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14. Juli 2014

Palmöl-Anbau: Menschenaffen in Gefahr

 Von Walter Willems
Nur scheinbar ein idyllisches Leben: Bonobos im Kongo.  Foto: REUTERS

Palmöl-Plantagen lassen auch in Afrika den Lebensraum der Primaten schrumpfen. Verbraucher sollten bestimmte Produkte meiden und nur Produkte aus nachhaltigem Anbau kaufen.

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Die Ausweitung von Palmöl-Plantagen in Afrika bedroht die Lebensräume von Menschenaffen. Die Areale, für die Unternehmen Anbaulizenzen erhielten, überlappen sich zu fast 60 Prozent mit den Lebensräumen von Gorillas, Schimpansen und Bonobos, bei letzteren sogar zu 99 Prozent, mahnt ein internationales Forscherteam in der Zeitschrift „Current Biology“. Die Wissenschaftler appellieren an die betroffenen Länder in West- und Zentralafrika, die Lebensräume der Affen zu schützen und Palmöl-Plantagen auf anderen Arealen anzulegen. Auch Verbraucher können demnach aktiv zum Schutz der Affen beitragen.

Nachfrage nach aus Ölpalmen produziertem Pflanzenöl steigt, Palmöl steckt in Hunderten Alltagsprodukten. Die Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) schätzt, dass etwa die Hälfte der Produkte hiesiger Supermärkte Palmöl enthalten, von Lebensmitteln über Kosmetikartikel bis zu Reinigungsprodukten. Große Plantagen gibt es vor allem in Südostasien in Indonesien und Malaysia, wo dafür riesige Waldareale abgeholzt wurden – mit fatalen Folgen für Orang-Utans und andere Dschungel-Bewohner.

Nun orientieren sich viele Unternehmen nach Afrika, berichtet das Team um Serge Wich von der Liverpool John Moores University, dem auch ein Forscher vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig angehört. Um die Folgen für die Tierwelt abzuschätzen, glichen die Wissenschaftler vergebene Lizenzen für afrikanische Palmöl-Plantagen mit den Lebensräumen von Menschenaffen ab.

Unter Schutz – und damit weitgehend unzugänglich für Firmen – sind demnach nur etwa zehn Prozent der Menschenaffen-Habitate in Afrika. Und 40 Prozent der nicht geschützten Verbreitungsgebiete decken sich mit Arealen, die sich zum Palmöl-Anbau eignen.

Das betrifft vor allem Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste und Ghana in Westafrika und die Länder Zentralafrikas wie Kamerun oder Gabun. Schon jetzt überlappen sich rund 59 Prozent der geplanten Anbaugebiete mit den Habitaten von Westlichen Flachlandgorillas (Gorilla gorilla), Gemeinen Schimpansen (Pan troglodytes) und Bonobos (Pan paniscus).

Bewusstsein der Verbraucher schärfen

„Die Ölpalmenindustrie stellt eine bedeutende und stetige Bedrohung für Menschenaffen in Afrika dar“, betonen die Forscher. „Unsere Analyse zeigt, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Menschenaffen-Areale auf geschütztem Land liegt.“ Doch auch dort seien Tiere gefährdet, da Anbaugebiete häufig auf angrenzende Schutzgebiete ausgedehnt würden. Zudem würden in Plantagen oft Schimpansen getötet, die sich bei Futterknappheit gerne an Ölpalmen halten.

Arbeiter einer Palmöl-Plantage in Sierra Leone.  Foto: Reuters

„Wir befürworten kein striktes Verbot der Ölpalmen-Entwicklung in Afrika“, betonen die Forscher. Im Gegenteil böten die Plantagen der verarmten Region große ökonomische Möglichkeiten. Wichtig sei aber, die Plantagen in geeigneten Regionen anzulegen, die nicht von Menschenaffen bewohnt würden. Dazu müsse jedes Land sowohl die Lebensräume der Tiere kartieren als auch die für Palmöl geeigneten Anbauflächen. Zudem könne man den Anbau auf den bestehenden Plantagen intensivieren. Der Ertrag liege in Afrika bei durchschnittlich 7,8 Tonnen Palmöl pro Hektar, in Südostasien aber bei 16,9 Tonnen. Hier könnten etwa eine bessere Qualität der Samen und bessere Anbaumethoden helfen.

Aber auch die Verbraucher weltweit können demnach dazu beitragen, die Lebensräume der Affen zu schützen. „Der erste Schritt ist, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und auf die Pläne von in Afrika tätigen Unternehmen und Regierungen innerhalb und außerhalb Afrikas zu bringen“, wird Wich in einer Mitteilung der Zeitschrift zitiert. „Öffentliches Bewusstsein ist der Schlüssel, denn Verbraucher haben durch ihr Kaufverhalten Einfluss.“ Die Öffentlichkeit solle die Unternehmen dazu drängen, nachhaltig zu wirtschaften.

So finden sich etwa auf Verpackungen mancher Produkte Zertifikate dafür, dass das verwendete Palmöl aus nachhaltigem Anbau stammt. Vor zehn Jahren wurde auf Anregung des WWF der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (Roundtable on Sustainable Palm Oil, RSPO) gegründet. Die beteiligten Unternehmen verpflichten sich, keine ökologisch wichtigen Flächen für Plantagen zu roden.

Aus einem anderen Grund warnt auch ein Gutachten eines internationalen Forscherteams davor, Regenwald für Palmöl-Plantagen zu opfern. Da natürliche Wälder viel Kohlenstoff speichern, würde eine Umwandlung solcher Areale zu einer Freisetzung großer Mengen des Treibhausgases führen. Daher solle man neue Palmöl-Plantagen auf Gras- oder Buschland anlegen, raten die Forscher um Jennifer Lucey von der Universität York.

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