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25. März 2009

Privatschulen: Offene Parallelgesellschaft

 Von CANAN TOPçU
Deutschlehrer Frank Müller erklärt Fünftklässlern im VIB Gymnasium in Hannover die Vergangenheitsform.Foto: dpa

Das VIB-Gymnasium in Hannover können alle Kinder besuchen, doch die türkischstämmigen sind de facto unter sich. Von Canan Topçu

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Bob made the cake himself." Der Satz an der Tafel wirft Fragen auf. Die Schüler verstehen nicht so recht, was mit "himself" gemeint ist. Also übersetzt Frau Mahr: "Bob hat den Kuchen selbst gemacht." Er sei "megastolz" darauf. Das begreifen die Schüler sofort - genauso wie die Abkürzungen in den Übungsaufgaben zum Ende des Unterrichts. Noch während Frau Mahr Buchstaben- und Zahlenkombinationen wie CU und 4Y auf die Tafel notiert, rufen sie "See you" und "for you" in den Raum. 22 sitzen hier zusammen, die Hälfte Mädchen, eines davon trägt ein Kopftuch.

Mit der SMS-Sprache sind sie vertraut; viele haben Handys; in den Unterricht dürfen sie sie aber nicht mitnehmen. Morgens, wenn sie das Schulgebäude betreten, sind die Mobiltelefone abzuliefern. Herr Demir, der Hausmeister, hat in seinem Raum für jede Klasse ein Fach eingerichtet. Bis zum Schulschluss um 16 Uhr rückt Herr Demir keines der rund 50 Handys raus.

Seit Februar unterrichtet Ina Mahr an dem Privatgymnasium VIB, das statt eines Namens das Kürzel des Trägers hat - des Vereins für Integration und Bildung. Sie steht in der Klasse vor Jungen und Mädchen, die alle Schuluniform tragen und Sümeyye, Harun, Mesut oder Yasemin heißen. Der Unterricht laufe nicht anders ab als an der Schule, an der sie zuvor als "Feuerwehrlehrerin" tätig war, berichtet die 38-Jährige. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Auf der kooperativen Gesamtschule in Pattensen war der Anteil der Kinder aus Einwandererfamilien gering - im Gegensatz zu ihrer neuen Arbeitsstelle im hannoverschen Stadtteil Kleefeld. Hier haben nahezu alle türkischstämmige Eltern.

Yasemin und Tugce sitzen während einer Freistunde im Foyer und lernen französische Vokabeln. Dabei wechseln sie immer wieder die Sprachen - nicht nur zwischen Französisch und Deutsch. Auch türkische Wörter und Sätze sind zu hören, obwohl Türkisch an der Schule eigentlich nicht erlaubt ist. "Sprecht Deutsch", fordern die Lehrer die Schüler auf. Türkisch gibt es nur als AG einmal die Woche, als Fremdsprachen werden Englisch und Französisch unterrichtet.

Mit 37 Schülern begann im September 2007 der Unterricht im Privatgymnasium VIB; derzeit besuchen 100 Jungen und Mädchen die Schule, in der es sieben Klassen der Jahrgangstufen fünf bis sieben gibt. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) hatte für die Genehmigung zur Bedingung gemacht, dass die Schule Kinder unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft aufnehmen muss. So ist das Gymnasium offiziell offen für alle Interessierten, faktisch besuchen es aber fast nur Kinder türkischstämmiger Eltern. Nur acht Jungen und Mädchen haben keinen türkischen Hintergrund. Für Kritiker ist das ein Grund, von Parallelgesellschaft zu sprechen.

Was eine "Parallelgesellschaft" ist, weiß die elfjährige Yasemin nicht. Sie findet es nicht schlimm, dass es auf ihrer Schule keine deutschen Kinder gibt. Ihr gefällt der Unterricht. Ihre Noten seien viel besser geworden, seit sie auf dieser Schule sei, erzählt das Mädchen. Klassenkameraden mit Namen wie Daniel, Alexander, Marie und Johanna vermisst sie offenbar nicht.

Mit dem Vorwurf, ethnische Gruppenbildung zu fördern, wird der Schulträger immer wieder konfrontiert. VIB-Geschäftsführer Yusuf Ordueri hat Antworten parat, die überzeugend klingen. "Wir haben die Schule nicht nur für Türkischstämmige gegründet, sondern um eine Lücke im Schulsystem zu füllen", sagt er. Die politisch Verantwortlichen hätten 40 Jahre lang nichts unternommen. "Jetzt, wo wir selbst aktiv werden gegen die Bildungsmisere, gibt es Kritik."

Gute Bildung sei ein Mittel gegen Abschottung, sagt der 36-Jährige, der selbst aus einer Gastarbeiterfamilie stammt und den sozialen Aufstieg geschafft hat. "Wer einen guten Beruf hat, hat auch mehr Selbstvertrauen und grenzt sich nicht aus", erklärt der gelernte Bauingenieur Ordueri.

Zwar will das Privatgymnasium in den ehemaligen Räumen einer Förderschule keine "Türkenschule" sein, Fakt ist aber, dass das außerschulische Angebot vor allem auf türkischstämmige Kinder und ihre Eltern ausgerichtet ist. Es gibt regelmäßige Informationsveranstaltungen und Hausbesuche bei den Eltern. Denn "man muss sie an die Hand nehmen", sagt Ordueri. Die Eltern seien mit dem deutschen Schulsystem überfordert, ebenso mit der Erziehung, denn türkische Erziehungsprinzipien basierten eher auf Beschützen als darauf, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen.

Obwohl der Besuch des Gymnasiums etwas kostet, ist es keineswegs nur Anlaufstelle für Kinder aus bildungsbürgerlichen und gut betuchten Familien. Gute Bildung ist, anders als öffentlich dargestellt, nicht nur ein Anliegen der türkischen Mittel- oder Oberschicht. Nur ein Viertel der Eltern sind Akademiker, die meisten haben keine oder nur eine geringe Schulbildung. "Viele Väter und Mütter sind ungelernte Arbeiter, und gerade deswegen legen sie besonderen Wert auf Bildung", erklärt Ordueri.

Zu ihnen gehören Aysun und ihr Ehemann. Die Eltern der Fünftklässlerin Nilay arbeiten beide in der Küche eines Krankenhauses. Aysun hat mit "Ach und Krach den Hauptschulabschluss gemacht". Weder sie noch ihr Mann, ein so genannter Import-Bräutigam mit unzureichenden Deutschkenntnissen, sind in der Lage, die Tochter zu unterstützen, weil es beiden an "Wissen und Zeit" fehlt. "In der Schule gibt es Förderunterricht, Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe, alles im Schulgeld inbegriffen", so Aysun. Grund genug, Nilay nach der vierten Klasse in die "Türkenschule" zu schicken. Als "Investition in die Zukunft" sieht die 30-Jährige die monatlichen Kosten von rund 240 Euro. "Meine Tochter soll es besser haben als ich", sagt sie.

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