Pisa bringt es an den Tag: Welches Bundesland hat die schlausten Schüler und welches die dümmsten? Dass Letzere vor allem den Hauptschulen entstammen, das muss die aktuelle Pisa-Erweiterungsstudie, die am Dienstag offiziell in Berlin vorgestellt wird, nicht mehr verraten. Hauptschüler gleich Bildungsverlierer. Schon klar. Was die Pisa-Studie aber auch diesmal auslassen wird: Was denken Hauptschüler selbst über ihr mieses Ansehen? Und wie wirkt sich diese Wahrnehmung auf ihre schulischen Leistungen aus?
Untersucht hat dies nun der Psychologe Michel Knigge, Mitarbeiter am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Mit seiner Promotion an der FU Berlin schaffte er es unter die besten zehn Anwärter für den Deutschen Studienpreis 2008. Der 34-Jährige stieß in eine Forschungslücke: Zwar erscheint es logisch, dass sich das Wissen eines Hauptschülers um seinen Status als Besucher einer vermeintlichen "Restschule" nicht gerade positiv auf dessen Selbstbewusstsein auswirkt. Aber wissenschaftlich bestätigt wurde diese Annahme bislang nicht.
Sachsen erreicht beim Pisa-Test 2006 in allen Disziplinen den ersten Platz und verweist damit den bisherigen Sieger Bayern auf den zweiten Rang, meldet dpa.
Im Pisa-Untersuchungsschwerpunkt Naturwissenschaften folgt hinter Sachsen und Bayern Thüringen auf Platz drei. Ebenso sieht die Rangfolge beim Lesen- und Textverständnis aus. In der Disziplin Mathematik liegt Baden-Württemberg hinter Sachsen und Bayern auf Platz drei, Thüringen folgt auf Platz vier.
Es ist der dritte Pisa-Bundesländervergleich seit dem ersten Test im Jahr 2000. Für den Bundesländer-Ergänzungstest der weltweiten Pisa-Studie wurden 57.000 Schüler an 1500 Schulen getestet.
Vielmehr haben Studien eher gezeigt, dass sich Hauptschüler im direkten Vergleich mit ihren Mitschülern für talentiert und leistungsbereit halten. Das ist nicht unbedingt überraschend, denn sie vergleichen sich ja hier in der Regel eher mit einer schwächeren Schülerklientel.
Knigge befragte nun rund 900 Hauptschüler in Berlin, wie die Gesellschaft sie wahrnimmt. Ihre Antwort lässt kräftig schlucken: Dumm, faul, unsozial. So, glauben sie selbst, urteilen andere über sie. "Hirnamputiert und nicht in der Lage, irgendwas zustande zu bringen." So bringt es einer der befragten Schüler auf den Punkt. "Eigentlich reicht die Skala negativer Beurteilungen, wie sie in meiner Befragung vorgegeben waren, gar nicht aus", hat Knigge beobachtet. "Sie hätte nach Einschätzung der Hauptschüler noch viel weiter gehen können."
"Hirnamputiert"
Gymnasiasten etwa, die Knigge ebenfalls befragte, haben da ein wesentlich besseres Bild von sich. Und auch unter den Hauptschülern zeigen sich je nach untersuchter Altersstufe zunächst noch Unterschiede: Siebtklässler, die gerade sechs Jahre gemeinsame Grundschulzeit, wie in Berlin üblich, hinter sich haben, sehen ihre Rolle als Hauptschüler noch nicht so negativ wie Neuntklässler, die die Hauptschule schon zwei Jahre länger besuchen. Deren Gefühl der Stigmatisierung findet sich dabei flächendeckend - unabhängig von Schulklasse und Lehrern, die ihren Schülerinnen und Schülern gegenüber ebenfalls Vorurteile zeigen. Genauso übrigens wie Lehramtsstudenten, die noch keinen oder kaum Kontakt zu Hauptschülern hatten. Was folgt daraus? Um sich vor Stigmatisierungen zu schützen, "neigen Schüler dazu, Situationen zu vermeiden, in denen Leistung gefordert wird", so Knigge. Seine Studie zeigt: Je stärker Hauptschüler von ihrem negativen Außenbild überzeugt sind, umso geringer ist ihre Motivation, sich in der Schule zu engagieren und zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, aber auch die Freude auf die Schule.
Knigges Studie haut damit in die gleiche Kerbe wie die Untersuchung der US-Psychologen Claude Steele und Joshua Aronson. Diese hatten in den 90er Jahren die Bedrohung durch Stereotype am Beispiel junger Afroamerikaner nachgewiesen: Obwohl erfolgreiche Studenten an der renommierten Stanford University, sanken ihre Leistungen bei einem Test, nachdem sie zuvor Auskunft über ihre ethnische Herkunft erteilt hatten. Ein ähnlicher Effekt zeigte sich auch bei naturwissenschaftlichen Prüfungen von Frauen, die zuvor ihr Geschlecht angaben. "Gerade das Stereotyp, das über die eigene Gruppe besteht und das man eben nicht bestätigen möchte, wird wirksam", so Knigge. Auch bei den von ihm untersuchten Hauptschülern zeigte sich: Unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit wird das Stigma vom schlechten Schüler zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Das gilt auch für die Bereitschaft, auf eine höhere Schulform zu wechseln: Da das Image des Hauptschülers besonders dann auf ihm lastet, wenn er sich in der Minderheit fühlt, reizt ein Wechsel an Realschule und Gymnasium nur wenig: Jeder weiß ja hier, woher der oder die Neue kommt. Am stärksten leiden die Hauptschüler unter dem Klischee, sie seien unsozial, gar aggressiv: "Damit wird ihnen ja auch ihre Menschlichkeit aberkannt und das empfinden sie als besonders bedrohlich", sagt Knigge.
Weitere Forschungen, was Knigges Erkenntnisse auch für Entscheidungen zum dreigliedrigen Schulsystem bedeuten, böten sich an. Und nicht zuletzt die Frage: Trägt nicht auch eine Studie wie Pisa ungewollt zur mangelnden Leistung deutscher Hauptschüler bei?
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