Nie waren Privatschulen so beliebt wie heute. Rund 3000 Schulen in freier Trägerschaft gibt es bundesweit; noch 1992 waren es nicht einmal halb so viele. Inzwischen sind acht Prozent aller Mädchen und Jungen Privatschüler. Obwohl jedes Jahr etwa hundert neue Schulen entstehen, sind die Wartelisten an den meisten von ihnen lang. Ein Großteil der Privatschüler stammt aus Sachsen, Bayern, Hamburg und Baden-Württemberg.
Dass der Boom der privaten Bildung nicht zuletzt auf das schlechte Abschneiden bei Pisa und anderen internationalen Studien zurückzuführen ist, steht außer Frage. Eltern, die ihre Kinder an einer privaten Schule anmelden, hoffen auf bessere Lernbedingungen, mehr und bessere individuelle Förderung oder ganz simpel auf eine bessere Ausstattung der Schulen. Und: Sie sind bereit, dafür Geld zu zahlen.
Dass Privatschulen in Deutschland überhaupt kosten, hängt mit ihrer Finanzierung zusammen: Je nach Bundesland bekommen Privatschulen nur 60 bis 70 Prozent ihrer Kosten vom Staat erstattet. Lediglich NRW schießt 94 Prozent zu. In einer dreijährigen Bewährungsphase bekommen die Schulen gar kein Geld. Anders regeln das beispielsweise die Niederlande: Dort übernimmt der Staat die gesamte Finanzierung. So, argumentieren Unterstützer des holländischen Modells, könne private Bildung für Schüler günstiger und damit sozial gerechter werden.
Dass vor allem reiche Eltern ihre Kinder privat unterrichten lassen, entlarvte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kürzlich dabei als Mythos. Stärker als vom Einkommen hängt die Entscheidung für eine Privatschule vom Bildungsgrad ab. Knapp 60 Prozent aller Privatschüler stammen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil Abitur hat.
Somit sind vor allem gebildete Eltern für den derzeitigen Run auf Privatschulen verantwortlich; in Arbeiterhaushalten ist das Interesse an ihnen in den vergangenen 15 Jahren dagegen kaum gestiegen. Für das Sozio-Ökonomische Panel, auf dem die Untersuchung basiert, werden jährlich 11 000 Haushalte befragt.
Möglicherweise würden sich dabei noch mehr bildungsferne Familien für Privatschulen entscheiden, wenn sie wüssten, dass viele von ihnen bei Weitem nicht so teuer sind wie häufig angenommen. Mehr als jeder zweite Privatschüler besucht eine konfessionelle Schule, deren Besuch meist zwischen 50 und 150 Euro im Monat kostet. Eine soziale Staffelung der Beträge ist die Regel; sozial schwachen Kindern wird das Schulgeld häufig ganz erlassen. Auch viele andere Privatschulen staffeln ihre Beiträge nach dem Einkommen der Eltern. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fordert Privatschulen entsprechend auf, bildungsferne Elternhäuser stärker über ihr Angebot zu informieren.
Jenseits der konfessionellen Schulen wetteifern mehr als tausend Schulen mit ganz verschiedenen Konzepten um Schüler: Nicht zuletzt Internate haben sich eindeutig der individuellen Förderung der künftigen Elite verschrieben. Andere bemühen sich, dem freien Lernen so nah zu kommen, wie es die Schulpflicht erlaubt. Auch Waldorf- oder Montessori-Schulen begreifen sich als reformpädagogische Schulen mit Regeln und Freiraum.
Und weil sie sich vom staatlichen Bildungssystem benachteiligt fühlen, nehmen seit Längerem auch die Nachfahren der Gastarbeiter die Ausbildung ihrer Kinder selbst in die Hand: Von Stuttgart bis Berlin wurden in den vergangenen Jahren türkische Gymnasien gegründet.
Zu statistisch messbar besseren Ergebnissen kommen Privatschüler übrigens nicht. Laut Pisa räumen Privatschüler zwar mehr Punkte ab. Berücksichtigt man den sozialen Hintergrund, sind sie aber genau so kompetent wie ihre Altersgenossen. Den einzig messbaren Leistungsvorsprung wies Manfred Weiß vom Deutschen Institut für Pädagogische Forschung für die kleine Gruppe von Mädchen nach, die eine private Realschule besuchen. Unter Umständen spielt das spezielle Lernmilieu an den bei Pisa getesteten reinen Mädchenschulen eine Rolle.
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