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Beziehungs-Forschung: Paare in Not

Dass sich Gegensätze anziehen, ist längst widerlegt. Vor allem was Offenheit für Neues, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit anbelangt, sollten sich Paare ähnlich sein. Doch auch Schüchternheit kann zum Beziehungsproblem werden.

        

Einer grübelt. Der andere Partner bekommt nichts mit.
Einer grübelt. Der andere Partner bekommt nichts mit.
Foto: Photocase/M.EDI

Ein Ehepaar ist wie ein zweiköpfiges Mischwesen“, wehklagte der beziehungsgeschädigte Kinks-Sänger Ray Davies in dem Song Labour of Love: „Ein Kopf will ins Kino gehen, der andere will daheimbleiben.“ Tag für Tag zerren da zwei Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Interessen, Neigungen und Empfindungen am gemeinsamen Strang. Schwer wird es, wenn sie von ihrem Naturell her so grundverschieden sind, dass sie immerzu in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Die psychologische Forschung hat die volkstümliche Erkenntnis, wonach sich in Liebesangelegenheiten Gegensätze anzögen, längst widerlegt. Zutreffend ist vielmehr, dass Gleich und Gleich sich erstens tatsächlich gern gesellt und zweitens – viel wichtiger – es besser miteinander aushält: Partner, die sich in ihrer Persönlichkeit ähneln, haben im Schnitt eine stabilere und glücklichere Beziehung.

Vor allem in drei großen Persönlichkeitszügen sollten Eheleute nicht allzu weit auseinanderliegen: Offenheit für Neues, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Ein passionierter Stubenhocker ist für seine neugierig-tatendurstige Partnerin ein Born ständigen Frusts – und umgekehrt. Ein schonungsloses Raubein ist für ein harmoniebedürftiges Sensibelchen kaum die optimale Wahl. Und eine Ordnungsverliebte macht das Zusammenleben mit einem Schlamper, der den Tisch nicht abwischt und das Bad mit seinen Kleidungsstücken drapiert, auf Dauer mürbe. Zwei US- Psychologen haben nun ein weiteres Merkmal identifiziert, das eine Ehe belasten kann: Schüchternheit.

Schüchternheit hat mit sozialer Angst zu tun. Schon bevor Schüchterne einen amourösen Kontakt herzustellen versuchen, fürchten sie die Zurückweisung; dann geben sie entweder unverrichteter Dinge auf oder stellen sich so steif an, dass sie vielleicht tatsächlich abblitzen. Sie brauchen daher länger, bis sie einen Partner gefunden und gebunden haben, und sie gehen folgerichtig auf ihrem Lebensweg auch weniger Partnerschaften ein. Aber immerhin: Sie heiraten, wie man weiß, nicht seltener als weniger gehemmte Naturen.

Dass Schüchternheit bei Jungvermählten mit einem höheren Risiko für Eheprobleme und einer geringeren Zufriedenheit mit der Beziehung verknüpft ist, haben Levi Baker und James McNulty von der University of Tennessee in Knoxville jetzt in zwei Studien dokumentiert. Zunächst rekrutierten die beiden Forscher über Anzeigen in Lokalzeitungen und Brautläden 70 junge Paare, die seit höchstens sechs Monaten verheiratet waren. Wie sich bei den folgenden Befragungen herausstellte, traten in jenen Verbindungen, bei denen einer der beiden schüchtern war, überdurchschnittlich viele Probleme auf. Die Konflikte rankten sich um die üblichen Themen wie gegenseitiges Vertrauen, Eifersucht, Geld oder Haushaltsführung.

Auch herrschte in diesen Ehen eine geringere Zufriedenheit mit der Partnerschaft. Wie die Forscher feststellten, neigte vor allem der oder die Schüchterne selbst zur Beziehungsverdrossenheit, kaum jedoch der jeweilige Partner: Die Ehezufriedenheit des einen sagte kaum etwas über die des anderen aus. Offenbar bekam der nicht schüchterne Partner oft gar nicht so recht mit, dass den anderen an ihrem zweisamen Alltag manches missfiel und auf der Seele lastete.

Schüchterne Menschen sind "ineffiziente Problemlöser"

Baker und McNulty fanden in ihrer Studie auch Anhaltspunkte, woran das lag und was sich in diesen Ehen abspielte: Schüchterne Menschen, so die Forscher, seien „ineffiziente Problemlöser“, denn es fehle ihnen an Mut, Konflikte offen anzusprechen und anzugehen. Selbst inmitten der Vertrautheit ihrer Ehe zeigen sie eine Art Feigheit vor dem Feind. Schüchterne  Ehefrauen  und -männer stimmten im Fragebogen oft fatalistischen Aussagen zu wie „Ich fühle mich oft hilflos im Umgang mit Problemen, die in meiner Ehe aufkommen“. Es fehlt ihnen an Zutrauen in die eigene Kompetenz, mit den Unzufriedenheiten, Meinungsunterschieden und Scharmützeln, wie sie in jeder Partnerschaft unvermeidlich sind, konstruktiv umzugehen. Die Forscher sprechen von einer „geringen Selbstwirksamkeitserwartung“.

Diese Mut- und Hilflosigkeit verschlimmert sich mit zunehmender Dauer der Ehe sogar noch, wie Baker und McNulty in ihrer zweiten Studie feststellten: Diesmal verfolgten sie 42 andere Paare über ein halbes Jahr hinweg.

Sie beobachteten, dass bei den schüchternen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in diesem halben Jahr sowohl die Ehezufriedenheit zurückging als auch ihr Zutrauen in die eigene Fähigkeit, Eheprobleme ansprechen und in den Griff bekommen zu können. An dieser Stelle sollten Paartherapeuten bei schüchternen Klienten den Hebel ansetzen, schlagen die beiden Psychologen vor: Partnerschaftskonflikte auf eine konstruktive Weise zu artikulieren lässt sich trainieren, und auch an den negativen Selbsteinschätzungen kann man arbeiten.

Für weit weniger aussichtsreich halten es Baker und McNulty indes, die Persönlichkeit selbst ins Visier zu nehmen und zu versuchen, sich zu einem anderen Beziehungsmenschen – aufgeschlossen, aufrichtig, leutselig – zurechtzumodellieren: Die Grundzüge der Persönlichkeit sind ziemlich veränderungsresistent. Man kann sich selbst nicht nach Belieben formen.

Und es wäre in einer Partnerschaft wohl auch kontraproduktiv, dem anderen und sich selbst unentwegt vorzuspielen, man sei ein ganz Anderer, Besserer. Diesen Schluss legt eine Untersuchung der Psychologin Amy Brunell von der Ohio State University nahe, die 62 junge Paare befragte. Ihr besonderes Augenmerk galt dabei einem Persönlichkeitszug namens Authentizität.

Dieses Merkmal besagt, wie ehrlich und unverstellt bei einem Menschen „im Guten wie im Schlechten“ der Blick auf die eigene Person ausfällt, ob der Betreffende auch im Umgang mit anderen keine Fassade aufbaut und ob er so handelt, wie er denkt.

Brunell stellte fest, dass Menschen, die sich selbst und anderen gegenüber authentisch waren, sich ihrem Partner näher und vertrauter fühlten, als dies bei weniger aufrechten Personen der Fall war. Authentische Eheleute waren ferner zufriedener mit ihrer Beziehung und fühlten sich auch ansonsten wohler in ihrer Haut.

Vor allem Frauen profitierten von einem selbstaufrichtigen Partner: Es fiel ihnen dann leichter, sich ihrerseits ihrem Liebsten anzuvertrauen.

„Wenn man ehrlich zu sich selbst ist“, so Amy Brunell, „dann gelingt es in einer Beziehung leichter, Intimität herzustellen, und das macht sie erfüllender.“

Autor:  Stanislaw Dick
Datum:  27 | 10 | 2010
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