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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

26. Juni 2010

Professor für Didaktik: "Liegt halb richtig, bei wem 2+2=5 ergibt?"

Hans Peter Klein  Foto: privat

Die neue Fokussierung auf Soft Skills macht Schüler erfolgreich - und dumm, sagt der Didaktiker Hans Peter Klein. Er wirft im FR-Interview einen kritischen Blick auf das Bildungssystem.

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Zur Person

Hans Peter Klein war lange Lehrer an einem Gymnasium in NRW. Seit 2001 hat er den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität inne und ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften.

Mit weiteren Bildungsexperten will er heute in Köln die "Gesellschaft für Bildung und Wissen" aus der Taufe heben. Die Gründung findet im Rahmen der Tagung "Bildungsstandards auf dem Prüfstand. Der Bluff der Kompetenzorientierung" statt. Die Gesellschaft wirft einen kritischen Blick auf das Bildungssystem, in dem, so Klein, die Beherrschung sogenannter Kompetenzen wichtiger wird und inhaltliches Wissen verloren geht.

Auf gemeinsame Bildungsstandards, die gerade innerhalb einer Ländervergleichsstudie überprüft wurden, verständigten sich die deutschen Kultusminister nach dem Pisa-Schock. In ihnen ist formuliert, welche Fähigkeiten Schüler heute beherrschen müssen. (bvl )

Herr Klein, Sie wollen heute mit anderen Bildungsexperten die "Gesellschaft für Bildung und Wissen" gründen. Ihre Initiative richtet sich gegen einen "entfesselten Aktionismus" im Bildungswesen. Wogegen laufen Sie konkret Sturm?

Nach Pisa ist das Bildungswesen auf ein sogenanntes output-orientiertes, also auf Kompetenzen basierendes System umgestellt worden - im Gegensatz zum früheren input-orientierten, wissensbasierten System. Das Wissen ist durch die neue Kompetenzorientierung zu 90 Prozent abgeschafft worden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich werde heute eine empirische Untersuchung vorstellen, nach der wir in der neunten Jahrgangsstufe eines nordrhein-westfälischen Gymnasiums eine Abitur-Leistungskursarbeit Biologie haben schreiben lassen - ohne jede inhaltliche Vorbereitung. Das Ergebnis war erschreckend, denn zwei Drittel Schüler hätten die Abiturarbeit bestanden, einer sogar mit einer Eins.

Was leiten Sie daraus ab?

Die Untersuchung zeigt: Es reicht, wenn der Abiturient lesekompetent ist; alle Antworten sind ja schon in dem Abitur-Aufgabenmaterial enthalten. Wir haben auch eine Kontrolle durchgeführt mit einer älteren Abiturarbeit aus der Zeit vor Einführung des Zentralabiturs. In dieser konnten die Neuntklässler keinen einzigen Satz schreiben, weil ihnen das abverlangte grundlegende Wissen nicht bekannt und im Arbeitsmaterial auch nicht vorgegeben war.

Fazit: Wenn zwei Drittel der Neuntklässler eine Abiturleistungskursklausur Biologie, deren Thema sie vorher überhaupt nicht kannten, mit der Note vier und besser schaffen, dann ist das zwar nach außen verkaufte Exzellenz - man feiert die drastische Erhöhung der Abiturientenzahlen als Erfolg -, in Wirklichkeit aber eine Nivellierung ins Nichts.

Und wem geben Sie die Schuld?

Die Bildungsstandards berücksichtigen nicht mehr, dass ein Schüler etwas wissen muss. Wenn Schüler in der Gruppe etwas erarbeiten, wenn sie referieren, kommunizieren, präsentieren und bewerten, dann sind die Kompetenzbereiche erfüllt. Aber keiner interessiert sich mehr für die Inhalte. Wenn man dann noch bedenkt, dass seit Pisa in der Lehrerausbildung das inhaltliche Studium um bis zu 50 Prozent reduziert wurde, dann ist davon auszugehen, dass die jüngeren Lehrer die Inhalte selbst nicht mehr in ausreichendem Maße kennen.

Aber ist es nicht auch wichtig, präsentieren und in Gruppen arbeiten zu können?

Schauen Sie sich die Graduiertenkollegs an den Unis an. Dort lernen Doktoranden sogenannte Soft Skills. Das ist gut und richtig, aber sie haben doch zunächst mal ihre inhaltliche Arbeit hinter sich gebracht, und darauf bauen sie dann Soft Skills auf. Bei den Bildungsstandards werden aber die Soft Skills zum zentralen Lerninhalt, sie ersetzen die Basis, die Inhalte.

Aber es gibt doch die Kerncurricula. Geben die nicht vor, was gelernt wird?

Kerncurricula schreiben keine Inhalte mehr vor.

Dafür garantieren Bildungsstandards ein Minimum an Gemeinsamkeiten und Vergleichbarkeit...

Ich frage Sie: Wenn jetzt jede Schule die Inhalte in den einzelnen Fächern beliebig bestimmen kann: Was ist da noch Standard? Und was ist vergleichbar?

Der Historikerverband jammert wie Sie und beklagt die willkürliche Stoffauswahl durch den Lehrer. Trifft das auch auf die Biowissenschaften zu?

Ganz stark sogar. Hinzukommt: Statt experimentell zu arbeiten, benutzen die Kompetenzler im Rahmen der neuen Kompetenzmodelle jetzt nur noch Arbeitsblätter, die sie an die Schüler austeilen. Bei den entwickelten Kompetenzstufen muss man sich dann fragen, wie man Kompetenzen eigentlich in fünf Stufen fassen kann? Das Beispiel 2+2=4 zeigt doch: Entweder weiß der Schüler es, dann ist er kompetent, oder er weiß es nicht, dann ist er inkompetent. Aus meiner Sicht kann man das nicht in fünf Stufen fassen. Soll, wenn der Schüler 2+2=5 sagt, das dann noch halb richtig sein, weil 5 nah an 4 liegt?

Wie erklären Sie sich, dass sich bislang niemand daran gestört hat?

Weil die Eltern sich freuen und die Politiker und das Pisa-Konsortium es als ihren Erfolg verbuchen, dass jetzt so viele Schüler das Abitur bekommen. Qualität soll jetzt also durch Quantität ersetzt werden. Das große Erwachen kommt aber später, wenn sie merken, dass man damit nichts anfangen kann. Auch an den Universitäten sind wir angehalten, die zu erwartende Flut von Studierenden wegen der doppelten Abiturjahrgänge irgendwie durchzuschleusen.

Der Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften steigt doch, wir brauchen mehr Absolventen.

Es wird immer behauptet, dass die Akademikerzahlen mindestens verdoppelt werden sollen. Aber der Staat, der bislang die meisten Akademiker eingestellt hat, ist pleite, und eine Qualitätssicherung findet angesichts der Massenunis nicht statt - allein aufgrund der unzureichenden Finanzierung. Auf einer Exkursion traf ich neulich einen sehr kompetenten Wattführer, der im Winter von Hartz IV lebt. Er war promoviert und hatte keine Professorenstelle bekommen. Ein anderes Beispiel: Auf eine einzige ausgeschriebene Stelle an einem Gymnasium in NRW haben sich kürzlich 49 Personen beworben, davon 35 Promovierte und drei Habilitierte. Wir werden uns noch wundern, vor allem die Eltern und Schüler, die jetzt Abitur machen. Viele von ihnen werden später keine adäquaten Jobs bekommen, denn die haben wir dann nicht mehr.

Interview: Birgitta vom Lehn

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