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07. Oktober 2014

Pakistan: Eine Gefahr für die ganze Welt

 Von 
Polio-Impfung im pakistanischen Quetta.  Foto: dpa

Die Kinderlähmung greift in Pakistan wieder um sich. Islamabad zitiert den Konflikt mit radikalislamischen Extremisten als Ursache. In Wahrheit trugen auch massive Versäumnisse der Regierung zu dem Desaster bei.

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Die Zukunft des kleinen Jungen auf der altersschwachen Tragbahre sieht schon zwei Jahre nach der Geburt recht düster aus. Das Kind schreit, als ein Arzt in einem Krankenhaus in der pakistanischen Stadt Peshawar die gelähmten, kraftlosen Beine anhebt und zusammenpresst. Polio, Kinderlähmung, lautet die Diagnose. Dem Jungen steht ein Leben mit dauerhafter Behinderung bevor. Er wird sich auf Krücken voran schleppen, während seine Altersgenossen auf der Straße spielen und ihn möglicherweise gar verspotten.

Auf der Straße vor dem Hospitals wuselt der Verkehr. Es wird gehupt und gebrüllt. Vor ein paar Wochen sind Flugblätter der Terrortruppe „Islamischer Staat“ in Peshawar aufgetaucht. Bombenanschläge gehören beinahe schon zur Tagesordnung. Peshawar gilt als Unterschlupf und Hochburg von Extremisten. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die Stadt das „größte Polio-Virus Reservoir der Welt“. Der zweijährige Junge im Krankenhaus gehört zu den 202 Kindern, die sich in diesem Jahr in Pakistan mit Polio angesteckt haben. Seit 1999 verzeichnete das Land nicht mehr so viele Neuansteckungen. Nirgends sonst in der Welt leiden inzwischen so viele Kinder an den Folgen von Kinderlähmung. Pakistans Polio wurde zu weltweiten Bedrohung.

Der weltweit einzigartige Trend nach oben ist seit Jahren zu erkennen. Islamabad zitiert den Konflikt mit radikalislamischen Extremisten als Ursache. In Wahrheit trugen auch massive Versäumnisse der Regierung zu dem Desaster bei. „Das Impfwesen in Pakistan ist schon lange eine Katastrophe“, sagt der Mitarbeiter einer ausländischen Entwicklungshilfeorganisation. Aber Islamabad hat andere Prioritäten.“

Zu bürokratischer Unfähigkeit des Staates und mangelndem politischen Willen gesellt sich der Konflikt mit radikalislamischen Talibanmilizen. Die Gotteskrieger verhindern im Grenzgebiet zu Afghanistan die alljährlich angesetzten Impfungen, seit die USA mit Hilfe eines pakistanischen Mediziners und vorgetäuschter Impfungen gegen Kinderlähmungen nach dem Al Kaida-Gründer Osama Bin Laden forschten. Seit dem Jahr 2012 starben über 60 Ärzte und Helfer von Hilfsteams der Impfkampagne.

0,13 Prozent "Impfverweigerungen"

Dennoch beträgt die Zahl der „Impfverweigerungen“ laut dem Kinderhilfswerk Unicef gerade mal 0,13 Prozent. „Das Problem ist, dass diese Verweigerungen sich auf bestimmte Gegenden konzentrieren“, sagt ein Fachmann.

Pakistanische Mitarbeiter der Polio-Kampagne berichten zudem, dass sie vor allem bei Leuten mit geringer Schulbildung in den Grenzregionen auf Widerstand stoßen. Die Behörden bereiteten zudem die Impfkampagnen zum Schutz der 34 Millionen Kinder des Landes miserabel vor. Ein großer Teil des 200 Millionen US-Dollar teuren Polio-Programms der Islamischen Entwicklungsbank wurde in der Stadt Lahore für eine teure Anzeigenkampagne verpulvert. Die Plakate hingen überwiegend auf der Mall und Jail Road in einem wohlhabenden Einkaufsviertel. In den Armenvierteln der Hauptstadt des Bundesstaats Punjab gab es dagegen kaum Aufklärung.

WHO-Vertreter Elias Durray, der Polio-Bekämpfungskoordinator für Pakistan, warnte gegenüber der Tageszeitung Dawn: „Die Regierung muss strenge Maßstäbe aufstellen, um die gute Qualität von Impfkampagnen zu garantieren. Außerdem nehmen die Behörden immer noch nicht ernst genug, dass die Impfstoffe rund um die Uhr gekühlt sein müssen.“

Der kleine, an Kinderlähmung leidende Junge im Krankenhaus von Peshawar steht für die Folgen solcher Schlampereien. „Wir hatten Angst, dass unserer Kinder sich anstecken könnte“, sagt sein Vater. Deshalb wagte er unter großen Vorsichtsmassnahmen die Reise von seinem kleinen Heimatdorf im Norden Waziristans nach Peshawar. Er kaufte Impfstoff, kühlte ihn aber nicht bei der Heimreise.

Hindernis auf dem Weg zur Ausrottung

„Pakistan“, so erklärte die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan im März, „ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Ausrottung von Polio.“ 80 Prozent der Weltbevölkerung leben mittlerweile in Ländern, in denen Kinderlähmung Geschichte ist. Selbst Pakistans Nachbar Indien konnte sich von dem Polio-Joch befreien. Neben Pakistan gibt es Kinderlähmung noch in Afghanistan, Nigeria, Kamerun und – von radikalislamischen Kämpfern aus Pakistan eingeschleppt – in Syrien.

Nach den Hiobsbotschaften mit der hohen Anzahl von neuen Ansteckungen reagiert Islamabad wie bei jeder Krise – mit überbordendem Aktivismus. Das magere Salär der Helfer von täglich zwei Euro wurde verdoppelt. Die Zeitungen strotzen von Meldungen über Polio. Denn im Frühjahr traten plötzlich Reisebeschränkungen in Kraft. Pakistaner mussten wegen der Polio-Gefahr plötzlich bei Auslandsreisen Impfnachweise vorlegen.

Nahezu gleichzeitig starteten die Streitkräfte des Landes eine Offensive gegen islamische Extremisten in Nord-Waziristan. Mindestens eine halbe Million Menschen floh vor den Kämpfen und verteilte sich über das ganze Land. Polio ist plötzlich in der Wirtschaftsmetropole Karachi ebenso in aller Munde wie in Quetta oder Islamabad.

Für den kleinen Jungen im Krankenhaus von Peshawar und seine Familie kommt die Aufmerksamkeit zu spät. „Wir machen vor allem die Regierung verantwortlich“, sagt der verbitterte Vater des kleinen Patienten im Krankenhaus, „und natürlich die Leute, die nicht einsehen wollen, wie wichtig Impfungen sind. Aber die Regierung in Islamabad hat uns schon lange in den Stammesregionen an der Grenze verlassen. Wir haben nichts da.“

Der Mann hat so viel Furcht um die eigene Sicherheit und das Wohlergehen seiner Kinder, dass er den eigenen Namen und den des Heimatdorfes nicht nennen will. Er ist so eingeschüchtert, dass er sogar die Talibanmilizen und ihre fanatischen ausländischen Helfer nicht benennt. Der Vater, eine hünenhafte Gestalt, nimmt den gelähmten Sohn auf den Arm und marschiert aus dem Hospital in die Hitze des Spätsommers. Vor den beiden liegt eine stundenlange Fahrt nach Nord-Waziristan. Sie kostet ein kleines Vermögen und ist eine Fahrt in eine düstere Zukunft. Denn in Nord-Waziristan gibt es keine Physiotherapeuten, die dem zweijährigen Polio-Opfer helfen könnten.

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