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Psychologie in der Krise: Das Prekariat auf der Couch

Das so genannte Prekariat erhält immer weniger eine Grundausbildung, die zu einem verlässlichen, dauerhaften und disziplinierten Einhalten eines Psychotherapiekontrakts befähigt. Viel mehr als beim relativ einfachen und niedrig schwelligen Besuch beim Hausarzt sind für Aufnahme und Unterhaltung einer Psychotherapie Kompetenzen gefragt, wegen deren mangelnder Ausprägung diese Patienten ja gerade in Notlagen geraten sind.

In vielen Fällen sind Psychoedukation, psychopädagogische Programme und Trainings für Alltagskompetenzen oder verhaltenstherapeutische Angebote ratsam. Auch Suchtbehandlung oder Gewaltprävention ist sinnvoll. Doch solche Ansätze blockiert das deutsche Gesundheitssystem aus kurzfristig gedachten Kostengründen in der ambulanten Versorgung, während sie im stationären Bereich selbstverständlich sind. Zudem fehlen diese Module in herkömmlichen Psychotherapieausbildungen fast ganz.

Dennoch wird man viele Patienten aus der Unterschicht kaum psychotherapeutisch oder pädagogisch erreichen können und das Feld bleibt Streetworkern, Sozialarbeitern und Bewährungshelfern überlassen. Wer sich - ob zu Recht oder nicht - als Opfer jener Verhältnisse fühlt, die er intellektuell und alltagspraktisch kaum durchschaut, wird wenig Motivation zur Veränderung aufbringen.

Unterschichtsangehörige können weder die sie bestimmenden sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen von Arbeit, Wohnen, Freizeitgestaltung, Bildung, Kultur und Kontakten verändern, noch erleben sie ihre Misere als Motivationsquelle zur Selbstveränderung.

Nirgends werden die Folgen sozialer Verelendung und Untersozialisation, von Sucht und Gewalt, psychischer und körperlicher Verwahrlosung, Schröderscher Agendapolitik, Globalisierung oder gescheiterter Migration deutlicher als in psycho-sozialen Einrichtungen, besonders der Psychiatrie. Doch die Hürde zu einer ambulanten, aufdeckenden oder verhaltenssteuernden Psychotherapie nehmen nur jene, die den Psychotherapeuten und ihrer Schicht potentiell ähnlich sind: Für die Konsequenzen verfehlter Sozial- und Bildungspolitik gibt es keine Psychotherapie.

Micha Hilgers ist Psychoanalytiker und Publizist in Aachen. Von ihm erscheinen: "Scham. Gesichter eines Affekts". "Mensch Ödipus. Konflikte in Familie und Gesellschaft". "Leidenschaft, Lust und Liebe", alle Vandenhoeck & Ruprecht.

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Autor:  Micha Hilgers
Datum:  13 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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