Frau Breuer, Sie haben als Designerin demente Menschen als Zielgruppe entdeckt. Wie kamen Sie darauf?
Ich kenne beide Seiten: Ich war lange Jahre Krankenschwester und habe auch in Altenheimen gearbeitet. Schon da ist mir aufgefallen, dass alte und demente Menschen in den Fluren häufig die Orientierung verlieren. Dort wird zwar mit sehr viel Liebe und Engagement gearbeitet, aber die Räume sind eingerichtet wie in einer Jugendherberge. Das ist nicht fachgerecht. Mich hat schon immer gestört, dass in Seniorenheimen häufig kindliche bunte Bilder an den Fenstern hängen. Das wird diesen Menschen, die ein langes Leben hinter sich haben, einfach nicht gerecht. Sie haben ihr eigenes Design verdient. Als Kommunikationsdesignerin wollte ich das Lebensumfeld der alten Menschen endlich verbessern. Denn bislang gibt es keine Forschung zu diesem Thema.
Petra Breuer ist die erste Designerin in Deutschland, die passende Wohnräume für demenzkranke Menschen erforscht und entwirft. Bevor sie an der Fachhochschule Bielefeld Kommunikationsdesign studierte, arbeitete sie mehr als 13 Jahre als Krankenschwester in Deutschland, in der Schweiz und auch in den USA. Sie hat vor Kurzem das Buch "Visuelle Kommunikation für Menschen mit Demenz" (Huber Verlag 2009) herausgegeben.
Demenz ist eine Volkskrankheit geworden, seitdem die Lebenserwartung der Menschen steigt. Von den über 90-Jährigen leidet jeder Dritte an diesem kognitiven und emotionalen Defizit, bei den über 80-Jährigen sind es noch 24 Prozent. Menschen mit Demenz erkennen Gegenstände und Personen nicht mehr wieder, verlernen die Sprache und alltägliche Bewegungen. Dabei verlieren sie als erstes die jüngsten Fähigkeiten und Erinnerungen. Das Gedächtnis funktioniert nach dem Prinzip "Last in - first out".
Die veränderte Wahrnehmung von Demenzkranken wurde bislang wenig beachtet: Menschen mit Demenzerkrankungen können zum Beispiel dreidimensionale Bilder nicht mehr erkennen, auch Piktogramme wie Strichmännchen sagen ihnen nichts mehr. Die Forschung zu einem angepassten Lebensumfeld, das diese spezielle Wahrnehmung berücksichtigt, steht noch ganz am Anfang. ajo
Wie haben Sie denn geforscht? Sie konnten die Dementen ja schlecht befragen, wie sie es gerne hätten.
Nein, das ist unmöglich. Ich habe wieder in Altenheimen hospitiert und sie genau beobachtet, wie sie sich bewegen, warum sie manchmal die Orientierung verlieren. Und ich habe medizinische Grundlagen zuhilfe genommen. Dort ist zum Beispiel längst bekannt, dass die meisten älteren Menschen nur noch schwer Blau- und Grüntöne auseinander halten können. Deswegen sollten diese Farben nicht auf Schildern eingesetzt werden.
Wie sähe ein ideal designtes Zimmer für demente Menschen aus?
Zunächst ist wichtig: Menschen mit Alzheimer werden häufig unterschätzt. Sie leiden manchmal mehr unter ihrer Umgebung als an der Krankheit. Wir müssen uns immer fragen: Erkennt ein Mensch etwas nicht, weil er dement ist oder weil es falsch konzipiert wurde? Kann die Person die Uhrzeit vielleicht nicht lesen, weil die Uhr zu hoch hängt und der Nacken steif ist? Die spezielle Wahrnehmung wurde bislang kaum berücksichtigt. Zum Beispiel sind Trainingsspiele für Demente häufig völlig unsinnig. Sie sollen Teile einer Einbauküche erkennen wie etwa eine Mikrowelle. Die gibt es aber erst seit ein paar Jahren und dementsprechend wurde dieses neu erlernte Gerät vom Gedächtnis als erstes vergessen. Eine Kaffeemühle aber würden die Personen sehr viel häufiger erkennen.
Ist es denn richtig, diese Menschen in einer längst vergangenen Welt mit Kaffeemühlen leben zu lassen?
Diese Frage stellt sich nicht. Wenn Sie Dementen Orientierung geben wollen, müssen Sie ihre Sprache sprechen. Zum Beispiel sind die Strichmännchen auf der Toilette für diese Personen nicht aussagekräftig; sie wissen nicht, was sich hinter der Tür verbirgt. Ein Männeken Piss aber würden sie erkennen und zuordnen.
Woher wissen Sie, was für demente Menschen besser zu erkennen ist? Wie haben Sie Zugang zu deren Wahrnehmung?
Ich gehe einfach davon aus, dass sie sich an frühere Dinge sehr viel besser erinnern können als an jüngst Gelerntes. Das heißt, ich versetze mich in deren Lebenswelt, wie sie vor dreißig Jahren war. Das HB-Männchen kannten in den 1960er Jahren 97 Prozent. Sachen, die sie immer und immer wieder sehen, sind ins Gehirn eingehämmert. Dieses System wird bei Dementen erst sehr spät zerstört. Darauf können wir zurückgreifen. Wir nehmen das Männchen und markieren damit das Raucherzimmer. Den Erdal-Frosch oder die Persil-Frau kennt auch jeder. Ich setze die Werbeklassiker in einen neuen Kontext, schneide den Frosch aus und klebe ihn an den Schuhschrank. Das wird sofort verstanden.
Welche Rolle spielen die Zimmerfarben? Psychologen schreiben ihnen eine große Wirkung zu.
Das ist wahr. Allerdings wurden hier auch häufig die Fähigkeiten der Alten nicht berücksichtigt und Pastelltöne verwendet. Einfach aus dem Glauben, dass die ältere Generation diese schwachen Farben gerne mag. Das ist möglich, aber sie kann sie kaum erkennen. Wenn ich ihnen Orientierung bieten möchte, dann muss ich kräftige, kontrastreiche Farben wählen.
Wie erklären Sie sich, dass bislang so an den Bewohnern vorbei geplant wurde? Warum gibt es bislang keine Forschung für das richtige Design für Demente?
Das Thema ist einfach nicht hip und trendy. Die jungen Studierenden haben keine Lust auf die Alten und auch die Professoren haben Vorbehalte. Und natürlich erscheint die Zielgruppe wenig lukrativ. Ich bin mir aber sicher, dass gerade mit dem demografischen Wandel die richtige Ausstattung von Zimmern für alte Menschen, sei es nun im Heim oder zu Hause, immer wichtiger wird. Sie ist entscheidend für die Lebensqualität der älteren Generation. Einfach alte Symbole und Farben zu nutzen und sie größer zu kopieren, reicht dabei nicht.
Interview: Annika Joeres
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