Das Votum ist ein Paukenschlag. Mehr als 184.000 Menschen haben gegen die Einführung einer sechsjährigen Grundschule in Hamburg unterschrieben. Damit konnten die Urheber der Initiative "Wir wollen lernen" dreimal so viele Unterschriften vorlegen wie nötig. Nun ist der Weg frei für einen Volksentscheid - und das größte Vorzeigeprojekt der einzigen schwarz-grünen Koalition in Deutschland in Gefahr.
Ab 2010 soll die vierjährige Grundschule in Hamburg flächendeckend durch eine sechsjährige Primarschule ersetzt werden. Im Anschluss sollen die Schüler nur noch zwei Schulformen besuchen können: die Stadtteilschule, die zu allen Schulabschlüssen führt, und das Gymnasium. Ein erfolgreicher Volksentscheid würde eine Änderung des Schulgesetzes erzwingen - und könnte die gesamte Reform nur wenige Wochen vor ihrem Start im kommenden Sommer kippen.
Dass der Senat in vorauseilendem Gehorsam noch einmal an der Reform rüttelt, schließen CDU-Bürgermeister Ole von Beust und die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch aus. "Das längere gemeinsame Lernen steht nicht zur Disposition", erklärt von Beust.
"Die Primarschule ist unverhandelbar"
Senatorin Goetsch sekundiert: "Die Primarschule ist unverhandelbar." Ein Kompromiss scheint bestenfalls beim Elternwahlrecht möglich. Mit der Reform sollen die Empfehlungen für einen weiterführenden Schultyp bindend werden. Bisher können sich Eltern über das Votum der Grundschule hinwegsetzen, allerdings nur für zwei Jahre: Am Ende der sechsten Klasse entscheidet bereits heute das Gymnasium, wen es behält.
Die Initiatoren von "Wir wollen lernen" zweifeln die Grundidee hinter der Reform an: "Wir glauben nicht, dass längeres gemeinsames Lernen gut tut", erklärt der Rechtsanwalt Carsten Bittner, "es vernachlässigt die Stärkeren wie die Schwächeren."
Für den GEW-Vorsitzenden Klaus Bullan zeigt sich in Hamburg: "Das deutsche Schulsystem steht vor einer Weichenstellung: für Integration - oder für den Erhalt des Status quo." Das erfolgreiche Volksbegehren wertet Bullan als "wenig aussagekräftiges Zwischenergebnis". Im Prinzip sei ein Entscheid des Volkes zwar begrüßenswert, bis dahin aber hätten Primarschul-Befürworter wie er aber noch viel Zeit, gute Argumente vorzulegen.
Hamburgs oberster Schülersprecher wirft der Schulverwaltung vor, bisher nicht ausreichend mit den Betroffenen diskutiert zu haben. "Es wurde zu wenig, zu beliebig und zu arrogant kommuniziert", erklärt Frederic Rupprecht.
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