Der Schock traf Monika T. im Juni 2009 aus heiterem Himmel: Rückenschmerzen und ein Verdacht auf Bandscheibenvorfall hatten sie ins Krankenhaus getrieben. Doch die Ärzte fanden ein Sarkom, einen verknöcherten Tumor im Kreuzbein. Nach zwei Operationen nahmen die Mediziner der damals 51-Jährigen beinahe jede Hoffnung: "Wir können nichts mehr für Sie tun", hieß es. "Der Tumor wuchs und wuchs und meine Ärzte sahen keine Möglichkeit, mir eine Behandlung anzubieten", erzählt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern.
Ihre Tochter stieß dann bei der Suche nach dem rettenden Strohhalm auf die Protonentherapie, die seit Anfang 2009 am Rinecker Proton Therapy Center (RPTC) in München angeboten wird. Mit ihr ist es möglich, den Strahl bei Bedarf tiefer in den Körper zu lenken und den Tumor präziser und effektiver zu attackieren als bei herkömmlicher Röntgenbestrahlung.
Atmen kann ein Problem sein
Im Flur vor den fünf Therapieplätzen sieht es aus wie in jedem anderen Krankenhaus: Geschrubbte Böden, unzählige Türen, geschäftiges Personal. Ungewöhnlich sind vielleicht nur die tiefblauen kanuartigen Matratzen, die hie und da zu sehen sind. "Jeder Patient bekommt schon bei den Voruntersuchungen eine Vakuummatratze angepasst, die sicherstellen soll, dass er bei jeder Bestrahlung genau gleich liegt", erläutert RPTC-Chef Hans Rinecker.
Schließlich sollen die Protonen aus dem Zyklotron genannten Teilchenbeschleuniger exakt den Tumor treffen - da ist bei einem Lungenkarzinom schon das Atmen ein Problem. Ein Grund, weshalb Rineckers Team Lungentumore unter Atemstillstand bestrahlt - und Brustkrebs noch gar nicht. "Wir können die Brust noch nicht so lagern, dass sie jedes Mal gleich liegt", erläutert Rinecker.
Wie eine Mumie fühle man sich in der Matratze, sagt Helmut Bitter, der in München gerade wegen seines Prostatakrebs bestrahlt wird: "Das ist wie eine Zwangsbettung, damit das Becken fixiert bleibt." Aber das sei schon in Ordnung: "Das dauert ja nur ein paar Minuten."
Von hier bis zum Mond in knapp zwei Sekunden: Mit bis zu 180000 Kilometern pro Sekunde treffen die Protonen auf den Tumor. Bis zu 10000 Zielpunkte in der Geschwulst werden dabei per Scanner exakt abgefahren. Möglich macht das eine gigantische Maschinerie jenseits des harmlos wirkenden Krankenhausflurs.
Magnete lenken den sausenden Strahl aus dem Zyklotron immer in den Behandlungsraum, in dem er gerade gebraucht wird. 60 Sekunden dauert eine Standardbestrahlung in einem der vier Gantry genannten Therapiezellen, die den Strahl 360 Grad rund um den Patienten führen können: Wie riesige Edelstahltöpfe wirken die 150 Tonnen schweren Hightechgeräte, auf deren Rückseite sich ein Maschinenraum zeigt, der in seinen Dimensionen an den eines Schiffs erinnert. Für Monika T. war diese Technik-Kathedrale, zu der noch ein fünfter Therapieplatz für Behandlungen am Auge gehört, die letzte Hoffnung.
"Wochenlang konnte ich nur auf dem Bauch liegen und hatte kaum die Kraft, mich gegen die Krankheit zu wehren." Ihr Schmerztherapeut, Clauspeter Pfad, vermittelte ihr einen Platz in München und förderte die Kooperation von Technikerkrankenkasse und RPTC. Innerhalb einer Woche stimmte die Kasse der Kostenübernahme zu. Am 26. November kam T. liegend in München an und erhielt nach gründlichen Untersuchungen am 3. Dezember die erste von 20 Bestrahlungen.
"Schon nach dem vierten Termin konnte ich wieder auf dem Rücken und auf der Seite liegen", freut sich T. " Am 19. Dezember wurde sie ihren Katheter los und nach dem letzten Termin am 8. Januar "watschelte ich tags darauf selbst zum Auto". Der einst avocadogroße Tumor war rundherum zwei Zentimeter kleiner "und beeinträchtigte mich nicht mehr". Zwei Monate später versicherte ihr der Arzt, der Tumor sei "stark verdichtet". Auch nach der Therapie gehe die Zellzerstörung im Tumor noch ein paar Monate weiter.
Hat sie es überstanden? Vierteljährlich muss sie nun prüfen lassen, wie der Tumor sich entwickelt. Noch ist T.´s linkes Bein nicht ganz in Ordnung, aber sie arbeitet dran. Der Tumor bleibt drin, auch wegen der Nervenbahnen, die ihn durchkreuzen. "Ich lebe damit. Mir ist dabei sehr bewusst, dass ich im November ziemlich am Ende war. Und: Ich will noch ganz lange leben. "
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