An diesem Dienstag entscheidet die Universität Düsseldorf, ob sie gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels einleiten wird. Am Wochenende hat sich die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen schützend vor Schavan gestellt. In ihr arbeiten führende Forschungsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Max-Planck-Gesellschaft oder die Hochschulrektorenkonferenz zusammen.
Volles Vertrauen
Die Allianz wirft der rheinischen Uni vor, schwere Verfahrensfehler gemacht zu haben: Für die Frage des Plagiats habe die Hochschule nur ein statt mehrerer Gutachten eingeholt; dem Verfasser, einem Judaisten, fehle die erforderliche „fachwissenschaftliche Perspektive“, in diesem Fall die Kompetenz eines Erziehungswissenschaftlers. Zudem sei der Gutachter selber Mitglied im Promotionsausschuss, der der Philosophischen Fakultät anschließend den Titelentzug empfahl. Hingegen sollen Begutachtung, Empfehlung und Entscheidung nach Auffassung der Allianz personell ganz unabhängig voneinander sein. Damit widersprechen die Wissenschaftsorganisationen einer offiziellen Stellungnahme, in der der Bonner Rechtsprofessor Klaus Gärditz der Uni Düsseldorf ein korrektes Vorgehen bescheinigt. Das sieht auch der bundesweite Philosophische Fakultätentag so. Er wirft der Allianz vor, „durch unangemessene Vorwürfe und Unterstellungen Druck“ zugunsten Schavans auszuüben.
Die Intervention der Allianz überrascht nicht zuletzt insoweit, als sie sich mit denselben Argumenten längst in anderen Plagiatfällen hätte zu Wort melden können, etwa bei Jorgo Chatzimarkakis, Silvana Koch-Mehrin oder Margarita Mathiopoulos.
Für Rechtsprofessor Gärditz ist ganz unerfindlich, woher die Allianz auf einmal ihre Verfahrensregeln nehmen will. „Zu denken wäre etwa an die Vorschläge der DFG für gute wissenschaftliche Praxis“, sagt er, fügt aber hinzu, dass diese Vorschläge für interne Überprüfungen zur Mittelvergabe des DFG-Vereins gälten, „aber damit noch nicht unbedingt für amtliche Untersuchungen einer Hochschulbehörde zu Promotionen.“
Von „rechtlich unverbindlichen Empfehlungen“ spricht auch der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen. Er hat am Montag die Universität Düsseldorf vor der Kritik der Wissenschafts-Allianz in Schutz genommen. Die Berufsvertretung der Wissenschaftler habe volles Vertrauen, dass die Uni ein rechtmäßiges und ordnungsgemäßes Verfahren durchführe, sagte er.
Auch die Universität selbst verteidigte sich. Das Verfahren werde „ausschließlich auf Grundlage der entsprechenden rechtlichen Regelungen durchgeführt“, teilte sie am Montag mit.
„Hochrangige Vertreter der Wissenschaft erweisen der Wissenschaft einen Bärendienst, wenn sie den fatalen Eindruck entstehen lassen, politisch wünschenswerte Ergebnisse könnten öffentlich herbeigeredet werden“, sagte Bernhard Kempen.
Person und Gewissen
Auch die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), warnte die Wissenschaftsorganisationen vor einer weiteren Einmischung im Plagiatsfall Schavan. Diese könne schnell als „mangelnde Unabhängigkeit der Wissenschaftsorganisationen gewertet werden“, erklärte sie. Immerhin werden die Beteiligten vorwiegend vom Bundesforschungsministerium Schavans finanziert.
Annette Schavan gab sich kurz vor der heutigen Entscheidung optimistisch. Sie wolle auch dann wieder für den Bundestag kandidieren, wenn heute an der Universität Düsseldorf offiziell ein Verfahren zur Aberkennung ihres Doktortitels eingeleitet werden sollte. „Das bin ich der Wissenschaft schuldig“, sagte die 57-Jährige der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Bereits am kommenden Freitag will sie sich für ein Direktmandat in ihrem CDU-Heimatverband Ulm/Alb-Donau nominieren lassen.
Vor einem Jahr hatten Plagiatsjäger ihre Vorwürfe gegen Schavan erstmals im Internet veröffentlicht. Auf Dutzenden Seiten ihrer vor mehr als 30 Jahren verfassten Doktorarbeit „Person und Gewissen“ wollen sie falsche Zitierweisen entdeckt haben. Schavan beteuerte, die Arbeit „nach bestem Wissen und Gewissen“ angefertigt zu haben. (mit dpa, AFP)
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