Zu behaupten, Hans Rinecker sei überzeugt von "seiner" Protonentherapie, wäre untertrieben. Der Chirurg, der jahrelang daran gearbeitet hat, sein 150 Millionen Euro teures Protonentherapie-Centrum verwirklicht zu sehen, ist fokussiert auf die Methode: Chemotherapie? "Bringt nur vier Prozent Heilungserfolg", sagt er abwinkend. Gentherapie? "Jede Krebszelle hat bis zu 20000 Mutationen - da führt kein Weg in die Heilung." Herkömmliche Bestrahlung? "Eine Brustkrebs-Patientin, die an der rechten Brust bestrahlt wird, hat ein 2,17 fach erhöhtes Risiko, ein Bronchialkarzinom zu entwickeln: Mit Röntgen strahlen wir doch meist ins Gesunde."
Auch Rinecker weiß: "Protonentherapie ist kein Wundermittel, aber sie bietet eine wunderbare Ortsdosisverteilung, das heißt, die Protonen bleiben im Tumor stecken und es entstehen chemische Radikale. Die wirken lokal fast wie ein Desinfektionsmittel."
Rineckers Lieblingsargument für die Protonentherapie lautet: "Sie ist legal." Damit spielt er auf die Strahlenschutzverordnung an, wonach bei der Strahlentherapie "die Dosis außerhalb des Zielvolumens (...) so niedrig zu halten (ist), wie dies unter Berücksichtigung des Behandlungszwecks möglich ist". Das, folgert Rinecker, sei nur mit der Protonentherapie möglich, die drei- bis fünfmal weniger Strahlen ins gesunde Gewebe schicke. "Konventionelle Strahlentherapeuten haben Angst um ihre Existenz. Deshalb werden wir so angegriffen."
Professor Rita Engenhart-Cabillic, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (Degro), hört sich nicht besonders angriffslustig an: Tausende Patienten mit Aderhautmelanom - einem Tumor im Auge - seien weltweit bereits erfolgreich mit Protonentherapie behandelt worden, sagt sie: "Es ist seit Jahren gesichert, dass sie diesen Krebs erfolgreich bekämpft. Aber das heißt nicht, dass das auch für andere Krebsarten gilt." So werde das Wachstum der Tumorzellen, die Angiogenese, durch eine Strahlentherapie bei bestimmten Krebsarten erst richtig angeheizt, bei anderen gehemmt, warnt Engenhart-Cabillic, die selbst die Leitung der in Marburg geplanten Ionentherapieanlage übernimmt: "Deshalb brauchen wir dringend klinische Studien, die das für jede Tumorart untersuchen."
Rinecker dreht den Satz herum: "Es gibt wissenschaftlich keinen Beleg dafür, dass Protonentherapie für bestrahlbare Tumore schlechter als Röntgen geeignet ist." Er sehe auch keine Basis für klinische Studien: "Das geht schon deshalb nicht, weil man gar keine Patienten findet für eine vergleichende Studie zwischen Photonen- und Protonentherapie." Heißt das, er nimmt jeden Patienten? "Nein, Hauptablehnungsgründe sind Vorbestrahlungen, Metastasen und ein nicht bestrahlungsgeeigneter Tumor."
Unverständlich nennt es Engenhart-Cabillic, dass sich Rinecker bisher nicht an der Risk-Datenbank der Uni Münster beteilige, die Spätfolgen nach Strahlentherapie bei Kindern erfasst.
Hohe Preisunterschiede
Deutlich äußert sich Klaus-Peter Thiele vom Kompetenzzentrum Onkologie des Medizinischen Diensts der Krankenkassen: "Es ist überflüssig, mit einem Ferrari Brötchen zu holen", urteilt er über die breite Anwendung der Protonentherapie, die mit 21000 Euro zu Buche schlage, während eine herkömmliche Bestrahlung lediglich 3000 Euro koste. Er räumt aber ein: "Manchmal ist der Ferrari angemessen."
Etwa, wenn jemand schon bestrahlt wurde und mit herkömmlicher Bestrahlung die Gesamtdosis zu hoch würde oder wenn der Tumor so ungünstig sitzt, dass gesunde Organe gefährdet würden.
Rinecker versichert, dass sich die Preisunterschiede schnell relativieren werden, weil die Tagesdosis im RPTC so heraufgesetzt werden könne, dass nur noch die Hälfte der Bestrahlungen nötig sei. "Es spricht viel dafür, dass das stimmt", räumt Thiele ein, "aber das muss man wissenschaftlich begleiten." Professor Jürgen Debus, Leiter des Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrums, stellt die Frage anders: "Wäre die Ionenstrahl-Therapie genauso teuer und verfügbar wie die konventionelle, gäbe es wohl nur wenige, die letztere vorzögen."
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