeckt und zog eine Privatärztin zu Rate. Steve wurde weiterbehandelt und konnte nach sieben Wochen die Klinik verlassen. Er bekommt Physiotherapie, weil sein linker Arm noch taub ist. Ansonsten führt der ehemals „Hirntote“ ein weitgehend normales Leben.

"Peinlicher" Fall

Die Klinik in Coventry sah sich jetzt zu einer Erklärung gezwungen. Sie betonte, es handle sich um einen „Einzelfall“ und es sei „extrem selten“, dass ein Patient, der ein so schweres Hirntrauma erlitten habe, überlebe. Die Verletzung in Stevens Hirn sei „extrem kritisch“ gewesen, mehrere Computertomografie-Bilder hätten irreversible Schäden gezeigt.

Doch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin, Andreas Unterberg, bewertete den Fall schlichtweg als „peinlich“. Die vom Vater hinzugezogene Privatärztin Julia Piper aus Leicester sagte der BBC, sie selbst habe nur auf die Eltern gehört – das sollten auch Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes häufiger tun.

Blick auf eine spezielle Kühlbox für Organe. (Symbolbild)
Blick auf eine spezielle Kühlbox für Organe. (Symbolbild)
Foto: dpa

Der Fall zeigt nach Ansicht deutscher Experten vor allem ein Dilemma: Der Begriff „Hirntod“ ist zwar weltweit akzeptiert, aber je nach Land gibt es Unterschiede in den diagnostischen Kriterien. Während hierzulande das Gesamthirn tot sein muss, reicht in England bereits der endgültige Ausfall des Hirnstamms zur Todesdiagnose. So kann es vorkommen, dass einzelne Teilfunktionen der Großhirnrinde und damit Reste von Wahrnehmung nicht ausgeschlossen werden können. „In England kann es also vorkommen, dass Patienten mit Locked-in-Syndrom, bei denen der Hirnstamm zwar tot, das Großhirn aber noch intakt ist, Organe entnommen werden“, erklärt DSO-Vorstand Günter Kirste.

Beim Locked-in-Syndrom ist der Mensch zwar bei Bewusstsein, kann sich aber über Bewegungen und Sprache nicht mitteilen, weil er körperlich nahezu vollständig gelähmt ist. Der Fall Steven Thorpe zeige laut Kirste, wie wichtig es sei, an der Regelung des Gesamthirntods festzuhalten, wie sie in Deutschland und fast allen anderen Ländern praktiziert werde.

In Deutschland „unmöglich“

Andreas Unterberg hält es deshalb auch für „ausgeschlossen und unmöglich“, dass so etwas in Deutschland passieren könnte – menschliches Fehlverhalten ausgeschlossen. Der Heidelberger Neurochirurg vermutet zudem, dass man bei Steven Thorpe nicht lange genug gewartet habe, bis die Medikamente aus dem Körper verschwunden waren. Dies könnte das Ergebnis verfälscht haben. „Wir machen hier auch immer noch eine Blutentnahme“, sagt Unterberg. Erst wenn der Medikamentenspiegel unter einem bestimmten Wert liege, dürfe man mit der Hirntoddiagnostik beginnen. „Nach einem künstlichen Koma kann das länger dauern.“

Nikolai Hopf, Ärztlicher Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Klinikum Stuttgart, findet es ebenfalls „extrem schwierig“, bereits nach zwei Tagen einen Patienten aufzugeben. Grundsätzlich sei es ein „sehr heikles Thema“, denn die Methoden der Hirntoddiagnostik würden auch in Deutschland „immer wieder sehr sensibel diskutiert“. Liegt allerdings ein deutscher Patient in einer ausländischen Klinik, dann gelten auch die dortigen Regeln.

Warum die englischen Ärzte bei Steven Thorpe bereits nach zwei Tagen eine endgültige Prognose gestellt haben, kann auch der Dresdner Neurologe Heinz Reichmann nicht begreifen. Die kritische Zeit für das Überleben schwerer Schädelhirn-Traumata sei „die Zeit zwischen Tag zwei und Tag sechs“, sagt er. Angesichts der positiv verlaufenen Patientengeschichte sei „anzunehmen, dass die abschwellenden Maßnahmen dann doch griffen“. Eine längere Wartezeit kann für potenzielle Organspender also – anders als für den Organempfänger – lebensrettend sein.

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