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19. Februar 2016

Partnerwahl : Intelligenz vor Schönheit

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Die Partnersuche hat sich durch die Emanzipation verändert.  Foto: imago/Westend61

Mit zunehmender Gleichstellung ändern sich die Vorlieben bei der Partnerwahl - zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler in einer aktuellen Studie. Steckt in uns doch nicht mehr so viel Steinzeitmensch wie vermutet?

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Möglichst symmetrische Züge, volle Lippen, große Augen, lange Haare, schmale Taille, weiche, runde Formen um Brust und Hüfte – diesem Schönheitsideal streben Millionen von Frauen auf aller Welt entgegen. Trotz gegensätzlicher Beteuerungen dürfte doch häufig auch das Motiv dahinter stehen, für einen vorhandenen oder potenziellen Partner attraktiv zu sein. Denn die Vorstellung, Männer seien aufgrund ihrer Biologie vor allem auf schöne Gesichter und Rundungen an ausgewählten Stellen programmiert, ist tief in unserem kollektiven Bewusstsein verankert. Eine weit verbreitete Ansicht – aber falsch?

Eine aktuelle Studie behauptet genau das: Demnach ist das Klischee des in erster Linie auf Attraktivität gepolten Mannes mittlerweile überholt – zumindest in jenen Ländern, wo die Gleichstellung der Geschlechter in den vergangenen Jahrzehnten erkennbare Fortschritte gemacht hat. Stattdessen stellten Männer bei der Suche nach einer Partnerin zunehmend Bildung und Intelligenz vor Schönheit und junges Alter; je weiter die Emanzipation in einer Gesellschaft gekommen ist, desto stärker ausgeprägt sei dieser Effekt. Zu diesem Schluss sind Marcel Zentner, Professor am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck, und Alice Eagly, Professorin für Psychologie an der Northwestern University (USA), gekommen, nachdem sie eine Fülle von Studien analysiert hatten, die sich allesamt mit gesellschaftlichen Einflüssen bei der Partnerwahl beschäftigen.

Hunderte von Untersuchungen aus den verschiedensten Fachdisziplinen und mit den verschiedensten Herangehensweisen werteten die Wissenschaftler aus: „Sie zeigen, dass die Partnerpräferenzen von Frauen und Männern mit unvermuteter Schnelligkeit auf Fortschritte in der Gleichstellung reagieren“, fasst Marcel Zentner zusammen.

Dieses Ergebnis rüttelt an den Grundfesten der gängigen Theorie, wonach die Kriterien der Partnerwahl evolutionsbiologisch weitgehend festgeschrieben sind und darauf zielen, die größtmögliche Zahl an Nachkommen zu hinterlassen. Demnach suchen sich Frauen einen Mann vor allem danach aus, ob er geeignet ist, für sie und die künftigen Kinder zu sorgen. Männer mit Geld und Status hätten demnach bessere Chancen als ein gut aussehender, aber armer Kerl. Männer hingegen halten laut dieser Sichtweise Ausschau nach möglichst fruchtbaren, gesunden Frauen – Eigenschaften, für die als körperliche Merkmale eine schmale Taille, ausladende Hüften und jugendliches Aussehen stehen.

Seit Urzeiten

So war es bei unserer Spezies seit Urzeiten und so schien es auf ewig zu bleiben – denn schließlich steckt ins uns allen bis heute noch der Steinzeitmensch, wie es so oft heißt. Oder? Tatsächlich widersprechen Erkenntnisse aus der Evolutionsforschung aber der Annahme statischer Verhaltensschemata. So gehen Paläoanthropologen heute davon aus, dass es vor allem die große Flexibilität war, die Homo sapiens dominanten Spezies auf der Erde werden ließ. Erst Ende vergangenen Jahres etwa hatten Wissenschaftler des Senckenberg Biodioversität und Forschungszentrum in Frankfurt nachgewiesen, dass bereits unsere vor mehr als zwei Millionen Jahren lebenden sehr frühen Verwandten noch flexibler waren als gedacht und in der Lage waren, sich in Afrika an die unterschiedlichsten Bedingungen bei der Umwelt, dem Klima und den Nahrungsquellen anzupassen.

„Fixe Verhaltensprogramme wären für unsere Vorfahren der Untergang gewesen“, sagt auch Marcel Zentner. „Dieselbe Flexibilität erlaubt es dem Menschen, seine Partnerpräferenzen den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen“, erklärt Alice Eagly. Sowohl Frauen als auch Männer wählten ihre Partner vor allem danach aus, „wie sehr sie in einen bestimmten Lebensentwurf hineinpassen“, konstatiert die Psychologieprofessorin und ergänzt: „Und Lebensentwürfe werden durch die zunehmende Gleichstellung der Geschlechter maßgeblich mitgeprägt.“

Den engen Zusammenhang zwischen der Emanzipation der Frauen und den Vorlieben bei der Partnerwahl wiesen die beiden Psychologen gleich mehrfach, mit unterschiedlichen Ansätzen nach. Zunächst nahmen sie sich kulturübergreifende Studien vor. Die Auswertung zeigte: Das vermeintlich typische Muster, wonach Frauen von Einfluss und Reichtum, Männer dagegen von Jugend und Schönheit angezogen sind, schmilzt, „mit zunehmender Geschlechtergleichstellung der Länder dahin“, erklärt Marcel Zentner.

Der Wissenschaftler konkretisiert das an einigen Beispielen: In Ländern, wo Frauen häufig noch unterdrückt werden und wenig Emanzipation herrscht – etwa in Korea oder der Türkei – bevorzugten sie nach wie Männer mit guten Verdienst als Lebenspartner. Dieses Verhalten sei doppelt so stark ausgeprägt wie in Ländern, wo es eine relativ hohe Gleichstellung der Geschlechter gebe. Dort sollen sich Frauen demnach bei der Partnersuche immer weniger vom Kontostand eines möglichen Kandidaten leiten lassen. Marcel Zentner führt als Beispiele dafür Finnland und die Vereinigten Staaten an: „In Finnland sind Bildung und Intelligenz der Partnerin oder des Partner für Männer bereits wichtiger als für Frauen.“

Männer stellen bei der Suche nach einer Partnerin zunehmend Bildung und Intelligenz vor Schönheit und junges Alter.  Foto: Imago

Mit kulturellen oder religiösen Besonderheiten hingegen hätten diese Differenzen wenig zu tun, stellt der Wissenschaftler klar: „In Japan, wo die Gleichstellung wenig fortgeschritten ist – sie liegen weltweit auf Rang 101 –, gelten noch die alten Geschlechterpräferenzen. Auf den Philippinen hingegen, die mit zu den emanzipiertesten Ländern gehören und Rang sieben belegen, haben sie sich weitgehend angeglichen. Beides sind ostasiatische Kulturen, der höhere Wohlstand Japans sollte, wenn schon, eher den umgekehrten Trend vermuten lassen.“

Einen zweiten Schwerpunkt der Untersuchung bildeten Studien zu individuellen Geschlechtsrollenbildern. Dabei zeigte sich: Menschen mit konventionellem Rollenbild haben bei der Partnerwahl ebenfalls traditionelle Vorlieben – und umgekehrt. So erklärten sich auch unterschiedliche Präferenzen innerhalb einer Gesellschaft, sagt Marcel Zentner – wobei er Trennlinien weniger zwischen den Schichten als zwischen Stadt- und Landbevölkerung sieht. Auch die Analyse historischer Trends kam zu einem Ergebnis, das dazu passt: Die Vorlieben bei der Partnerwahl verändern sich demnach parallel mit den Rollenbildern. Während noch vor 75 Jahren das Einkommen und die Bildung einer Frau bei der Partnerwahl kaum eine Rolle spielten, wertete heute immer mehr Männer diese Eigenschaften als sehr bedeutsam, erklären die Wissenschaftler: „Die Gleichstellung wirkt wie eine Art Hebel“, beschreibt es Marcel Zentner: „Wird er nach oben gedrückt, verkleinern sich die Unterschiede in den Partnerpräferenzen.“

Mittlerweile seien in vielen Gesellschaften die Unterschiede zwischen den Geschlechtern geringer als gemeinhin angenommen, ist der Psychologe überzeugt. Das bestätigten auch Verhaltensbeobachtungen beim Speed Dating, beim Kennenlernen im Minutentakt, wo Männer und Frauen in Experimenten die gleichen Maßstäbe anlegten.

Eine „fatale“ Rolle beim Pflegen alter Klischees spiele indes die Ratgeberliteratur: „Wenn es dort heißt, Frauen sind so und Männer so, dann ist das irreführend.“ Das bedeute zwar nicht, „dass keine Unterschiede mehr existieren oder sie einmal ganz verschwinden und biologische Faktoren gar keine Rolle mehr spielen werden“. Doch sie prägten die Partnersuche bei weitem nicht so stark wie vermutet – vor allem nicht, wenn es um eine langfristige Beziehung gehe. „Bei Umfragen, welchen Rang bestimmte Eigenschaften bei der Partnerwahl einnehmen, nannten Männer die Attraktivität an achter Stelle, bei Frauen stand sie an zwölfter Stelle. Viel wichtiger sind Intelligenz, Verlässlichkeit und emotionale Reife.“ Und das sei auch plausibel, findet der Psychologe. Denn: „Was soll ich mit einer bildschönen Frau, wenn ich mit ihr keine anregenden Gespräche führen und mit ihr nicht konstruktiv durchs Leben gehen kann?“

Ohnehin sei die These, „dass weibliche Schönheit ein Indiz für Fruchtbarkeit sein soll und deswegen Männer biologisch darauf ansprechen“, zweifelhaft: „Studien zeigen keinen klaren Zusammenhang zwischen Schönheit und Fruchtbarkeit.“

Die These, dass die Intelligenz eines der wichtigsten Kriterien bei der Partnerwahl sei, unterstützt auch ein Wissenschaftler, der eher die Unterschiede zwischen den Geschlechtern betont: Axel Meyer, Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz, betont dabei allerdings einen anderen Aspekt: Intelligenz sei „von Vorteil für die Fitness“, helfe unserer Spezies also beim Überleben: IQ sei „sexy“. Tatsächlich sollen laut einer Studie von 2011 mit 10000 Teilnehmern aus Großbritannien und den USA Intelligenz und Attraktivität sogar Hand in Hand gehen.

Allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz halten aber selbst fortschrittliche Gesellschaften standhaft an einem bestimmten Schönheitsideal fest, lassen sich immer mehr Frauen operieren, um ihm zu entsprechen. Marcel Zentner macht für diesen Trend viele verschiedene Faktoren verantwortlich: das Fernsehen, das Internet, den allgemeinen Kampf gegen das Altern und vor allem die Interessen der Industrie. Für die Partnerwahl spielten die angestrebten Eigenschaften indes „allenfalls eine mittelmäßige Rolle“. Auch der stellt der Psychologe grundsätzlich ein angeblich seit Urzeiten in den Menschen verankertes universelles „Beuteschema“ in Frage: „Die Idee, das Männer und Frauen bestimmte Gesichtszüge generell bevorzugen würden, ist eine verzerrte Darstellung der Realität. Das, was allgemein als schön angesehen wird, macht etwa 50 Prozent aus, der Rest ist persönlicher Geschmack.“

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