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Piltdown-Mensch: 100 Jahre alter Wissenschaftskrimi bleibt rätselhaft

Einer der größten Betrugsfälle in der Wissenschaft ist bis heute nicht ganz geklärt. Vor 100 Jahren tauchte der Piltdown-Mensch auf - eine Fossilien-Fälschung, die Jahrzehnte die Forschung beeinflusste. Foto: Kevin Webb/Natural History Museum
Einer der größten Betrugsfälle in der Wissenschaft ist bis heute nicht ganz geklärt. Vor 100 Jahren tauchte der Piltdown-Mensch auf - eine Fossilien-Fälschung, die Jahrzehnte die Forschung beeinflusste. Foto: Kevin Webb/Natural History Museum

London. Er sollte mehr als eine halbe Million Jahre alt und eines der fehlenden Mosaiksteinchen in der Evolution sein. Am Ende aber stellte sich der Piltdown-Mensch als Fälschung heraus - eine bloße Zusammenstellung von eingefärbten Menschen- und Tierknochen.

Bevor er 1953 als Betrug entlarvt wurde, hatte der Piltdown-Mensch aber jahrzehntelang die Wissenschaft beeinflusst: Erfunden statt gefunden - das ist klar. Doch bis heute weiß niemand genau, wer hinter dem dreisten Schwindel um den angeblich prähistorischen Vorfahren steckt. Seit 100 Jahren beschäftigen sich nun Forscher mit dem Fund, heute allerdings aus einem völlig anderen Grund als einst.

«Die Geschichte ist nicht nur wegen der faszinierenden Frage, wer dahintersteckte, auch heute noch relevant», schreibt Chris Stringer in einem Kommentar in der neuesten Ausgabe der britischen Zeitschrift «Nature» (Band 492, Nr. 7428). Zusammen mit insgesamt 14 weiteren Forschern des Londoner Natural History Museums und verschiedener Universitäten untersucht er die Funde von damals derzeit mit neuesten Techniken. «Es ist eine Warnung an Wissenschaftler, stets wachsam und kritisch zu sein, und im Endeffekt ist es auch ein Triumph der wissenschaftlichen Methoden», betonte Stringer.

Nicht alle sind dieser Meinung. Als das Natural History Museum vor einigen Jahren den 50. Jahrestag der Aufdeckung des Betrugs feierte, sagte Forscher Andy Currant: «Piltdown ist ein Stück Blödsinn, das eine phänomenale Menge an nützlicher Zeit aufgebraucht hat.»

Weltweite Wellen schlug der Fall vom 18. Dezember 1912 an. Damals stellte Arthur Smith Woodward vom britischen Naturkunde-Museum den Fund bei einem Treffen der Geological Society vor. Der Rechtsanwalt und Hobby-Archäologe Charles Dawson hatte ihn kontaktiert und ihm von seiner angeblichen Wunder-Entdeckung im Dörfchen Piltdown in der Grafschaft Sussex berichtet: Teile eines menschlichen Schädels mit dazugehörigem Kieferknochen, geschätzt um die 500 000 Jahre alt.

Das Sensationelle daran: Die Größe des Schädels deutete auf ein vergleichsweise hoch entwickeltes menschliches Gehirn hin. Der Kieferknochen hingegen erinnerte eher an einen Affen mit menschlich aussehenden Zähnen. Der Fund wurde vor allem als Beweis für die Theorie angesehen, dass die Entwicklung des Gehirns zuerst kam und die Ausbildung anderer Merkmale des modernen Menschen antrieb. Mittlerweile geht man davon aus, dass die Zähne und der Kiefer menschlicher wurden, bevor sich das Gehirn entwickelte.

Angefangen mit dem Neandertaler in Deutschland wurden in Europa und anderen Teilen der Welt zu dieser Zeit zudem mehr und mehr Fossilien von frühen Menschen gefunden - auf den britischen Inseln aber bis dato noch keiner. Stringer sieht das als einen Grund an, warum trotz einiger Zweifel die Mehrzahl der Wissenschaftler damals glauben wollte, der Fund sei echt. Heute weiß man: Der Kieferknochen stammte vermutlich von einem Orang-Utan, die menschlichen Schädelknochen sind höchstens 1000 Jahre alt. Das Ganze wurde wohl irgendwo zusammengeklaut und eingefärbt.

Mit größter Wahrscheinlichkeit steckt Dawson hinter der Fälschung. Er wollte wohl Ansehen und Kontakte zur Wissenschaft aufbauen und hat auch noch weitere «Funde» gefälscht. Doch wer waren seine Komplizen? Unter anderem wird dabei sogar «Sherlock Holmes»-Erfinder Arthur Conan Doyle genannt. Er wollte sich damit angeblich an der modernen Wissenschaft rächen, deren Meinungsgrundlagen er nur bedingt teilte.

Doch Stringer meint, die Lektion, die der Piltdown-Mensch noch heute verbreitet, sei dieselbe - egal, wer am Ende dafür verantwortlich war: «Die Piltdown-Fälschung ist eine deutliche Erinnerung an Wissenschaftler, dass etwas, was zu schön erscheint, um wahr zu sein, es wahrscheinlich auch nicht ist.» (dpa)