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05. Mai 2014

Pflege in Japan: Zuwendung von der Maschine

 Von Dorthe Ferber
Eine alte Dame hält die sprechende Puppe Kabocha im Arm.  Foto: Ferber

Roboter sollen den Pflegenotstand in Japan lindern. Der erste Modellversuch findet in einem Heim bei Tokio statt. In Japan ist jeder Vierte älter als 65 Jahre und es fehlt deutlich an Pflegepersonal.

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Palro ist nur 40 Zentimeter und gibt Kommandos: „Die Arme hoch, nach hinten!“ Der kleine Roboter ist der Gymnastiktrainer im Pflegeheim Fuyo-En. Palro kann noch mehr als nur turnen. Er merkt sich die Namen von bis zu 100 Heimbewohnern, er rätselt mit den pflegebedürftigen und kann einfache Gespräche führen. „Das Schöne am Roboter ist, dass er auf meine Fragen antwortet. Am Anfang nur einfach, aber er scheint sich zu verbessern“, sagt die 89-jährige Yoshiko Kitami und lächelt.

Seit gut einem halben Jahr wird Palro (ein Kunstwort aus „pal“, Kumpel, und „robot“) in dem Heim bei Tokio eingesetzt. Es ist ein Modellversuch, der bei Pflegebedürftigen und Pflegenden bisher gut ankommt. „Am Anfang hat es Skepsis bei den Mitarbeitern gegeben. Die ist verschwunden, seit klar ist, dass die Roboter eine echte Pflegeersparnis bedeuten“, erzählt Heimleiter Akira Kobayashi. Fünf Palro-Roboter besitzt das Heim. Während sie turnen oder Horoskope aus dem Internet vorlesen, könnten die Pfleger die alten Menschen besser beobachten oder auch Büroarbeit erledigen.

Aber lieber verbringt sie ihre Zeit mit Japan ist das Land der Roboter-Fans, in dem beinahe jeder eine elektronische Toilette hat. Und Japan ist das Land der Alten: Jeder vierte Japaner ist heute älter als 65 Jahre. Die Regierung will daher den Pflegenotstand systematisch durch den Einsatz von Robotern bekämpfen. Denn in der rasant weiter alternden Gesellschaft gibt es schon jetzt zu wenige Pflegekräfte. 2025 werden geschätzt eine Million Pfleger fehlen, der Mangel ist weit größer als in Deutschland. Mit einem Förderprogramm für Pflegeroboter will die Regierung Abe dem Problem begegnen. Es gehe darum, preisgünstige Roboter zu entwickeln, erklärt Kenichi Miyangara vom Gesundheitsministerium.

Vergleichsweise preisgünstig ist der in japanischen Pflegeheimen weit verbreitete Therapie-Roboter Palo. Die kuschelige Babyrobbe ist inzwischen für rund 3000 Euro zu haben. Seit zehn Jahren wird Palo erfolgreich bei der Therapie von Demenzkranken eingesetzt. Auch in Deutschland hat die Idee des helfenden Roboters begeistert, einige deutsche Heime haben Palo ebenfalls angeschafft. „Ja, die Robbe ist schon gut“, sagt Sumiko Takeoka. Kabocha. Die sprechende Puppe kostet weniger als ein Zehntel von Palo und wurde eigentlich gar nicht als Therapieroboter entwickelt: „Die Robbe macht nur Laute, aber die Puppe spricht mit mir. Und sie ist so süß.“ Solche Erfahrungen aus der Praxis will die japanische Regierung jetzt gezielt nutzen. Roboter-Entwickler und -Nutzer müssten besser miteinander vernetzt werden. „Es ist unsinnig, wenn Ingenieure ein High-Tech-Bett entwickeln, das 20.000 Euro kostet, das kann sich kein Heim leisten“, unterstreicht Gesundheitsfunktionär Miyangara.

Vom Bett ins Badezimmer

Zuwendungs-Roboter wie Palro und Palo sind nur ein Teil der japanischen Roboter-Offensive. Service-Roboter sind ebenso wichtig. Im Heim Chiba-Minato helfen sie den Pflegern beim Heben der Senioren. Mit einem Lifter auf Laufrädern wird eine alte Dame direkt vom Bett ins Badezimmer bugsiert. Im Bad sind an der Decke Laufschienen installiert, in die die Pflegerin den Lifter haken kann. Von dort geht es weiter zur Badewanne, auch die ist vollautomatisiert. „Pflege ohne Anheben“ heißt das Programm, das vom Gesundheitsministerium finanziell unterstützt wird. Das Programm sei ein voller Erfolg, vermerkt Heimleiter Masahi Hinata zufrieden. Seither gebe es keine Mitarbeiter mehr, die wegen Rückenschmerzen krank würden oder gar aus dem Job ausschieden. Auch von Pflegebedürftigen gebe es keine Klagen.

Turnroboter Palro macht die Übungen vor.  Foto: Ferber

Japan stößt mit den Robotern auf eine Offenheit bei den Betroffenen, die in Deutschland in dem Maße nicht zu vermuten ist. In einer aktuellen Umfrage des japanischen Gesundheitsministeriums antworteten knapp 60 Prozent der Pflegenden, dass sie einen Roboter nutzen würden, bei den Pflegebedürftigen waren es gar 65 Prozent. Letztere erhoffen sich durch Roboter vor allem mehr Selbstständigkeit, man müsse so weniger Rücksicht auf den Pfleger nehmen. Wichtig scheint das gerade für diejenigen, die zu Hause gepflegt werden. In Japan ist das wie in Deutschland die Mehrheit der Pflegebedürftigen.

Bisher können Roboter die Pflegenden nur unterstützen, nicht ersetzen. Aber auch letzteres soll in Zukunft möglich sein. Die Firma Daiwa House, eines der größten Immobilienunternehmen Japans, sieht im Robotergeschäft für Alte eine neue Wachstumsbranche. Eine ganze Abteilung mit 40 Mitarbeitern hat es für den Vertrieb eröffnet. 500 Millionen Euro Umsatz soll das Geschäft im Jahr 2035 machen.

Dafür sorgen soll unter anderem der Toilettenroboter „Minelet“. Noch ist das fast 10.000 Euro teure Gerät kein Verkaufsschlager, es wird bislang nur von einigen Dutzend Pflegebedürftigen genutzt. Diese liegen dann in einer High-Tech-Windel mit Spül-Sensoren, verbunden mit einem kühlschrankgroßen Gerät, das Wassertank und Exkrementenbehälter zugleich ist. Auf den ersten Blick überzeugt das Konstrukt von Preis und Komfort her nicht, aber die Daiwa House-Leute sehen einen großen Markt. „Wer zu Hause pflegt, muss oft nachts alle zwei bis drei Stunden die Windel wechseln. Mit dem Toilettenroboter hingegen haben sie 24 Stunden Ruhe“, sagt Abteilungsleiter Masao Simizu.

Automatisierte Pflege bedeutet in Japan keine Schreckensvision wie in Deutschland. Aber noch sind die Hürden hoch. Die Pflegeroboter sind oft zu teuer oder in ihrer Anwendung beschränkt, zudem ist das Haftungsrecht ungeklärt. Bislang gebe es kein Gesetz für Schäden, die von diesen Robotern verursacht werden, beklagt Daiwa House-Manager Simizu. Doch das werde sich vor dem Hintergrund der alternden Gesellschaft bald ändern: „In zwanzig Jahren werden Pflegeroboter ganz normal sein.“

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