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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

07. April 2009

Pädagogik historisch: Wie aus Schülern Soldaten wurden

 Von MICHAEL BILLIG
Mobilmachung im August 1914 in Deutschland: Bayerische Soldaten winken in euphorischem Glauben an einen schnellen Sieg aus den Fenstern eines Zuges, der sie an die Front bringt. Foto: dpa

Andrew Donson hat eine Studie über die Auswirkungen der "Kriegspädagogik" in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Sein Fazit: Die Schule machte Kinder zu Kriegsfanatikern.

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Schule 1914 bis 1918

Das Bildungssystem während des Ersten Weltkriegs war geprägt von der Trennung zwischen Mädchen und Jungen - sowohl im Unterricht als auch auf dem Pausenhof. Es war auch geprägt von einer gewissen sozialen Trennung. Die Kinder besuchten im Alter von sechs bis 14 Jahren die Städtischen Volksschulen. Während der Nachwuchs aus der Arbeiterklasse im Anschluss meist eine berufliche Tätigkeit aufnahm und nach der Arbeitszeit noch so genannte Fortbildungsschulen besuchen musste (aus denen gingen 1920 die Berufsschulen hervor), zog es die Jugend des Bürgertums auf die Gymnasien. Während die einen zur Zeit des Ersten Weltkrieges für bessere Löhne streikten, nahmen die anderen an militärischer Jugendausbildung teil. Mit 18 Jahren mussten alle Jungen in den Militärdienst eintreten. Der Historiker Andrew Donson, der diese Zeit untersucht hat, arbeitet am Institut für Geschichte an der University of Massachusetts. 2010 werden seine Ergebnisse in Buchform bei Harvard University Press erscheinen. Titel: "Youth in the Fatherless Land: War Pedagogy, Nationalism and Authority in Germany 1914-1918".

Wer zur Zeit des Ersten Weltkrieges in Deutschland die Schulbank drückte, rechnete in Mathematik in Granaten. Wie viele Tonnen davon würden gebraucht werden, um eine ganze französische Division in der Schlacht bei Verdun zu zerstören? "Der Krieg stand im Zentrum des Unterrichts", sagt der US-Historiker Andrew Donson, der gerade eine Studie über die Auswirkungen der bis dato wenig beachteten "Kriegspädagogik" vorgelegt hat.

Donson hat mehr als 200 Schulaufsätze ausgewertet, die von den Kriegsfantasien der damaligen Jugend zeugen. Eine zweite Quelle sind 300 autobiografische Aufsätze, die laut Donson der US-Soziologe Theodore Abel zwischen 1934 und 1936 in Zusammenarbeit mit Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels zusammengetragen haben soll. Sie liegen bisher unveröffentlicht im Archiv der Stanford University, Kalifornien.

Der Historiker Donson ist überzeugt, dass die in der Schule damals geschürten, aber wegen Kriegsende nicht ausgelebten Soldatenfantasien Jugendliche nach 1918 zu strammen Soldaten und Nazis gemacht haben.

Die so genannte Kriegspädagogik ging laut Donson weit über das hinaus, was der Lehrplan bislang in Sachen Nationalismus und Militarismus vorsah. Die Anzahl der Deutsch-Stunden stieg, die Bildung des deutschen Nationalstaates rückte in den Fokus des Geschichtsunterrichts. Der Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. wurde ebenso gefeiert wie der Sedan-Tag, an dem die Schule den Sieg der preußischen, bayerischen und sächsischen Truppen über die Franzosen rühmte.

Lehrer sollten siegen helfen

"Aktuelle politische Themen waren zunächst streng verboten", sagt Donson. Das änderte sich allerdings schlagartig mit Kriegsausbruch. Der militärische Kampf war von Anfang an im Klassenzimmer präsent und tobte in den Köpfen vieler Jungen. Sie träumten vom Kampfeinsatz und hatten Angst, der Krieg würde zu Ende sein, bevor sie daran teilnehmen könnten. "Die Jungen haben in der ersten Person von sich als Soldaten geschrieben", erzählt Donson. Die Funktion der Lehrer sei dabei klar definiert gewesen: sie sollten siegen helfen. "Am leidenschaftlichsten waren Lehrer in den bürgerlichen Bezirken in Großstädten und in den evangelischen Kleinstädten", hat der Forscher herausgefunden.

In dem auf Krieg eingestimmten deutschen Nachwuchs sieht Donson die strammen Soldaten und überzeugten Nationalsozialisten der späten 1920er Jahre. "Sie waren ohne Chance, ihre angebliche Treue und Männlichkeit in der Schlacht zu beweisen", analysiert der Wissenschaftler.

Der Jahrgang 1900 war der letzte, der in den Krieg einberufen worden war. An etlichen späteren Nazi-Größen wie Werner Best (Jahrgang 1903), Reinhard Heydrich (1906), Baldur von Schirach (1907) und Martin Bormann (1900) gingen die Kampfhandlungen vorbei. Für viele junge Männer, die bei Ausbruch des Krieges zwischen sechs und vierzehn Jahren alt gewesen waren, sei der Frieden nicht allein seiner Bedingungen wegen eine herbe Enttäuschung gewesen, sagt Donson: "Um ihre Fantasien auszuspielen, schlossen sie sich deshalb Ende 1918, Anfang 1919 den Freikorps und später der NSDAP an."

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