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13. September 2012

Paliativmedizin: "Zum Abschied ein Lächeln im Gesicht"

"Gerade in der Endphase des Lebens habe ich bei Patienten immer wieder erlebt, dass sie noch intensiv teilhaben wollten", sagt Christof Müller-Busch.  Foto: dapd

Der Pionier der Palliativmedizin Christof Müller-Busch über den würdevollen Tod und seine Zweifel an der Sterbehilfe.

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Der Pionier der Palliativmedizin Christof Müller-Busch über den würdevollen Tod und seine Zweifel an der Sterbehilfe.

Tod? Das ist ein Thema, das die meisten Menschen gerne verdrängen. Und wenn sie darüber sprechen, dann nach dem Motto „im Schlummer friedlich in den Tod hinübergleiten“. Doch das ist 90 Prozent der Menschen nicht vergönnt. Sie sind zuvor sterbenskrank, leiden an quälenden Schmerzen, Atemnot, Angst oder Demenz. Der Schmerzmediziner Christof Müller-Busch hat vielen Menschen ein würdevolles Sterben ermöglicht. In einem sehr persönlichen Buch „Abschied braucht Zeit“ legt er jetzt ein Resümee seiner Arbeit vor.

Herr Professor Müller-Busch, wenn ich den letzten Zahn verliere und nicht mehr essen kann, dann naht die Zeit zu sterben. Der Satz stammt von Ihrer Mutter, die ihn sagte, als sie schon weit in den 90ern war. Spüren die Menschen den Zeitpunkt ihres nahenden Todes?

Viele Sterbende spüren es in sich, das ist eine Erfahrung die ich immer wieder gemacht habe, dass der Zeitpunkt nah ist. Der schöne Satz meiner Mutter spiegelt das wider. Sie wollte noch zubeißen können, das war ein Gefühl, das sie in den letzten Wochen begleitet hat.

Mit einem Lächeln im Gesicht sterben

Sie selber möchten sich eines Tages auf den Moment konzentrieren und mit einem Lächeln im Gesicht sterben. Das wünscht sich im Grunde jeder, aber oft ist das nicht möglich.

Die meisten Menschen sterben heute im Krankenhaus auf der Intensivstation. Dort ist der Kampf um das Leben des Patienten natürlich dadurch gekennzeichnet, alles medizinisch Mögliche zu tun. Den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem sich die Ärzte mit ihren Möglichkeiten etwas zurückziehen, das Sterben also auch zuzulassen, das wird nicht immer ausreichend ermittelt. Mit einem Lächeln zu sterben bedeutet ja auch, dass man selber, aber auch die beteiligten Mediziner, Angehörigen und Freunde den Tod annehmen können.

Guter Begleiter

Prof. Christof Müller-Busch,
geboren 1943, ist Deutschlands führender Schmerztherapeut. Bis 2008 war er Leitender Arzt am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin. Seit Anfang der 90er-Jahre bemühte er sich intensiv um den Aufbau der Palliativmedizin in Deutschland. Bis 2010 war Müller-Busch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Die Palliativmedizin möchte die Lebensqualität von Patienten in ihrer letzten Lebenszeit durch Schmerztherapie und Angstlinderung fördern.

Buchtipp: Christof Müller-Busch: Abschied braucht Zeit, Palliativmedizin und Ethik des Sterbens. medizin Human, Band 14, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 295 Seiten, 10 Euro.

Würden Sie sagen, ab einem bestimmen Zeitpunkt ist es auch menschlicher, den Patienten zu sich nach Hause zu verlegen?

Das hängt von den Bedingungen ab. Nicht immer ist das eigene Zuhause optimal. Für Sterbende ist der Betreuungsort weniger von Bedeutung als die Art und Weise, wie er in seinen letzten Tagen und Stunden begleitet wird. Die Nähe von Menschen ist ganz wichtig. Stimmig wird eine gute Sterbesituation, wenn sie von Angehörigen, Ärzten und dem Pflegepersonal angenommen werden kann.

Würdevolles Sterben ist teilweise auch verbunden mit einer guten Schmerztherapie, die lange Jahre in Deutschland sträflich vernachlässigt worden ist. Der Verbrauch von Opiaten lag weit unter dem Verbrauch anderer Industrieländer. Gibt es einen Wandel?

Erfreulicherweise einen ganz gehörigen sogar. Die Schmerztherapie hat sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert – sicher noch nicht ganz optimal, zu viele Menschen sind am Ende ihres Lebens unbehandelt, müssen unnötig leiden. Das bleibt eine Herausforderung für die Palliativmedizin, hier eine Veränderung zum Guten zu schaffen. Wir wissen, dass es sehr gute Möglichkeiten gibt. Die Angst vor Schmerzen darf kein Grund für Sterbehilfe sein.

Nur zehn Prozent der Menschen sterben den unerwarteten, sanften und friedlichen Tod im Schlaf. Warum ist es umgekehrt auch wichtig, Zeit für den Abschied von den Angehörigen und Freunden zu haben?

Der Tod aus heiterem Himmel belastet die Hinterbliebenen stärker. Die Zeit für den Abschied, das muss nicht lange sein, die sollte der Bedeutung der Situation angemessen sein. Das ist wichtig, um den Tod auch in das eigene Leben einbeziehen zu können.

Sie selbst möchten nach einem schweren Schlaganfall, Herzinfarkt oder Unfall nicht zurückgeholt werden, wenn das Sterben schon eingesetzt hat. Ist das nicht eine extrem schwierige Gratwanderung für die Ärzte und mehr noch für die Angehörigen?

Wir können heute recht gut feststellen, ob durch eine medizinische Behandlung ein eigenständiges Leben wieder ermöglicht werden kann. Bei diesen schwierigen Entscheidungen in Grenzsituationen sind die Willensbekundungen von Menschen von großer Bedeutung. Wenn ich etwa in der Intensivmedizin einen Menschen habe, der künstliche Ernährung ablehnt, dann erleichtert das dem Arzt die Entscheidung, er kann sich dann auch leichter zurücknehmen.

Entscheidungen im Sinne des Patienten

Warum ist eine Patientenverfügung so wichtig?

Genau aus dem Grund, dass wir in schwierigen Situationen – beispielsweise einem schweren Schlaganfall – Hinweise auf die Wertvorstellungen des Betroffenen bekommen. Damit können wir besser Entscheidungen im Interesse des Patienten treffen. Wir benötigen in der Medizin individuelle willensorientierte Entscheidungen.

Wie sollte menschenwürdiges Sterben in Zukunft aussehen?

Schon Würde ist schwierig zu definieren. Die tastende Suche nach Unantastbarkeit, hat es der Philosoph Helmuth Plessner einmal genannt.

Nun gibt es auch sehr schwierige Krankheitsverläufe. Sie schreiben vom Ekel und Abscheu vor den verschiedenen Ausscheidungen und Flüssigkeiten, die ein Sterben manchmal unerträglich machen.

Das ist ein schwierige Frage. Wir müssen lernen, dass Sterben anstrengend sein kann. Viele Beschwerden können wir lindern. Wir sollten mit der Hilfsbedürftigkeit des Menschen am Ende des Lebens ähnlich umgehen wie am Anfang des Lebens. Dann kann man auch besser mit Ekel und Scham umgehen.

Wunsch nach Sterbehilfe vor der Sterbephase

Keiner möchte sich quälen. Die gute Behandlung von Schmerzen und anderen Symptomen, wenn es keine Heilung mehr geben kann, ist oft möglich. Wann ist für Sie die Grenze erreicht – und darf dann Sterbehilfe möglich werden?

In der Palliativmedizin haben wir inzwischen ausreichend gute Methoden bis hin zum künstlichen Schlaf, um die Symptome zu lindern. Der Wunsch nach Sterbehilfe tritt in den allermeisten Fällen nicht in der Sterbephase auf, sondern vorher. Diesen Wunsch äußern oft einsame Menschen, die das Gefühl haben, zur Last zu fallen. Hier eine angemessene Unterstützung zu geben, das ist eine große Herausforderung auch für die Gesellschaft.

So wie früher Reisen zur Abtreibung gibt es mittlerweile Reisen zur Sterbehilfe in die Schweiz. Auch die Niederlande, Belgien und Luxemburg öffnen diese Möglichkeit für ihre Bürger. Lassen wir in Deutschland Menschen qualvoll sterben, nur weil es angeblich ethischer ist?

Nein, wir haben optimale Möglichkeiten, um Symptome zu lindern. Es stimmt, dass in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung für die Sterbehilfe ist. Dennoch sollten wir sehr vorsichtig sein, ob damit die Probleme einer älter werdenden Gesellschaft gelöst werden können. Gerade in der Endphase des Lebens habe ich bei Patienten immer wieder erlebt, dass sie noch intensiv teilhaben wollten. In diesem Wunsch nach Leben sollten wir die Menschen unterstützen und nicht zum Handlanger des Todes werden.

Sie schildern eindrucksvoll die Sterbesituation vieler berühmter Menschen, auch die des Mediziners und Schriftstellers Anton Tschechow. Der behandelnde Arzt lässt eine Flasche Champagner bringen.

Das war zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Brauch, um auszudrücken: jetzt ist medizinisch nichts mehr zu tun. Bitte, zelebrieren wir den Abschied. Für mich könnte ich mir das durchaus auch vorstellen – obwohl ich eigentlich gar keinen Champagner mag.

Das Gespräch führte Karl-Heinz Karisch.

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