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24. September 2012

Pädagogik: „Ich suche täglich wie besessen nach Stärken“

Seltener entspannter Moment.  Foto: Moritz THau/Schwarzkopf & Schwarzkopf

Die Lehrerin Hildegard Monheim denkt darüber nach, wie man den Benachteiligten des Bildungssystems eine Chance geben kann.

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Die Lehrerin Hildegard Monheim denkt darüber nach, wie man den Benachteiligten des Bildungssystems eine Chance geben kann.

Lehrer haben am Vormittag Recht und am Nachmittag frei. So sieht das Klischee aus. Dem steht eine Studie von Potsdamer Psychologen gegenüber, die zeigt, dass 60 Prozent der deutschen Lehrer gefährdet sind: erschöpft und ausgebrannt, überengagiert ohne Erfolgserlebnisse. Die bayerische Lehrerin Hildegard Monheim gehört zu jenem Drittel, das versucht, trotz aller Frusterlebnisse im Bildungssystem ihren Beruf und vor allem die Schüler zu lieben. Ihre Erfahrungen hat sie jetzt in dem Buch „Manchmal schauen Sie so aggro“ festgehalten.

Frau Monheim, vor einiger Zeit hat uns eine Gymnasiastin erzählt, wie Schule sie demotiviert habe. Ihr Fleiß, ihr Engagement seien kaum gewürdigt worden. Ihr Resümee: Die Schule erziehe Menschen, die sich durchschummeln. Was sagen Sie dazu?

Das ist das Allerletzte, was Schule erreichen sollte. Es deckt sich zum Glück auch nicht mit meiner Erfahrung. Wenn ich an meiner Hauptschule einen Schüler erlebe, der Motivation hat, dann garantiere ich Ihnen, dass ich diese nicht im Keim ersticke, sondern versuche, diese kostbare Pflanze zu hegen.

Wie machen Sie das? Immerhin beschreiben Sie einen Alltag voller Störungen und Probleme?

Ja, es stimmt. Der Schulalltag erschöpft einen. Aber alle Schüler brauchen Anerkennung und etwas, worauf sie stolz sein können. Gerade unsere, die ja oft von zu Hause nicht die besten Bildungs-Voraussetzungen mitbringen. Ich suche wie besessen nach Momenten, in denen sie Stärke zeigen. Es ist für mich der einzige Weg, meinen Schülern gerecht zu werden und die Laune nicht zu verlieren.

"ein Stärken-Sucher sein"

Wie schafft man das?

Ich hatte zum Beispiel einen sehr introvertierten Schüler, der stumm im Unterricht saß. Eines Tages, in der Deutschstunde, sagte er plötzlich: Ich kann „Smoke on the Water“ auf dem Lineal spielen. Eigentlich hätte ich sagen müssen: Wir haben jetzt Deutsch! Aber ich antwortete: Echt?

Mach mal! Er hat den Deep-Purple-Song auf dem Lineal gespielt. Ich war hingerissen, die Klasse auch. Dann kam heraus, dass er auch Gitarre spielte. Am Ende hat er ein Theaterprojekt live begleitet. Und ich weiß, dass sein weiterer schulischer Weg ganz gut war.

Empfehlen Sie eine solche Haltung auch anderen Lehrern?

Jeder sollte sich vornehmen, ein Stärken-Sucher zu sein. Nicht nur bei den Schülern, auch bei sich selbst. Ich erlebe immer wieder Kollegen, die in meinen Augen eine tolle Arbeit leisten. Sie erzählen mir aber, dass ihnen so viel misslinge. Und ich antworte zum Beispiel: Aber du hast doch gerade mit deinen schwierigen Schülern eine gute Theateraufführung hingekriegt. Darauf kannst du doch stolz sein! Ich finde, wir brauchen eine Bereitschaft, auch kleine positive Entwicklungen wertzuschätzen.

Zur Person

Hildegard Monheim, geboren 1955, ist seit 38 Jahren Lehrerin. Nach einer längeren Auszeit, in der sie sich um die Erziehung ihrer drei Söhne kümmerte, unterrichtet sie seit zehn Jahren an einer Grund- und Hauptschule in Bayern. Ihr Buch „Manchmal schauen Sie so aggro“ schildert in 33 Geschichten den Alltag einer Lehrerin, die Schüler wirklich mag, sich für sie verantwortlich fühlt, aber auch überall ihre Grenzen spürt.

Ein guter Lehrer sollte in ihren Augen folgendes nicht tun: auf Kritik beleidigt reagieren, Schüler in „mag ich“ und „mag ich nicht“ einteilen, Schüler demütigen und ihnen die Würde nehmen.

Sie schreiben: „Runtergemacht und enttäuscht werden, das ist die Dauermelodie im Leben vieler unserer Schüler“. Wie meinen Sie das?

Wir unterrichten viele Menschen mit Migrationshintergrund. Sie kommen in ein für sie fremdes Land, dessen Sprache sie nicht verstehen, treffen vielleicht noch auf Lehrer, die sie in den Sack „dumm und unbegabt“ stecken und die nicht erkennen, dass ein sprachliches oder seelisches Problem hinter ihrer mangelnden Leistung steckt. Aber auch viele Nicht-Migranten erleben die Schule als Aneinanderreihung von Misserfolgen, weil sie – aus welchen Gründen auch immer – schlechte Noten einfahren und zugleich jede Menge privater Probleme zu bewältigen haben, die man sich als Außenstehender kaum vorstellen kann. Und unser Schulsystem ist leider mehr vom Auslesen als vom Helfen geprägt.

Ist der Auslesedruck zu groß?

Ja. Mir hat noch niemand erklären können, warum man die Schüler mit zehn Jahren schon trennen muss. Ich habe eine Freundin in Norwegen. Sie ist auch Lehrerin. Und dort sind die Schüler zehn Jahre zusammen. Die Leistungsstarken machen dort auch ihr Abitur und werden etwas. Für die Schwachen gibt es Hilfsangebote. Bei uns aber entscheidet sich in den meisten Schulen nach der vierten Klasse, wer aufs Gymnasium und die Realschule geht. Der Druck ist riesig. Sicher kann man auch als Hauptschüler noch auf anderen Wegen – über den Beruf – bis zum Abitur kommen. Aber es wird immer unterschätzt, wie sehr es am Selbstbewusstsein eines jungen Menschen kratzen kann, wenn er schon viele Male erleben musste: Ich hab es wieder nicht geschafft!

Kann man als Lehrer in diesem System überhaupt etwas tun?

Wir versuchen einiges, um unseren Schülern auf den Weg zu helfen. Im Gegensatz zu den Gymnasiasten, die ja nach dem Abi oft noch nicht wissen, was sie studieren wollen, müssen sich unsere Schüler mit 15 oder 16 Jahren eine Ausbildung suchen. Wir legen viel Gewicht auf Berufsorientierung, machen zum Beispiel Berufsinfo-Nachmittage. Unsere Schulsozialpädagogin hilft. Es gibt jede Menge Praktika. Dennoch erlebe ich immer wieder, dass Schüler dasitzen nach dem Motto: Macht mal! Viele haben nicht das Gefühl, dass es wirklich um sie geht.

Woher kommt das?

Demotivierend wirkt sicher, dass es die Arbeitsplätze, die für unsere Absolventen einmal in großer Anzahl da waren, oft gar nicht mehr gibt, weil man sie ins Ausland verlegt hat oder weil sie sich gewandelt haben. Ich kann also einem schulisch nicht so leistungsfähigen, aber gut motivierten und sozial starken Schüler nicht versprechen: Wenn du dir Mühe gibst, wirst du irgendwo deinen Weg machen. Aber ich beobachte noch etwas anderes, was mir Sorgen macht – viel mehr, als die immer wieder dargestellte Gewaltbereitschaft.

"zunehmende Lethargie, Antriebslosigkeit"

Was beobachten Sie?

Eine zunehmende Lethargie, Antriebslosigkeit und gewisse Sattheit. Zum Beispiel wollen die Schüler zwar unbedingt gemeinsam wegfahren. Aber wenn man dann überlegt, was man machen könnte, ist ganz viel voll langweilig, nichts Besonderes. Und das betrifft nicht nur Hauptschüler. Neulich machten wir ein Projekt mit der Museumspädagogik unserer Stadt. Ich entschuldigte mich ständig dafür, dass meine Schüler so lethargisch seien. Da sagten die Museumspädagogen: Wir arbeiten gerade mit Gymnasiasten. Die sind viel schwerer zu motivieren. Die sitzen alle sehr cool und lustlos da, so nach dem Motto: Warten wir mal ab, was die machen!

Warum ist das so?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich das Gefühl, dass in diesem Lande ein Teil der Jugend wirklich in Armut lebt. Für einen anderen Teil ist alles da, was das Herz begehrt – zur Not verschulden sich die Eltern eben, um die Bedürfnisse zu befriedigen. Ganz vorne dabei: die Explosion der Unterhaltungselektronik. Die Fülle des Angebots ist einfach zu viel für junge Wesen, die nicht genügend davor geschützt sind. Weil sie eben diese Medienkompetenz noch nicht haben. Und dank dieses Riesenangebots muss kein Mensch mehr Langeweile aushalten und über sich selbst, seine Perspektiven und Visionen nachdenken. Es wäre aber falsch, die Schüler dafür verantwortlich zu machen. Denn die Angebote werden ja von Erwachsenen entwickelt und verkauft. Es ist nicht damit getan, die Schüler abzuwatschen und zu sagen: Es ist unmöglich, wie ihr eure Nachmittage verbringt. Und auch nicht damit, dass man den Eltern sagt: Nehmt eure Kinder weg von diesem Zeug!

Was sollte man stattdessen tun?

Man sollte einfach zugeben, dass es verdammt schwierig ist, in der heutigen Zeit als Eltern und Lehrer alles richtig zu machen. Man sollte zugeben, dass viele Familien schlicht damit überfordert sind, ihren Kindern das zu geben, was sie eigentlich brauchen, um mit dieser Fülle richtig umgehen zu lernen. Man sollte auch zugeben, dass es die Schule unter gegebenen Bedingungen auch nicht kann. Vermutlich könnte es eine gute Ganztagsschule besser. Sie hätte auch die Chance, viel mehr Leute von außen zu holen. Davon halte ich ohnehin viel. Außerschulische Partner bringen die Realität und frischen Wind in die Schule. Und dann könnten Schüler auch verschiedenen Interessen nachgehen – in einem durchdachten Angebot.

Sie sind eine Freundin des Perspektivenwechsels, des Lernens vor Ort, der Teamarbeit.

Ja, ein Perspektivenwechsel sollte Lehrkräften verordnet werden – regelmäßig. Auch um zu wissen, wie es andere Kollegen machen. Und wie die sich fühlen, die man unterrichtet. Ich finde es bereichernd, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, sich die Bälle zuzuspielen. Wenn es sich mal ergeben hat, zu zweit in einer Klasse zu stehen, empfand ich es immer als unglaublich angenehm.

Warum macht man so etwas nicht generell?

Die Bereitschaft dazu ist nicht immer da. Ich denke, das hat auch etwas damit zu tun, dass viele sich an der Grenze der Belastbarkeit fühlen und nur noch ihr Ding durchziehen. Dabei könnte man sich das Leben erleichtern, auch mal miteinander lachen, wenn etwas schiefgeht. Aber die zweite Kraft ist vor allem ein finanzielles Problem. Wir haben an unserer Schule zwei Förderlehrerinnen, die auch für Kleingruppen da sind – bei über 500 Schülern. Die sind mit so vielem beschäftigt, dass sie in der Regel nicht zur Verfügung stehen, wenn man in der Klasse plötzlich dringend jemanden brauchen könnte.

Was müsste sich ändern, um die Rolle der Lehrer zu erleichtern?

Vermutlich lässt sich dies nicht mit ein paar kleinen Reparaturen schaffen. Ich denke, dass das ganze System an die heutigen Bedingungen angepasst werden müsste. Das öffentliche Image ist auch nicht gut. Mir selbst ist das nicht so wichtig. Aber ich finde es nicht gerecht. Ich denke schon, dass wir eine wichtige Rolle spielen. Im Großen und Ganzen sollten auch die Bedingungen so sein, dass die Schule die Lehrer nicht so viel Kraft kostet. Man kann nicht immer noch mehr drauf packen.

Wie meinen Sie das?

Es gibt immer wieder neue Verordnungen, die den Lehrkräften viel Arbeit machen und Energie rauben, die sie dringend für die heute so nötige und anstrengende Be- und Erziehungsarbeit bräuchten. Man müsste die Lehrer entlasten. Außerdem müsste man als Lehrer jederzeit unkompliziert um Hilfe bitten können, ohne Angst zu haben, dass einem dies als Schwäche ausgelegt wird.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.

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