Anlässlich der 750-Jahrfeier des sächsischen Frankenberg verfasst der pensionierte Oberstudienrat Max Kästner 1938 eine Festschrift. Der Titel lautet: "Aus dem Leben einer kleinen Stadt." In dem Kapitel "Frankenberg im Reiche Adolf Hitlers" schreibt Kästner über Hitler: Der "geliebte Führer" habe das Reich, "unser Vaterland", heraus "aus dem Sumpf und dem Elend der Systemzeit geführt". Sonst wäre es "seiner Vernichtung entgegengegangen". Über den SS-Totenkopfsturmbann "Sachsen", eine KZ-Wachmannschaft, heißt es später: "Leider blieben die SS-Männer nur kurze Zeit bei uns." War Kästner also ein überzeugter Nazi? Und wenn er das war, taugt so einer als Vorbild?
Die Max-Kästner-Förderschule für geistig Behinderte ist ein dreistöckiger Bau im Herzen von Frankenberg, im Schulgarten ist ein kleiner Teich. Seit 1994 trägt sie den Namen des stadtbekannten Naturforschers, auf der Schulhomepage steht in der Rubrik "Wer war Max Kästner": Aufgrund seiner "wissenschaftlichen Verdienste" erhielt er einen Ehrendoktortitel an der TU Dresden.
Die Andert-Mittelschule in Ebersbach, sagt Geralf Gemser, "ist ein besonderer, vielleicht ein einzigartiger Fall". Nach seinen Recherchen ist die Schule gleich nach drei Mitgliedern der Andert-Familie benannt.
Hermann Andert war Mitglied der NSDAP, die Söhne Herbert und Werner in der SA und im NS-Lehrerbund. Werner Andert veröffentlichte in NS-Zeitungen. Auf der Schulhomepage fehlt ein Portrait der Namensgeber.
Dort steht nicht: Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft sächsischer Botaniker forderte er einen "Ausrottungskrieg" gegen exotische Pflanzen. Am Ende der sieben Zeilen ein Fazit. "Nicht zuletzt" mit seiner Frankenberg-Festschrift habe er sich "ein Denkmal" gesetzt.
33 443 deutsche Schulnamen, darunter die Max-Kästner-Förderschule, untersucht der Historiker Geralf Gemser seit Mai 2007. "Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933 bis 1945" lautet der Titel des Buches, in dem er als erstes Bundesland nun Sachsen aufarbeitet und das nun der FR vorliegt, bevor es im Handel erscheint.
Gemsers Fazit: "Nahezu alle nach NSDAP-Mitgliedern oder sonstigen systemnahen Akteuren benannte Schulen verzichten aus Vorsatz oder Unwissenheit, selbstkritisch zu problematischen Details der Biografien Stellung zu beziehen oder sie zu erwähnen." Mindestens 16 Schulen sind das allein im Freistaat. Bundesweit wird die erste gesamtdeutsche Analyse, schätzt Gemser, allein mehr als 100 Schulen finden, deren Namensgeber NSDAP-Mitglied waren. Die Diskussion um Namensgeber und deren fragwürdige Rolle im Dritten Reich bekommt eine neue Dimension.
Bislang sorgten allein Einzelfälle wie die Klaus-Riedel-Schule in Bernstadt, benannt nach einem umstrittenen Raketenbauer und V2-Ingenieur, in vergangenen Jahren mitunter für überregionale Kontroversen. Gemser selbst stieß mit seinen Nachforschungen einst die Umbenennung des Berliner Erich-Hoepner-Gymnasiums an. Doch Streitfälle wie diese tauchen auf und wieder ab. Was fehlt, ist auch 60 Jahre nach Kriegsende eine vollständige Datenbank.
Für Gemser hat es viele Gründe, warum Schulen noch heute an Menschen erinnern, an deren Vorbildfunktion es erhebliche Zweifel gibt. Der Arzt Rainer Fetscher beispielsweise war zwar nicht Parteimitglied, aber ein Befürworter des NS-Sterilisationsgesetzes. Er ist Namensgeber einer Schule für Körperbehinderte in Dresden.
Zudem wurden im Fall Sachsen sieben Schulen, die den Namen von NSDAP-Mitgliedern tragen, erst nach der Wiedervereinigung umbenannt. Braune Flecken in der Biografie waren da längst in Vergessenheit geraten oder gerne vergessen. Eine Aufarbeitung findet nicht oder nur unzureichend statt. Der bürokratische Aufwand und Widerstand der Kommunen tun ihr Übriges.
Aus dem sächsischen Kultusministerium heißt es dazu : "Eine Namensgebung ist eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe. Insofern ist es von besonderer Bedeutung, die Biografien der in Frage kommenden Namenspaten zu prüfen. Es ist durch die zuständigen Stellen sorgfältig abzuwägen, ob die Personen, die eine Vorbildrolle für die Schüler erfüllen sollen, dafür geeignet sind." Aber: "Die Namensgebung erfolgt eigenverantwortlich durch die Träger der Schulen." Fünf Prozent der sächsischen Schulnamen gehören Personen, die Sympathisanten oder Opfer der Nazis waren.
Das wichtigste Ergebnis seiner Forschung aber ist für Gemser "die erschreckend geringe Zahl der jüdischen Holocaust-Opfer im Vergleich zu den Parteimitgliedern", derer durch einen Schulnamen gedacht wird. In Sachsen sind es genau zwei - Anne Frank und Janusz Korczak. "Dabei gab es doch so viele Opfer", sagt Gemser und damit so viele Alternativen zu bedenklichen bis untragbaren Namensgebern sächsischer Schulen, denen Gemser in erster Linie "keine konkreten Taten nachweisen wollte", wohl aber "eine bestimmte Geisteshaltung".
In Frankenberg hat es kritische Stimmen zur Max-Kästner-Schule nie gegeben. Rektorin Sabine Prößl sagt: "Wir haben das schlicht nicht gewusst." Und: "Wir haben auch nie so tief geforscht." Drei Namen habe die Schule vor 15 Jahren vorgeschlagen, die Kommune entschied sich für Kästner. Jetzt, kündigt Prößl an, wolle die Schule mehr über ihn erfahren.
Geralf Gemser: "Unser Namensgeber - Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933-1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen", AVM-Verlag, 19,90 Euro
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