Herr Brügelmann, zum ersten Mal seit Bekanntwerden der massiven sexuellen Übergriffe haben sich 200 Schulleiter und Lehrer des an der Odenwaldschule gegründeten Bündnisses "Blick über den Zaun" getroffen. Hat sie nicht das blanke Entsetzen gepackt?
Doch, natürlich. Mich persönlich zieht es, je mehr bekannt wird, immer tiefer in den Keller. Bei dem Treffen war spürbar: Fast alle sind mit sehr gemischten Gefühlen angereist. Wir sind erschüttert und beschämt, dass Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt in Schulen widerfahren ist, die sich auf unsere pädagogischen Prinzipien verpflichtet haben - so haben wir es auch in einer Erklärung formuliert. Dennoch ist auch wichtig, nach vorn zu blicken: Was leistet die Reformpädagogik - früher, jetzt und in Zukunft?
Hans Brügelmann ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen und Sprecher des Netzwerks "Blick über den Zaun".
Das Bündnis eint hundert reformpädagogisch orientierte Schulen. Viele sind bundesweit bekannt: Darunter auch die Odenwaldschule, deren damaliger Leiter Wolfgang Harder 1989 maßgeblich an der "Blick-über-den-Zaun"-Gründung beteiligt war. Gegen Harder wird zurzeit wegen des Verdachts auf Strafvereitelung im Amt ermittelt. (jago)
War Wolfgang Harder da?
Nein.
War er nicht eingeladen?
Doch. Einige hätten es begrüßt, wenn er sich Fragen gestellt hätte. Aber er will sich, solange gegen ihn ermittelt wird, an keiner öffentlichen Diskussion beteiligen. Das verstehen wir.
Wie haben Sie das Thema sexuelle Gewalt stattdessen bearbeitet?
In einer intensiven Debatte, in der sich alle Arbeitsgruppen, aufgeteilt nach Schulformen, mit der Frage beschäftigt haben: Wodurch wird sexuelle Gewalt begünstigt - und wie kann sie verhindert werden?
Wurde auch erörtert, ob, und wenn ja, inwieweit die Reformpädagogik ein begünstigendes Milieu für Missbrauch bietet?
Ja. In der Tat ist die Betonung der persönlichen Beziehung ein wesentlicher Bestandteil von Reformpädagogik - und eine Achillesferse, die besondere Aufmerksamkeit und Selbstreflexion verlangt. Was jetzt bekannt wurde, ist furchtbar und wird uns lange beschäftigen. Es kann aber nicht so sein, dass der Missbrauch durch Einzelne die ganze Idee in Frage stellt. Insofern: Ja, es ist an der Zeit, selbstkritisch zu diskutieren - aber die Reformpädagogik bleibt wertvoll.
Was muss passieren? Haben Sie jetzt auch eine Art Missbrauchsbeauftragten?
Nein. Es ist Aufgabe der einzelnen Schulen zu handeln. Wesentlich dabei ist die Stärkung der Schüler.
Und wie?
Die meisten unserer Mitgliedsschulen sind in Sachen innerschulischer Demokratie Vorreiter. Sie zeigen einen richtigen Weg, der ausbaufähig ist: etwa mit Hilfe von Klassenräten, die Raum für einen Austausch unter Schülern bieten. Oder: Warum händigen Schulen Kindern nicht beim ersten Betreten ein Dokument aus, das klar ihre Rechte benennt? Fest steht: Schulen sind in der Verantwortung, dass sich das Bekanntgewordene nicht wiederholt. Und: Falsch verstandene Kollegialität, so haben wir es festgehalten, darf uns nicht hindern, Geschehenes bedingungslos aufzuklären.
Interview: Jeannette Goddar
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