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17. Januar 2013

Plagiate: Bei sich selber abgeschrieben

 Von Hermann Horstkotte
Marc Jan Eumann, Staatssekretär in NRW, steht unter Selbstplagiats-Verdacht. Foto: SPD

Ein Staatssekretär hat seine Magisterarbeit zur Dissertation aufgepeppt. Darf man das?

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Das könnte Marc Jan Eumann (SPD), heute Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Ministerium für den Bund, Europa und die Medien, jetzt zum Verhängnis werden: Vor zwanzig Jahren hatte er ein Exemplar seiner Kölner Magisterarbeit über die frühere Nachrichtenagentur „Deutscher Presse-Dienst“ spontan, ohne einen Ablieferungszwang dem Bundesarchiv in Koblenz überlassen.

Mit dieser Magisterarbeit verglich der Leipziger Professor für Kommunikationswissenschaft, Arnulf Kutsch, im vorigen Sommer Eumanns Dortmunder Doktorarbeit von 2011 zum selben Thema – und brandmarkte sie dieser Tage in einer Rezension als weitgehendes Selbstplagiat aus der alten Arbeit. Ohne das Koblenzer Archiv wäre das nie herausgekommen. Denn das amtliche Prüfexemplar der Kölner Universität wurde ganz vorschriftsmäßig nur fünf Jahre aufbewahrt und dann vernichtet.

Am heutigen Donnerstag ist die Promotion Tagungsordnungspunkt im Ausschuss für Kultur und Medien des Landtags Nordrhein-Westfalen. Sollte der Doktortitel aberkannt werden, wäre Eumann für die CDU-Opposition als Staatssekretär untragbar.

Mehrfachverwertung möglich

Darf man ein und dasselbe Werk bei mehreren Hochschulprüfungen vorlegen – und wenn nein, warum nicht? So lauten grundsätzliche Fragen aus diesem Fall. Der Dortmunder Doktorvater von Eumann, Horst Pöttker, war jedenfalls von der Zweitverwertung der Magisterarbeit schockiert. Er selbst habe bei der Begutachtung der Dissertation davon nichts gewusst. Pöttker meldete den Fall der Uni-Kommission zur Sicherstellung guter wissenschaftlicher Praxis. Diese brütet jetzt darüber, ob Eumann den Doktortitel behalten kann oder wegen Täuschung ablegen muss.

Die Dortmunder Promotionsordnung schreibt ausdrücklich vor, dass der Bewerber darlegen muss, „ob die Dissertation in der gegenwärtigen oder in einer anderen Fassung“ schon einmal für eine „staatliche oder akademische Prüfung vorgelegt worden ist“. Eumann selbst und die Dortmunder TU äußern sich dazu im schwebenden Untersuchungsverfahren nicht näher.

Der Zweitgutachter Ulrich Pätzold will sich aber erinnern, dass die nötigen klaren Angaben über die ältere Examensarbeit bei der Doktorprüfung vorlagen. Darüber habe er mit Eumann vorher auch ausführlich gesprochen. Gleichwohl räumt Pätzold gegenüber der FR ein, dass ihm die Magisterarbeit im Einzelnen nicht bekannt gewesen sei, wie anderen auch nicht. „Sie war eine Prüfungsarbeit und wird an Dritte nicht weitergereicht.“ Also ist es doch ganz egal, was vorher geschehen ist?

Der Vorsitzende des bundsweiten Ombuds- oder Beschwerdegremiums für saubere Wissenschaft, Juraprofessor Wolfgang Löwer, verweist auf Empfehlungen, für die Mehrfachverwertung von Prüfungsschriften „in gestuften Qualifikationsverfahren“ klare Regeln zu schaffen. Diese gibt es schon seit Jahren. Anlass dazu war 2004 eine politikwissenschaftliche Dissertation in Erfurt, die zur Hälfte auf einer fünf Jahre alten, aber verschwiegenen Münchener Magisterarbeit beruhte.

Einige Prüfer fühlten sich vom „kalten Kaffee“ getäuscht und wollten den Doktortitel zurücknehmen. Dazu kam es aber nicht, weil die Promotionsordnung die Zweitverwertung nicht geregelt hatte. In vielen Promotionsordnungen ist das bis heute noch nicht der Fall.

Hingegen heißt es etwa in aktuellen Leitsätzen der Vereinigung Deutscher Staatsrechtslehrer: „Bei Prüfungsarbeiten ist eine Zweit- oder Mehrfachverwertung nicht ausgeschlossen, wenn sie offengelegt wird und nach der Prüfungsordnung rechtlich zulässig ist.“ Danach können etwa auch Seminar- oder Studienarbeiten für die Bachelor-, Master- und Doktorprüfung wiederholt verwendet werden, „soweit die neue Studie in ihrer Gesamtheit quantitativ und qualitativ einen eigengearteten Neuigkeitswert von Gewicht aufweist“.

Das mag beispielsweise dann der Fall sein, erläutert Löwers Fachkollege Volker Epping, wenn eine Studienarbeit von vielleicht fünfzig Seiten thematisch zu einer Doktorarbeit im Umfang von 150 oder 200 Seiten ausgebaut wird. Auf diese Weise können häufig auch angehende Lehrer ihre Staatsexamensarbeit zur Dissertation erweitern.

Indes mahnte die Kultusministerkonferenz schon 2006: „Zu viele Doktoranden entwickeln die Promotion als schlichte Fortführung ihrer ersten Abschlussarbeit am selben Institut. Damit findet ein echter Wettbewerb wenig Raum.“ Allerdings mag sich jeder Doktorand zu Recht fragen: Ist es denn nicht so, dass „Aufwandsminimierung und Gewinnmaximierung“ grundlegende Wettbewerbskriterien auf jedem funktionierenden Markt sind? Gegen Störungen auf dem Promotionsmarkt können wohl nur hochschulübergreifende Regularien der bundesweiten Fakultätentage helfen.

Tatsächlich stellen sich die Probleme in verschiedenen Fachbereichen ganz unterschiedlich. Zum Beispiel gibt es in der Medizin unterhalb des Dr. med. keine andere Examensschrift. Dissertationen in empirisch-statistischen oder technischen Wissenschaften beziehen sich wiederum auf frische Daten, die in großer Fülle über Jahre erhoben wurden. Damit ist der Abstand zwischen der Doktorarbeit und einer früheren Prüfungsleistung vorgegeben.

Die Verlockung ist groß

Der Ingenieurprofessor Volker Hinrichsen erklärt außerdem: Der Diplomand oder Master-Kandidat behandelt in der Regel ein Teilproblemchen im Rahmen des Dissertationsprojekts eines Doktoranden, der ihn anleitet und betreut. „Für eine eigene Doktorarbeit wird sich der Diplomand dann auf ein anderes Forschungsfeld begeben müssen, das nicht bereits für eine Promotion vergeben und besetzt ist.“

Demgegenüber arbeiten Geistes- oder Kulturwissenschaftler typischerweise mit älterer Literatur. Deshalb ist für sie die Verlockung besonders groß, bei fremden Autoren oder sich selbst abzuschreiben. Der Fall Eumann ist nur ein Beispiel dafür. Seinen Kritiker Arnulf Kutsch regt besonders auf, dass sich auf die zugrundeliegende Magisterarbeit „eine 20-jährige Patina gelegt hat“, sie also längst verstaubt ist. Wo bleibt da der wissenschaftliche Fortschritt?

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