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19. November 2013

Palliativmedizin: Begleitung in der letzten Lebensphase

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In den letzten Tagen vor dem Ende Zuwendung erfahren – das wünschen sich die meisten Menschen.  Foto: imago stock&people

Die Palliativmedizin lindert Leid, wenn Heilung nicht mehr möglich scheint. "Ohne die moderne Medizin war das Sterben oft ein grausamer Prozess", erklärt Christiane Gog, Leiterin einer Palliativstation.

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Dass im Monat November Christen der Verstorbenen gedenken, ist tief in der Tradition verwurzelt. So werden am Totensonntag wieder viele zum Friedhof gehen, um das Grab von einst nahestehenden Menschen zu besuchen. Der Prozess des Sterbens indes wird in unserer modernen Gesellschaft gerne ausgeblendet. „Dem körperlichen Tod geht oft der soziale voraus“, sagt Christiane Gog, Leiterin der Palliativstation am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) in Frankfurt.

Während früher die meisten Menschen zuhause starben, verbringt in den westlichen Industrieländern die Mehrheit heute die letzten Stunden im Krankenhaus, im Alten- oder Pflegeheim. „Der Tod ist aus dem Alltag verschwunden“, erklärt Eckhard Nagel, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth,bei einer Veranstaltung des Georg Speyer Hauses in Frankfurt zum Thema „Humanes Sterben“.

Es gebe kein richtiges „Abschiednehmen“ mehr, sagt der Mediziner, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist. Als sichtbares Zeichen der Tabuisierung erscheint ihm der Verzicht auf einstige Rituale – etwa das Aufbahren Verstorbener im häuslichen Umfeld, das seiner Ansicht nach auch allein deshalb „Sinn gemacht“ habe, „weil der menschliche Körper nach dem diagnostizierten Tod zwei bis drei Tage braucht, bis alle biologischen Funktionen zum Erliegen gekommen sind“.

Den letzten Lebensabschnitt erleichtern

Christiane Gog möchte das früher übliche Sterben im Familienkreis indes nicht verklärt wissen: „Ohne die moderne Medizin war das doch oft ein grausamer Prozess.“ Heute hilft die Palliativmedizin, den letzten Lebensabschnitt zu erleichtern. Denn auch wenn sich die meisten Menschen einen unmerklichen Tod im Schlaf wünschen, so geht dem Ende doch zumindest bei Schwerkranken eine mehr oder minder lange letzte Phase voraus.

Ziel der Palliativmedizin ist vor allem die „Symptomkontrolle“, das Ausschalten oder zumindest Dämpfen von Schmerzen, wenn Heilung nicht mehr möglich scheint. Letzteres war bis in die 1990er Jahre der Grund, warum sich viele Ärzte für diese Patienten nicht mehr zuständig fühlten, sagt Professor Nagel „Sie haben studiert, weil sie kurativ tätig und sich nicht primär mit dem Sterben beschäftigen wollten.“ Wie gut ein Mensch kurz vor dem Tod versorgt wurde, sei stark vom jeweiligen Hausarzt abhängig gewesen. Viele Patienten allerdings hätten sich „verlassen gefühlt“.

Denn die Palliativmedizin ist in Deutschland eine relativ junge Disziplin, entsprechende Angebote gibt es erst seit etwa 30 Jahren – und keineswegs an allen Kliniken. „Palliativmedizin ist teuer und schreibt meist rote Zahlen“, erklärt Christiane Gog. Auch die Palliativstation an der Frankfurter Uniklinik besteht erst seit 2011, neben der Leiterin arbeiten dort eine Assistenzärztin und Pflegepersonal, das sich siebeneinhalb Pflegestellen teilt.

In der Palliativstation der Uniklinik stehen sieben Betten zur Verfügung, die Warteliste ist lang. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt etwa zwei Wochen, denn Ziel ist es, dass die Patienten wieder nachhause oder in ihre Pflegeeinrichtung zurückkönnen – wenn auch nicht geheilt, so aber doch mit besserem Befinden. Manchmal gibt es aber auch kleine Wunder, erzählt Christiane Gog: „Wir haben schon Patienten in eine Rehaklinik überwiesen, weil sich ihr Zustand so gut entwickelt hat.“ Manche sterben allerdings auch auf der Palliativstation, wenngleich diese – anders als ein Hospiz – dafür nicht originär konzipiert ist, wie die Ärztin betont.

Medikamente gegen starke Schmerzen

Viele der Patienten, die zu ihr kommen, leiden an Krebs im Endstadium. Dann geht es vor allem darum, die oft unerträglichen Schmerzen zu nehmen, aber auch, die häufig auftretende Schwäche zu behandeln. Zu den wichtigsten Medikamenten gegen starke Schmerzen zählen nach wie vor die Morphine.

Gängige Befürchtungen – etwa, dass man wegdämmert oder berauscht wird – seien meistens grundlos, beruhigt Christiane Gog.: „Der Körper gewöhnt sich daran, es gibt Patienten, die damit Auto fahren.“ Auch Mittel gegen Epilepsie werden als Therapie gegen Schmerzen eingesetzt. In schweren Fällen oder bei Lungentumoren, die häufig mit starker Luftnot einhergehen, kann jemand auch in Narkose versetzt werden.

„Wir können dadurch die Angst vor einem qualvollem Ersticken nehmen“, erklärt Christiane Gog. Aber sie räumt auch ein, dass es nicht immer gelingt, das Leid eines Sterbenskranken zu lindern. Schwerer als der körperliche wiege indes oft der seelische Schmerz, sagt die Medizinerin. Manche Menschen, erzählt der Theologe Kurt Schmidt, Lehrbeauftragter für Medizinethik der Diakonie Frankfurt, nutzten diesen letzten Lebensabschnitt auch, um erstmals „Dinge aus ihrer Biographie zu arbeiten“, etwa „Kriegssituationen“: „Sich nach langer Zeit diesem Thema zu stellen, kann enorm schwierig sein.“ Viele setzten sich auch in der Palliativstation überhaupt erstmals aktiv mit Sterben und Tod auseinander, erzählt Christiane Gog.

„Die Emotionalität ist manchmal sehr hoch bei uns“, sagt sie – und wechsle oft von einem Extrem ins andere: „Es gibt kollektives Weinen, aber die Patienten und Angehörigen lachen auch oft miteinander.“ Generell ist ihre Erfahrung so, „dass gläubige Menschen oft ruhiger sind, sie gehen einen Weg, der ihnen vorgegeben scheint. Menschen, die an gar nichts glauben, fällt es schon schwerer, sie hadern mit ihrem Schicksal, das kann ein harter Prozess sein.“

Dass sich manche am Ende ihres Lebens Sterbehilfe wünschen, dafür hat die Ärztin Verständnis. Aber aktive Sterbehilfe lehnt sie strikt ab; unabhängig von der Tatsache, dass sie in Deutschland auch strafbar ist: „Das stellt für mich nicht zwingend einen humanen Weg dar.“ Schilderungen, dass Todkranke in die Schweiz fahren, „dort Medikamente ausgehändigt bekommen und sie dann vielleicht auf einem Parkplatz einnehmen und dort sterben“, fände sie vielmehr „nicht human“, sagt Christiane Gog. Sie geht zudem davon aus, dass das Verlangen nach Sterbehilfe nicht immer der eigenen Qual entspringt, sondern oft in der Sorge begründet ist, „anderen nicht zur Last fallen zu wollen“. Für ihren Kollegen Eckhard Nagel eine Erscheinung unserer Zeit: „Es soll möglichst lautlos und unauffällig gestorben werden.“

Während einige Patienten offenen Auges bis zur letzten Sekunde dem Tod entgegen sehen, sind andere vorher über Tage nicht mehr ansprechbar. Und manche sind vielleicht schon längere Zeit ohne Bewusstsein, ohne Hoffnung auf Besserung. In dieser Situation stellt sich dann oft die Frage, ob die Ärzte die so genannten „lebenserhaltende Maßnahmen“ fortsetzen sollen. Für alle Beteiligten, Ärzte wie Angehörige, ein Dilemma. Medizinethiker Schmidt appelliert deshalb an jeden, rechtzeitig eine Patientenverfügung aufzusetzen, in der festgeschrieben ist, wie man sich selbst in diesem Fall entscheiden würde: „Niemand kann eine stellvertretende Entscheidung treffen, auch nicht der Ehepartner“.

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