Herr Koch, warum fällt Ihnen beim Thema Adoleszenz gerade Odysseus ein?
Dieses sehr passende Bild haben die Amerikaner geprägt: Der Lebensweg der jungen Erwachsenen ist heute weniger denn je vorhersehbar, weil sowohl die Geschlechterrollen als auch die Berufsperspektiven nicht festgelegt sind. Damit haben vor allem die jungen Männer zu kämpfen: Einerseits sollen sie partnerschaftlich sein, andererseits auch traditionell verankert. Deshalb irren sie herum wie einst Odysseus.
Anstatt Abenteuer zu bestehen, bleiben sie aber immer häufiger im Nest der Eltern hocken. Wie passt das zusammen?
Das hat sicher auch ökonomische Gründe. Und dann mag die eigene Bequemlichkeit eine Rolle spielen. Der Hauptgrund für das Nesthocken ist aber ein grundlegend verändertes Verhältnis zwischen den Generationen: Während die heutigen Eltern und Großeltern doch eher froh waren, dass Elternhaus verlassen zu können, gilt das für viele junge Erwachsene heute nicht mehr.
Also Symbiose statt Feindbild?
Symbiose trifft es nicht. Denn das würde heißen, dass Eltern und Kinder untrennbar miteinander verschmelzen. Soweit geht die Liebe dann doch nicht!
Was hält junge Erwachsene von der Selbstständigkeit ab?
In den meisten Familien herrscht ein eher partnerschaftliches Verhältnis und kein autoritärer Erziehungsstil mehr. Deshalb fällt die Abgrenzung schwerer.
Deshalb bleiben die Jungen lieber bis Ende 20 im "Hotel Mama". Ist das aus psychologischer Sicht problematisch?
Allerdings, denn gerade in der späten Adoleszenz, also in den Jahren nach der Schulzeit, sollte das größte Ziel sein, selbstständig zu werden. Aber nicht in dem Sinne, dass die Eltern mit ihren Kindern nichts mehr zu tun haben. Das wäre falsch, denn gerade jetzt brauchen sie Mutter und Vater. Allerdings nicht als Versorger, sondern als Begleiter, die das Selbstwertgefühl stützen. Wer jedoch zu lange zu Hause hockt, kann diese Eigenständigkeit nicht ausreichend entwickeln.
Laut einer Studie der amerikanischen Wissenschaftlerin Judith Wallerstein haben vor allem Scheidungskinder Probleme, erwachsen zu werden. Warum?
Bei dieser großen Untersuchung wurde die Entwicklung von mehr als 2000 Scheidungskindern über einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren verfolgt. Ein Ergebnis war, dass sie länger im Elternhaus bleiben als andere. Das liegt aber weniger daran, dass diese Kinder nicht erwachsen werden wollen. Die meisten haben sehr früh selbstständig werden müssen. Aber sie haben größere Schwierigkeiten, Bindungen außerhalb der Familie aufzubauen. Das kann dazu führen, dass sie lange Schutz in der Familie suchen.
Was empfinden die Eltern, wenn ihre Kinder nicht flügge werden?
Viele haben selbst wenig Interesse am Auszug ihrer Kinder, weil sie von dem partnerschaftlichen Verhältnis profitieren. Auf einem Popkonzert kann man heute Opa, Papa und Enkel antreffen.
Finden die Jugendlichen das nicht schrecklich peinlich?
Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen: Nein. Ich finde das selbst sehr erstaunlich, weil ich meine Eltern sicher nicht in eine Szenebar mitgenommen hätte. Meine Söhne hingegen, sie sind beide Musiker, haben damit offenbar keine Probleme. Die sehen mich nicht als Störfaktor.
In der Pubertätszeit kracht es hingegen oft zwischen Eltern und Kindern. Was unterscheidet die Sturm- und Drangphase vom Leben als junger Erwachsener?
In der Pubertät steht die Frage "Wer bin ich" im Vordergrund. In der späten Adoleszenz geht es um die Frage: "Wo will ich hin?" Deshalb können Probleme in der Liebe oder dem Beruf auch viel existenzieller sein als in der Pubertät.
Zum Beispiel?
Wenn mit Mitte 20 eine Beziehung in die Brüche geht, dann gehen auch Lebensplanungen verloren, die ein Pubertierender noch gar nicht hat: Zusammenziehen, Familie gründen. Das kann eine viel größere Verzweiflung auslösen als der Liebeskummer mit 14. Das gleiche gilt beim Job: Wenn ich mit 25 immer noch keinen Ausbildungsplatz habe, dann geht dieser Konflikt viel tiefer. Ein verpatztes Schuljahr in der Pubertät ist in der Regel kein Weltuntergang. Der Absturz in Hartz IV ist es schon.
(Interview: Katja Irle)
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