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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

03. November 2010

Pflegeheime sind besser als Krankenhäuser: Druckgeschwüre werden seltener

 Von Anne Brüning

Eine Studie hat heraus gefunden, dass in Krankenhäusern durchschnittlich 2,9 Prozent der Patienten ein Druckgeschwür entwickeln. In Pflegeheimen tritt Dekubitus nur bei 1,9 Prozent der Bewohner auf.

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Gefährlicher Druck

Bettlägerige Menschen sind gefährdet, ein Druckgeschwür zu entwickeln, das im Fachjargon Dekubitus genannt wird. Es entsteht, wenn Patienten ihre Körperlage selbst nicht ändern können und immer mit der gleichen Körperstelle aufliegen.
Die einseitige Belastung führt dazu, dass Bereiche des Gewebes sehr stark zusammengedrückt werden. Das schädigt sie so stark, dass sie absterben. Dekubitus kündigt sich oft durch Hautrötungen an, kann aber auch von innen heraus entstehen, am Knochen beginnend. Wird nichts gegen die Druckstellen unternommen, können schwere offene Wunden entstehen.
Schon kleine Bewegungen tragen zur Druckentlastung bei. Immobile Patienten müssen regelmäßig hin- und hergelagert werden oder benötigen spezielle Matratzen. abg

Wer denkt, dass Druckgeschwüre, Dekubitus genannt, hauptsächlich ein Problem der Pflegeheime sind, der irrt. Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Studie von Forschern der Charité Berlin. Wie das Team um Nils Lahmann herausfand, entwickeln in Krankenhäusern durchschnittlich 2,9 Prozent der Patienten ein Druckgeschwür, in Pflegeheimen tritt Dekubitus nur bei 1,9 Prozent der Bewohner auf. Seit dem Jahr 2001 erheben die Charité-Forscher jährlich Pflegeprobleme in Heimen und Krankenhäusern in ganz Deutschland. Die Daten beruhen auf Angaben der Einrichtungen. Die Teilnahme ist anonym. „Auf diese Weise bekommen wir ehrliche Antworten“, sagt Lahmann. Die Daten zur Häufigkeit von Problemen wie Stürzen, Dekubitus und Mangelernährung werden durch eigens für die Studie geschulte Pflegekräfte erfasst.

An der diesjährigen Studie nahmen 52 Pflegeheime und 15 Kliniken aus ganz Deutschland teil. Sie lieferten Daten von 3610 Pflegeheimbewohnern und 2417 Krankenhauspatienten. „Insgesamt verfügen wir inzwischen über Daten von mehr als 80 000 Patienten und Pflegeheimbewohnern“, sagt Lahmann.

Der von den Forschern beobachtete Trend seit 2001 ist erfreulich. Insgesamt hat sich das Problem der Druckgeschwüre verbessert. Vor knapp zehn Jahren waren in Krankenhäusern noch Dekubitus-Raten von 7,7 Prozent zu verzeichnen, in Pflegeheimen lagen sie bei 7,5 Prozent. Lahmann zufolge wird seither das Druckgeschwür-Problem intensiv bekämpft. „Im Jahr 2000 wurde ein Expertenstandard zur Dekubitus-Prophylaxe herausgegeben. Dadurch hat sich das Management stark verbessert“, sagt der Pflegewissenschaftler. Der Standard gibt beispielsweise vor, wie häufig bettlägerige Patienten umgelagert werden sollten.

Lahmanns Eindruck ist, dass die Pflegeheime ihre Hausaufgaben gründlicher gemacht haben als die Krankenhäuser. Allerdings unterliegen die Heime auch Kontrollen – durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen. Der Dienst fordert von den Heimen regelmäßig Angaben über vorbeugende Maßnahmen.

„Dabei werden leider hauptsächlich Prozesse abgefragt und keine Ergebnisse. Wie häufig zum Beispiel die Bewohner eines Heimes stürzen oder sich wund liegen, wird nicht direkt erfasst“, bemängelt Lahmann.

Er sieht die regelmäßigen Erhebungen der Charité daher als wichtige Ergänzung, um das Ausmaß von Pflegeproblemen in Deutschland zu bewerten. Auch für die Einschätzung der Situation in den Kliniken sei die Studie hilfreich. Denn an den Krankenhäusern wird seit 2007 zwar im Rahmen der Sicherung der Versorgungsqualität die Zahl der Dekubitus-Fälle bei Patienten, die älter als 75 Jahre sind, erfasst und dem Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (Aqua) in Göttingen gemeldet.

Da die Zahl auf eigenen Angaben der Kliniken beruht, kommt dabei aber offenbar nicht die ganze Wahrheit ans Licht. „Nach den Daten des Aqua-Instituts liegt die Dekubitus-Rate in Kliniken bei 1,1 Prozent. Das ist eine unglaubwürdig niedrige Zahl“, sagt Lahmann.

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