Düsseldorf/Witten. Studenten der finanziell angeschlagenen Privatuniversität Witten-Herdecke haben vor dem nordrhein-westfälischen Landtag gegen die Streichung der Landesförderung protestiert.
Das Wissenschaftsministerium hatte den Schritt damit begründet, dass die Universität keine ordnungsgemäße Geschäftsführung mehr nachweisen könne. Der Hochschule fehlen damit für das zu Ende gehende Jahr kurzfristig 4,5 Millionen Euro. Außerdem soll sie 3 Millionen Euro für 2007 zurückzahlen. "Wir telefonieren den ganzen Tag mit möglichen Sponsoren", sagte Hochschulsprecher Ralf Hermersdorfer, "wenn wir das Geld bis zum Jahresende nicht haben, ist es aus".
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Die Hochschule hatte den Vorwürfen des Landes in einer Mitteilung strikt widersprochen. Es gebe keinerlei Fehlverhalten in der Geschäftsführung, die Hochschule habe einen Wirtschaftsplan für die nächsten Jahre, der zwar Risiken enthalte, aber belastbar sei.
Die knapp 1200 Studenten betonten in einer Erklärung, dass sie die anthroposophisch ausgerichtete Hochschule als "Ort persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung" weiter voll unterstützten. Um der Hochschule in ihren Finanznöten zu helfen, seien sie bereit, bis zu 60 Prozent mehr Studienbeiträge zu zahlen.
Deutschlands älteste Privatuniversität Witten- Herdecke ist Finanzkrisen gewöhnt, doch diesmal könnte es das Aus bedeuten. Völlig überraschend hat das Land NRW, das knapp ein Sechstel des Hochschul-Etats von gut 30 Millionen Euro finanziert, den Geldhahn zugedreht.
Außerdem will das Land kurzfristig drei Millionen Euro zurück, die die Universität mit gut 1100 Studenten aus Düsseldorfer Sicht 2007 zu Unrecht beantragt hat. "Das hat substanzielle Folgen", sagte Hochschulsprecher Ralf Hermersdorfer. Die 4,5 Millionen seien fest eingeplant gewesen.
Nun suche die Universität fieberhaft nach neuen Sponsoren zum Stopfen des Finanzlochs. Für eine 3-Millionen-Euro-Bürgschaft liege bereits eine Zusage vor. "Für den Rest haben wir Zeit bis zum Jahresende."
Ärger mit dem Geld begleitet die in den 80er Jahren mit viel bildungspolitischem Elan gegründete Reform-Uni fast von Anfang an. Schon seit 1995 beteiligt sich das Land wegen der chronischen Geldnot mit Millionenbeträgen am Hochschuletat, obwohl Privatuniversitäten eigentlich ohne öffentliche Gelder auskommen sollen. 2006 musste die Förderung auf 4,5 Millionen Euro aufgestockt werden, nachdem der Wissenschaftsrat die medizinische Forschung scharf kritisiert hatte.
Drei bis vier Millionen Euro fehlen jedes Jahr im Etat
Die Hochschule hatte damals ihre Akkreditierung, ihr universitäres Gütesiegel, erst gegen die Zusicherung erheblicher Personalaufstockungen in der Medizin zurückbekommen. Mit zwei Sponsoren wurde in den vergangenen Jahren intensiv verhandelt - dem Heidelberger Klinikbetreiber Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) und der Unternehmensberatung Droege International.
Beide hatten aber erhebliche Einsparungen und Umgestaltungen gefordert. Die Studentenzahl sollte auf etwa 2000 wachsen - bisher liegt der Betreuungsschlüssel in manchen Medizinseminaren bei einem Dozent für zwei Studenten - und die Studiengebühren von derzeit bis zu 750 Euro im Monat müssten deutlich steigen, forderte etwa Droege.
Doch solche Veränderungen hätten auch den Charakter der Hochschule grundlegend verändert. Nachdem sich Universität und Sponsor im Frühjahr immer mehr entfremdet hatten, gab es Ende August eine Trennung mit gegenseitigen Vorwürfen.
Ohne einen potenten Geldgeber hat die Hochschule aber schlechte Zukunftschancen. Drei bis vier Millionen Euro fehlen ihr strukturell Jahr für Jahr im Etat und müssen durch zusätzliche Geldgeber, Stifter oder Zuschüsse ausgeglichen werden.
Sollte die Universität tatsächlich zur Schließung gezwungen sein, wäre das ein erheblicher Verlust für die Hochschullandschaft, vor allem im Fach Medizin. Der enge Praxisbezug mit Mentorenfirmen, kooperierenden Kliniken und Hausärzten und die Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung des Studiums brachte der Universität dort immer wieder vordere Plätze in Hochschulrankings.
Außerdem vermittelt Witten-Herdecke sonst eher seltene Fächer wie traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur und Musiktherapie. Um all das und die - einschließlich Teilzeitstellen - rund 600 Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region zu retten, hatte die Gewerkschaft GEW am Mittwoch einen ganz anderen Vorschlag: Sie forderte die Verstaatlichung der Hochschule. (dpa)
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